18 Jahre Greenspeak Sag's noch einmal, Alan

Die Pensionierung Alan Greenspans ist für die USA auch ein kultureller Verlust: Kaum ein Mann der Wirtschaft ging so vorsichtig und ironisch mit Sprache um wie der Notenbankchef – und keiner konnte so virtuos verwirren. Ein Rückblick auf das Werk eines verkannten Dichters.

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I'll just say a little bit this way, and a little bit that way, and I'll completely confuse them.            Alan Greenspan (*)

Hamburg - Wenn Alan Greenspan am Dienstag in die Rente abtritt, verliert Amerika eine seiner witzigsten Radio-Quizshows. Alle paar Wochen vergnügten sich die Moderatoren der Börsensendung "Motley Fool" bisher noch mit dem Ratespiel "What did the Fed Chief say?" - man könnte das wohl frei mit "Verstehen Sie Greenspan?" übersetzen.

Humorist Greenspan: Ironie lauert in Wolken der Kryptik
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Humorist Greenspan: Ironie lauert in Wolken der Kryptik

Per Telefon zugeschaltete Kandidaten bekommen dabei O-Töne aus jüngeren Reden des Notenbankpräsidenten vorgespielt. Hinterher sind sie aufgerufen, den Sinn der Aussagen kurz zusammenzufassen. Nicht wenige Mitspieler scheitern beim Versuch, die syntaktisch gewagten, mit befremdlichem Vokabular gespickten Sätze des Geldpolitikers zu entschlüsseln.

Greenspan, die Notenbank-Sphinx, Alan, der Enigmatische: Schon bald nach seinem Amtsantritt 1987 begann der Spott über Greenspans gewundene Redeweise. "Es war fast so, als ob seine Worte Pfadfinder-Truppen wären, ausgeschickt, nicht um Sinn zu vermitteln, sondern um zu sondieren und zu suchen", stichelte der Journalist Bob Woodward in seiner Greenspan-Biographie.

Greenspans Wortwahl, seine Vorliebe für Satzmonster waren der Anlass für zahllose Witze und Anekdoten. Die schönste - aber wohl doch übertriebene - besagt, Greenspans Gattin Andrea Mitchell habe seinen Heiratsantrag erst beim dritten Anlauf verstanden. Er sei so umständlich formuliert gewesen.

"Konstruktive Vieldeutigkeit"

Nun wäre es ein Fehlschluss, Greenspan deswegen für einen verworrenen Professoren-Typ zu halten, der nach einer Überdosis volkswirtschaftlicher Fachlektüre unfähig geworden ist, einen geraden Satz auszusprechen. Der Noch-Notenbankchef, das legen einige seiner selbstironischen Statements nahe, verwirrt seine Zuhörer mit voller Absicht. Die Kryptik seiner Sätze hat System.

Die Ära Alan
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Interaktive Grafik: 18 Jahre Greenspan im Überblick
Nehmen wir uns ein paar Sentenzen des Meisters vor. (Stellen Sie sich einen alternden Herren mit handtellergroßen Brillengläsern vor, leicht bucklig über einen mächtigen Holztisch im US-Kongress gebeugt. Die Stirn zerfurcht, liest er im einlullenden Singsang vom Blatt ab.)

"At some point in the continuous reduction in the number of available workers willing to take jobs, short of the repeal of the law of supply and demand, wage increases must rise above even impressive gains in productivity." (Im Bankenausschuss des Repräsentantenhauses, 17. Februar 2000).

Oder, noch schöner:

"At the risk of some oversimplification, if the skill composition of our workforce meshed fully with the needs of our increasingly complex capital stock, wage-skill differentials would be stable, and percentage changes in wage rates would be the same for all job grades." (Im Bankenausschuss des Senats, 16. Februar 2005)

Beide Sätze lassen sich beim sorgfältigen Lesen sehr wohl dechiffrieren.

Fragt sich nur: Könnte man das nicht einfacher sagen?

Nein, besser nicht. Die Wirklichkeit der größten Volkswirtschaft der Welt lässt sich nicht in simplen Phrasen fixieren. Auch wenn 200 Volkswirte der Federal Reserve ihrem Chef helfen, Prognosen zu finden - er kann nie sicher sein, ab wann zum Beispiel normale Lohnsteigerungen zum gefährlichen Preistreiber mutieren. Wirklich meisterhaft ist Greenspan daher darin, stets neue Vorsichtsformeln wie "angenommen, dass" oder "wir können nicht ganz ausschließen" einzustreuen.

Vorsicht wird mit Vertrauen belohnt

Auch ist es besser, gar nicht verstanden zu werden als falsch - zumindest für den weltweit mächtigsten Notenbanker. Oft genug musste Greenspan miterleben, wie Dow Jones und Nasdaq während seiner Reden absackten oder aufwärts schossen. Oft genug ergab sich dieser Reflex aber auf einen Einzelsatz, der aus dem Kontext gerissen, über- oder fehlinterpretiert worden war. Wenn also Journalisten in ihrer Eile und die Börse in ihrer Nervosität dazu neigen, auf "sound bites" überzureagieren - dann ist eine Lösung, ihnen solch Einfachheiten zu verweigern.

Greenspan selbst hat angedeutet, dass er just diese Strategie verfolgt - er sprach von "konstruktiver Vieldeutigkeit". Mit typischer Selbstironie sagte er: "Ich verbringe einen beachtlichen Teil meiner Zeit mit der Bemühung, Fragen abzuwehren und mir schreckliche Sorgen zu machen, ob ich am Ende nicht vielleicht doch zu deutlich gewesen bin." Auf einer Party in Washington soll er auf die Frage "Wie geht es Ihnen?" im Scherz geantwortet haben: "Mir ist nicht erlaubt, das zu sagen."

Woody Allen der Geldpolitik

Auch andere Notenbankchefs sind natürlich erfahrene Jargon-Sprecher. Greenspans europäischem Pendant Jean-Claude Trichet wird niemand vorwerfen können, er habe ein Talent für flapsige Formulierungen. Greenspan aber spielt seine Rolle mit mehr Humor, als Woody Allen unter den Zentralbankern der Welt. Weil er sich selbst weniger wichtig nimmt als andere ihn, ist er zur Kultfigur geworden. Weil er nicht vereinfacht, sondern stattdessen öffentlich nachdenkt, glaubt man ihm.

"Obwohl [Greenspans] Worte fast unerträglich undurchsichtig sind", wundert sich Woodward da, "scheint er etwas sehr Seltenes zu tun - die Wahrheit zu sagen."

Jetzt, zu Greenspans Abschied , können wir uns noch einmal an den gelungenen Satiren erfreuen, die die vergangenen 18 Jahre hervorgebracht haben. So hat der US-Autor Rich Fontana vor ein paar Jahren die chronische Vorsicht des Fed-Chefs im Buch "The Poetry of Alan Greenspan" persifliert. In einem der darin gesammelten Gedichte spricht ein fiktiver Greenspan zu seiner Ehefrau:

Du sagst guten Morgen, mein Schatz,
und obwohl ich die Grundlage deiner Annahme verstehe,
muss ich mich doch fragen,
ob sie hinreichend
auf angemessen nachprüfbaren Fakten beruht.

Der Morgen wirkt auf den ersten Blick
schön, die Sonne scheint,
aber wir haben keine Gewissheit
dass der Zustand anhalten wird.

Man kann wohl vermuten, dass auch Greenspan die Parodie komisch fände. Sicher sein kann man sich nicht.


(*) Das Anfangszitat stammt aus Woodwards Greenspan-Biographie Maestro. Greenspan soll diese Worte gegenüber Bill Clintons Wirtschaftsberater Gene Sperling gesagt haben.



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