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WELTHANDEL 119,3 Volt

Amerikaner und EG-Europäer wollen die Japaner zwingen, die Ausfuhren zu bremsen und Importe zu erleichtern. Kommt es zum Wirtschaftskrieg?
aus DER SPIEGEL 52/1977

Knapp 36 Jahre nach Pearl Habor machte Japans Massenblatt »Yomiuri Shimbun« neuerlich für das Inselreich gefährliche Feinde aus -- abermals in Übersee.

»In einer gemeinsamen Allianz«, empörte sich die Zeitung, »haben sich die USA und Westeuropa die japanische Wirtschaft als ihr Angriffsziel gewählt.« Kriegerisch tönte es auch auf der anderen Seite des Pazifiks: »Am Rande des Handeiskrieges«, meldete etwa das amerikanische Nachrichtenmagazin »U.S. News & World Report«.

Tatsächlich sind die Amerikaner zum wirtschaftlichen Waffengang gegen Japan entschlossen, seit deutlich wurde, daß sie im Handel mit den Konkurrenten aus Fernost hoffnungslos abgeschlagen sind. Und auch die Wirtschafts-Strategen in der europäischen Neunergemeinschaft wollen die Exportoffensive aus Japan kaum länger hinnehmen.

Angesichts beispiellos hoher Arbeitslosenzahlen, niedriger Wachstumsraten und schleppender Inlandsnachfrage in den westlichen Industriestaaten machen Politiker, Unternehmen und Gewerkschafter unisono gegen die ausfuhrwütigen Japaner Front.

Nippons Außenhändler werden in diesem Jahr, so errechneten Experten, für 15 Milliarden Dollar mehr Güter im Ausland absetzen, als sie dort kaufen.

Allein Amerikas Defizit im Handel mit Japan kletterte in den ersten neun Monaten auf 6,3 Milliarden Dollar

das sind schon 50 Prozent mehr als im gesamten letzten Jahr. Fast ein Drittel des voraussichtlichen Fehlbetrags, den die Amerikaner 1977 im Außenhandel verbuchen werden, geht auf das Konto Japans.

Kaum besser schneiden die EG-Europäer ab. Die Japaner drückten in den ersten drei Quartalen für 4,2 Milliarden Dollar mehr Waren in die EG, als die EG-Europäer in Japan losschlagen konnten. Und bis zum Jahresende wird sich Japans Ausfuhrüberschuß gegenüber der EG noch weiter erhöben.

Die Folge der mit solcher Wucht noch nie dagewesenen Exportgüterflut: Japans Devisenreserven türmen sich in Rekordhöhe. Die Bank of Japan gibt sie offiziell mit 22,5 Milliarden an, nach international üblicher Rechnung sind es noch sieben Milliarden mehr.

Aufgebracht sind die Wirtschaftslenker in den USA und Europa besonders deshalb, weil Tokios Regierungschef Takeo Fukuda schon seit Monaten auf Drängen der westlichen Partner immer wieder versprochen hat, für mehr Balance bei den Aus- und Einfuhren zu sorgen -- dann aber nichts unternahm.

Noch immer behindert Tokio mit einem Wust sogenannter nichttarifärer Handelshemmnisse die Einfuhr. Die Barrieren reichen von mengenmäßigen Beschränkungen über bürokratische Zollabwicklung bis hin zu unsinnig erscheinenden technischen Normen.

Schimpfte etwa Präsident Carters Sonderbeauftragter für Handelsfragen, Robert Strauss, über die japanischen Tricks: »Um reinzukommen, muß ein Elektrogerät 119,3 Volt Spannung haben oder irgend so etwas, was es nirgends sonst auf der Welt gibt.«

Wie aufgeheizt die Stimmung gegen die Japaner in Washington ist, wurde deutlich, als Strauss den Japanern öffentlich ein Ultimatum für einen Kurswechsel stellte.,, Wir glauben«, so Strauss, »daß einige Neuorientierungen der Japaner notwendig sind, und zwar bald.« Auf die Frage »Wann?« polterte der Carter-Vertraute: »Noch heute nachmittag.«

Schon fürchtet die eher freihändlerische Administration in Washington, dem Druck der Protektionisten nicht mehr lange widerstehen zu können. Setzt aber der Kongreß protektionistische Gesetze durch, würden die auch Europas Exporteure treffen -- eine protektionistische Kettenreaktion mit verheerenden Folgen für den Welthandel wäre zwangsläufig.

Erst als die Amerikaner rabiat wurden und damit drohten, eine 15prozentige Einfuhrsteuer zu erheben, wurden auch Japans Wirtschaftsplaner nervös.

Eilends schickte Regierungschef Fukuda letzte Woche Nobuhiko Ushiba, gerade erst auf den neugeschaffenen Posten eines Ministers für außenwirtschaftliche Angelegenheiten gehievt, auf Friedensmission nach Washington.

Ushibas Angebot: durchschnittliche -- auf acht Jahre gestreckte -- Zollsenkungen von 20 bis 30 Prozent für etwa 300 Produkte. Für einige Waren sollen schon alsbald die Zollsätze reduziert oder gestrichen werden, so etwa für Computer (von 13,5 auf 10,5 Prozent), Farbfilme (von 16 auf 13 Prozent). Außerdem werde Tokio, versprach Ushiba, noch bestehende Einfuhrbeschränkungen lockern.

Gereizt antwortete Carters Chefunterhändler Strauss dem Japaner, diese Maßnahmen seien »völlig unzureichend, um irgendeinen maßgeblichen Effekt auf den derzeitigen Handelsüberschuß Japans zu haben«.

Dabei bangen schon jetzt Japans Exporteure um ihre Märkte. Jahrelang harten sie davon profitiert, daß die staatliche Notenbank -- zumindest nach Meinung internationaler Währungsexperten -- den Yen-Kurs nach unten manipulierte und so die Ausfuhren künstlich verbilligte.

Schon im März nahm deshalb Präsident Carter Premier Fukuda in die Zange. Falls Japan seine Wechselkurspolitik nicht ändere, warnte damals der Präsident, könne er wirtschaftliche Repressalien nicht ausschließen.

Das zeigte Wirkung. Der Wert des Yen gegenüber dem Dollar stieg seither um rund 20 Prozent. Die Aufwertung hatte für viele kleinere Exportfirmen dramatische Folgen. Weil sie ihren Wettbewerbsvorsprung eingebüßt hatten, gingen viele Unternehmen pleite, allein im November fast 1600.

Mittlerweile kauft die Notenbank Dollar wieder massenweise, um den Kursanstieg der eigenen Valuta zu bremsen. Denn ähnlich wie in der Bundesrepublik brachten in Japan vor allem die Exporte die flaue Konjunktur wieder auf Fahrt.

Regierungschef Fukuda sieht nun seine Landsleute in die Enge getrieben. Japan, meinte er düster, befinde sich »jetzt in einer ähnlichen Lage wie. jener, die zum Zweiten Weltkrieg führte«.

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