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MANAGER 15 Millionen zum Abschied

Vier Jahre lang hat der scheidende RWE-Chef Harry Roels vor allem eines gemacht: viel Geld verdient. Doch auch sein Nachfolger Jürgen Großmann ist umstritten.
Von Frank Dohmen und Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 9/2007

Die sechs Mitglieder des Personalausschusses bei RWE, darunter Ver.di-Boss Frank Bsirske, blickten ungläubig auf ihren Vorsitzenden, den Chef der WestLB, Thomas Fischer. Einige Augenblicke lang herrschte Stille.

Es war im Advent, das letzte Treffen einiger Mitglieder des Gremiums im vergangenen Jahr. Wieder einmal ging es darum, wer Konzernchef Harry Roels nachfolgen könnte. Dutzende Namen hatten die Räte in den Monaten davor erwogen, viele davon mehrmals.

Jürgen Großmann, Eigentümer des mittelständischen Unternehmenskonglomerats Georgsmarienhütte, war bis dahin keiner der Kandidaten. Ein Stahl-Mann? Ein »Frog«, also ein »Friend of Gerhard Schröder«? Gerunzelte Stirn, abwägendes Kopfnicken. Hm. Ja. Aha.

»Eine interessante Variante«, war der erste Kommentar, der einem der Herren über die Lippen kam. Fischer vertritt gern eigenwillige Ideen - und er kann überzeugen: Großmann sei ein erfolgreicher Manager, der tragfähige Firmenstrategien entwickelt habe. Einer, dem kurzfristige Spekulanten zuwider seien. Einer, der zupacke und der sich auf dem politischen Terrain, in dem RWE verwurzelt ist, bewegen könne.

Am Ende der Sitzung erhielt Fischer den Auftrag, mit Großmann zu sprechen. Wenige Tage nach Weihnachten traf er den Manager an seinem Urlaubsort im Süddeutschen. Am Mittwoch vergangener Woche dann bestellte der Aufsichtsrat den 54-jährigen Unternehmer zum neuen RWE-Chef - und löste damit zunächst einmal einen Kursrutsch aus. Um zeitweise rund vier Prozent schmierte die Aktie des hinter E.on zweitgrößten deutschen Energieriesen ab - aus gutem Grund.

Mit Roels scheidet bei RWE ein echter Liebling von Analysten und Spekulanten aus. Seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren hat er den Konzern konsequent entschuldet. Dazu legte er nicht nur rigide Sparprogramme auf. Sehr zur Freude der Börsianer verkaufte der Niederländer auch große Teile des RWE-Tafelsilbers.

Immobilien, Baugeschäft oder die mil-liardenschwere Wassersparte - alles, was nicht zum Kerngeschäft gehörte, ging weg. Außerdem schraubte Roels die Strompreise für seine Kunden immer höher und kürzte zeitweise die Investitionen, sogar bei den sensiblen Stromnetzen. Die Folge: RWE fuhr nicht nur Rekordgewinne ein, auch der Aktienkurs des einst so behäbigen Unternehmens kletterte enorm - von etwa 25 Euro beim Amtsantritt von Roels auf inzwischen knapp 80.

Was an den Börsen bejubelt wurde, brachte den RWE-Chef im eigenen Unternehmen unter Beschuss. Denn vom Börsenaufschwung profitierten nicht nur die Aktionäre, sondern in erster Linie auch Roels selbst.

Dank eines Bonusprogramms, das sich fast ausschließlich am Aktienkurs orientiert, hatte der RWE-Chef zu großen Teilen persönlich in der Hand, was er verdiente. Und das, so der Vorwurf seiner Kollegen und zahlreicher Aufsichtsratsmitglieder, nutzte Roels aus.

Firmenzukäufe im In- oder Ausland, Investitionen in Netze, neue Kraftwerke, Gasgeschäfte oder Rohstoffreserven - alles, was die stetig steigenden Kurse hätte gefährden können, lehnte der RWE-Chef ab. Gut für die Aktionäre, vor allem aber gut für Roels. Denn er verdiente so allein im vergangenen Jahr rund 15 Millionen Euro. Dazu hat er Anspruch auf Aktienoptionen in Höhe von 3 Millionen Euro, die demnächst fällig werden dürften.

Nach Ablauf seiner fünfjährigen RWE-Tätigkeit, schätzen Insider, dürfte Roels rund 50 Millionen Euro verdient haben. Hätte sich der Aufsichtsrat sofort von ihm getrennt, wäre nach Berechnung von Branchenkennern eine Abfindung von bis zu 40 Millionen Euro fällig geworden.

Für den Konzern und seine Mitarbeiter war das Wirken des Niederländers weit weniger positiv. Was Roels hinterlässt, ist alles andere als ein international ausgerichteter Energiekonzern vom Format des Düsseldorfer Konkurrenten E.on.

RWE ist ein auf sein Kerngeschäft in Deutschland zurechtgestutztes Energieunternehmen mit Milliarden von Euro an Barreserven in der Kasse - ein lukrativer Übernahmekandidat für jeden Energiemulti, der auf dem deutschen Markt Fuß fassen möchte. Und so lauern EU-Konkurrenten wie die italienische Enel oder die russische Gasprom trotz aller Dementis nur auf eine günstige Gelegenheit, mit einer Milliardenofferte in Essen einzusteigen.

Ob ein branchenfremder, mittelständischer Stahlmanager wie Großmann in dieser Situation wirklich der richtige Chef

ist, hat im Konzern vergangene Woche zu heftigen Diskussionen geführt. Sicher scheint: Der 54-jährige Rheinländer ist das Kontrastprogramm zu Roels. Er legt Wert auf langfristige Entwicklungen und hat ein gutes Verhältnis zu den Gewerkschaften.

Auch seine Karriere ist erstaunlich. Als Vorstand der Klöckner-Werke AG übernahm er Anfang der neunziger Jahre zum symbolischen Preis von zwei D-Mark einen maroden Stahlbetrieb in Georgsmarienhütte, den er mit hohem persönlichem Risiko zu einer weltweit agierenden Gruppe mit 8400 Mitarbeitern und einem Gewinn von 102 Millionen Euro ausbaute.

Doch reicht das aus, den zweitgrößten deutschen Stromkonzern zu führen, ein Imperium mit immerhin rund 70 000 Mitarbeitern und einem Gewinn von knapp vier Milliarden Euro? Kann sich der Manager im knallharten internationalen Kampf um Rohstoffe, Absatzmärkte und Kunden durchsetzen? Hat er wirklich das Format, einen solch schwierigen Dax-Konzern wie RWE zu leiten?

Aufgedrängt zumindest hat er sich nicht. Denn selbst Aufsichtsratschef Fischer hatte im Dezember noch ganz andere Pläne. Damals bemühte er sich, E.on-Vorstand Johannes Teyssen zur RWE zu holen - vergebens. Bei E.on wollte man den erfolgreichen Energiemanager nicht ziehen lassen.

Dabei stand Teyssen auch bei zahlreichen RWE-Managern ganz oben auf der Wunschliste für die Roels-Nachfolge. Im Gegensatz zu Großmann hätte der E.on-Mann zumindest wertvolle Kontakte in der internationalen Energiebranche und das notwendige Fachwissen mitgebracht.

Deutlich riskanter als mangelnde Fachkenntnis könnte der Umstand werden, dass Großmann sein neues Amt erst im November antreten wird. Für einen möglichen Angreifer, wundern sich RWE-Manager, ist dieses drohende Machtvakuum geradezu eine Einladung.

In Berlin und Brüssel werden in den nächsten Monaten ganz entscheidende Weichen für RWE gestellt. Es geht um existentielle Fragen wie den von der EU geforderten Zwangsverkauf der milliardenschweren Stromnetze, um Restlaufzeiten von Atomkraftwerken, CO2-Sonderrechte für die hauptsächlich von RWE betriebenen Braunkohlekraftwerke und die Regulierung der Strompreise.

Jeder einzelne Punkt, orakeln RWE-Manager, kann den Konzern viele hundert Millionen Euro kosten. Und dass sich Roels ausgerechnet in den letzten Monaten seiner Amtszeit solcher Themen annimmt, hält man auch im Aufsichtsrat für wenig wahrscheinlich.

Wahrscheinlicher, spotten Mitarbeiter, sei da schon, dass er seine Amtszeit beendet, wie er sie vor vier Jahren bei RWE antrat: mit einem ausgedehnten Urlaub.

FRANK DOHMEN, WOLFGANG REUTER

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