1700-Euro-Auto Wieso der Nano Tatas Meisterstück ist

Kein Komfort, keine Sicherheitstechnik - das neue Billig-Auto von Tata hätte auf dem europäischen Markt keine Chance. Für die Konkurrenz ist der Nano trotzdem ein Alarmsignal: Er ist der Beweis dafür, dass der Konzern die Ziele erreicht, die er sich steckt.

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Berlin - Den Nano verdankt Indien einem Missverständnis: Auf dem Genfer Autosalon 2003 ließ Konzern-Chef Ratan Naval Tata auf einer Pressekonferenz die Bemerkung fallen, er würde gerne einmal ein Auto bauen, das sich auch die untere Mittelklasse in Indien leisten könnte. Ein Journalist fragte daraufhin, wie teuer so ein Auto denn sein dürfe. "Ungefähr 100.000 Rupien", antwortete Tata – umgerechnet 2000 Dollar. Einen Tag später meldete die Nachrichtenagentur Reuters Chart zeigen, Tata wolle ein Auto für 2000 Dollar auf den Markt bringen.

Der Tycoon hätte die Meldung richtig stellen können. Eine Wunschvorstellung ist schließlich keineswegs gleichzusetzen mit einem konkreten Plan. Doch dann rief er seine Ingenieure zu sich und forderte sie auf, nach möglichen Lösungen zu suchen. Die Herausforderung war groß – immerhin ging es darum, einen Wagen zu konstruieren, der kaum die Hälfte von dem bis dato billigsten auf dem Markt befindlichen Modell kosten würde.

Die Konstrukteure lösten das Problem vor allem durch Weglassen: Servolenkung, elektrische Fensterheber, Klimaanlage – Komfortextras, die Gewicht und Geld kosten, wurden von vorneherein gestrichen. Scheibenwischer und Außenspiegel gibt es jeweils nur einmal - Tata zelebriert die maximale Reduktion.

Das Publikum aus den Industriestaaten nahm das Kunststück mit Bewunderung zur Kenntnis, die Inder reagierten mit frenetischem Beifall. Allerdings mischten sich schnell auch kritische Bemerkungen in die Kommentare deutscher, britischer oder amerikanischer Beobachter: Wichtige Sicherheitseinrichtungen wie Antiblockiersystem oder Airbags seien nicht vorhanden, hieß es. Ein ADAC-Experte äußerte sich abwartend, ob der Kleinwagen einen Crashtest nach europäischen Vorgaben bestehen würde. Klimaschützer bezeichneten das Gefährt sogar als Alptraum - sie schrecken die zusätzlichen Abgase von Hunderttausenden neuen Autofahrern.

Großes Renommee im Inland

Nicht das erste Mal stößt der indische Konzern auf Vorbehalte in der westlichen Welt. Zuletzt geriet Tata wegen der möglichen Übernahme der britischen Traditionshersteller Jaguar und Land Rover in die Schlagzeilen: Amerikanische Autohändler sprachen sich dagegen aus, weil dies das noble Image gefährden könnte, wie das Magazin "NZZFolio" berichtet. Das gleiche Vorurteil sei vor einem Monat auch den Geschäftsführern der zur Tata Chart zeigen-Gruppe gehörenden Taj-Hotelkette entgegen geschlagen, als sie sich um eine intensivere Zusammenarbeit mit der US-Schwestergesellschaft Orient Express bemüht hätten. Die Amerikaner wiesen das Begehren rüde ab, weil sie Schaden für ihre Marke befürchteten.

Wer solche Vorbehalte pflegt, macht allerdings einen Fehler: Er unterschätzt Tata. Denn im eigenen Land genießt der Konzern höchstes Ansehen. Seit Ratan Tata den Chefposten im Unternehmen 1991 von seinem Onkel übernahm, hat er die Firmengruppe zu einem weltumspannenden Konzern ausgebaut, zu dem 98 Tochterunternehmen mit knapp 290.000 Mitarbeitern gehören. In Indien gilt der 70-Jährige als unumschränkte Autorität - nicht zuletzt, weil er sein Unternehmen nach hohen ethischen Prinzipien führt. Tata-Gesellschaften gehören zu den beliebtesten Arbeitgebern, gelten als unbestechlich und sind wegen der Qualität ihrer Produkte geschätzt.

Die besten Präzisionsinstrumente Indiens

Auch im internationalen Maßstab braucht sich Tata nicht zu verstecken. Zu der Gruppe gehören Marken von Weltruf, wie etwa der britische Tetley-Konzern, das zweitgrößte Tee-Imperium der Welt, oder der britisch-niederländische Stahlriese Corus. Die weltweit anerkannte IT-Industrie in Bangalore wird von einer Tata-Tochter dominiert, Tata-Firmen errichten Kraftwerke und Flughäfen, betreiben Telekommunikationsnetze und Luxushotels und fertigen die besten Präzisionsinstrumente Indiens. Ratan Tata zählt längst zu den 25 einflussreichsten Geschäftsleuten der Welt.

Hintergrund: Tata Nano
Technische Daten
AFP
Der Nano wird mit einem 33 PS starken 623-Kubikzentimeter-Zweizylindermotor angetrieben, der im Heck untergebracht ist. Die dreitürige Basisversion ist 3,10 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,60 Meter hoch. In Europa soll der Wagen ein Dreizylinder-Aggregat erhalten.
Preis
Mit rund 1700 Euro kostet der Nano die Hälfte des bislang weltweit billigsten Modells. Der QQ3 des chinesischen Herstellers Chery wird bei den Autohändlern in der Volksrepublik für rund 3400 Euro angeboten. Der Nano soll im März 2009 in den Verkaufsräumen der indischen Händler stehen. Experten erwarten, dass der Viersitzer weltweit in vielen Schwellenländern Käufer finden wird. In Europa wird es das Fahrzeug vermutlich ab 2012 geben - für rund 5000 Euro.
Sicherheit
Der Nano hat eine Metallkarosserie und serienmäßig Sicherheitsvorkehrungen wie Knautschzone, verstärkte Türen und Sicherheitsgurte. Er erfüllt nach Herstellerangaben die indischen Sicherheitsstandards. Die Europa-Version erhält Airbags und ein NCAP-Crashtest-Rating.
Umweltschutz
Durch die Verarbeitung von Kunststoffen ist das Auto leicht und verbraucht weniger als vier Liter Benzin auf 100 Kilometer. Das entspräche CO2-Emissionen von 94,8 g/km. Umweltschützer befürchten aber, dass durch hohe Verkaufszahlen der sparsame Verbrauch relativiert wird. Dem Chef des Weltklimarats, Rajendra Pachauri, bereitet der Kleinwagen nach eigenen Worten "Alpträume".

Dass der Autonarr Tata sich auch aufs Automobilgeschäft versteht, stellt er seit Jahren im Bereich Lkw unter Beweis – sein Konzern gilt als der fünftgrößte Lkw-Produzent der Welt. 1999 stellte er mit dem Indica den ersten komplett in Indien entwickelten Personenwagen vor, der inzwischen den Klassiker Kolkata im Straßenbild der indischen Metropolen abgelöst hat.

Westliche Konzerne tun also gut daran, die Tata-Gruppe nicht zu unterschätzen. Denn wer seine Ziele derart konsequent umzusetzen versteht wie die Inder, der dürfte sich auch in anderen Segmenten als ernstzunehmender Gegner erweisen. Denn in einem wichtigen Punkt ist auch der Nano trotz aller vermuteten Unzulänglichkeiten Weltklasse: Er ist - wie geplant - passgenau auf den indischen Markt zugeschnitten. Dort drängeln sich Millionen von Mopedfahrern nicht selten mit der ganzen Familie auf ihren Gefährten. Sicherer und umweltfreundlicher als die ist der Nano allemal.

Trotz aller Vorbehalten gestehen deshalb auch Branchenfachleute dem indischen Unternehmer – wenn auch hinter vorgehaltener Hand - zu, mit dem Nano ein Meisterstück abgeliefert zu haben.



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