19 Prozent Teuer-Steuer verpufft in Rabattaktionen

Allen Unkenrufen zum Trotz - die Deutschen bekommen von der Mehrwertsteuererhöhung wenig zu spüren. Rabatte und moderate Ölpreise haben die Teuerung im Januar niedrig gehalten. Experten warnen: Der Preisschub könnte im Februar kommen.


Hamburg - Die Inflationsrate hat im Januar trotz der Mehrwertsteuererhöhung nach ersten Berechnungen nur bei 1,6 Prozent gelegen. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtete heute auf der Basis von Zahlen aus sechs Bundesländern, "ein Effekt der Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Januar 2007 ist in den Ergebnissen nur sehr bedingt erkennbar".

Winterschlussverkauf: Niedrige Inflation dank Rabattaktionen, niedriger Ölpreise und Billigreisen
DPA

Winterschlussverkauf: Niedrige Inflation dank Rabattaktionen, niedriger Ölpreise und Billigreisen

Die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen veröffentlichten heute ihre Zahlen. Die Statistischen Landesämter der anderen Bundesländer seien noch dabei zu rechnen, teilte das Statistische Bundesamt auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE mit.

Theoretisch hätte sich nach Angaben der Statistiker eine zusätzliche Erhöhung der Teuerungsrate um 1,4 Prozentpunkte ergeben können. Doch sei die Teuerungsrate nur um 0,2 Prozentpunkte - von 1,4 Prozent im Dezember 2006 auf 1,6 im Januar 2007 - gestiegen.

Die Ursachenforschung scheint gegenwärtig noch etwas schwierig: So seien etwa bei Elektrizität je nach Bundesland Preissteigerungen von 2,4 bis 11,5 Prozent zu verzeichnen, bei Gas gebe es Anstiege zwischen 8,2 und 11,2 Prozent. Dagegen sei aber leichtes Heizöl zwischen 7,1 und 12,1 Prozent billiger geworden. Kraftstoffe kosteten zwischen 1,4 und 4,1 Prozent weniger. Insgesamt hätten Preisrückgänge bei Ölprodukten die Teuerungsrate moderat ausfallen lassen.

Im direkten Vergleich von Januar zu Dezember vergangenen Jahres wirkte sich nach Angaben des Bundesamtes vor allem auch der saisonbedingte Preisrückgang bei Pauschalreisen um 23,8 Prozent aus. Ferienwohnungen waren sogar 35,3 Prozent billiger zu haben als noch im Dezember.

Auswirkungen der Steuererhöhung noch nicht klar

"Der mögliche Effekt der Mehrwertsteuererhöhung wird damit überdeckt", erklärte das Bundesamt. Zudem hätten die aktuellen Sonderverkaufsaktionen eine Schätzung des Mehrwertsteuereffekts verhindert. "Möglicherweise werden die nächsten Monate mehr Klarheit bringen."

Auch die sechs Statistischen Landesämter erklärten, die Auswirkung der bei vielen Produkten um drei Punkte auf 19 Prozent gestiegenen Mehrwertsteuer lasse sich noch nicht abschließend beurteilen. In Nordrhein-Westfalen wirkten unter anderem Bekleidung und Schuhe im Monatsvergleich als preisdämpfend, während Tomaten, Paprika und Salatgurken binnen Monatsfrist 25 Prozent teurer wurden, im Jahresvergleich immerhin noch um 16 Prozent. Auch in Bayern mussten die Verbraucher für saisonabhängige Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse und Kartoffeln deutlich mehr zahlen.

Einer Umfrage unter 500 Geschäftsleuten zufolge erlitt der Einzelhandel im Januar empfindliche Umsatzrückgänge. "Die dreiprozentige Mehrwertsteuererhöhung im Januar hatte stark negative Auswirkungen auf die Einzelhandelsumsätze", hieß es zum Bloomberg/NTC-Einkaufsmanagerindex. Zudem hätte ein Drittel der Unternehmen den angepeilten Umsatz verfehlt.

Der Branchenverband HDE dagegen hat bisher keine Signale für "dramatische Umsatzeinbrüche im Januar, aber eher für den erwarteten Rückgang". Die Preisnachlässe seien größer als in der Vergangenheit und verzerrten das Bild, sagt HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr. Ein genaues Bild über die Folgen der Steuererhöhung sei erst nach dem Winterschlussverkauf möglich.

"Der Handel hat versucht durch massive Rabattaktionen, die Leute ins Geschäft zu locken", sagt DekaBank-Volkswirt Andreas Scheuerle. Preiserhöhungen seien erst mit Auslaufen der Rabatte ab Februar zu erwarten. Allerdings stecke der Handel in einer Zwickmühle: "Reicht er die höheren Kosten nicht weiter, wird die Marge geschluckt, erhöht er die Preise, muss er ein Umsatzminus befürchten."

Anzeichen für schwache Einzelhandelsumsätze hatte bereits die geringe Kauflaune der Bürger geliefert. So war das von den Nürnberger GfK-Marktforschern berechnete Konsumklima stark gesunken. Auch in den zuletzt erfolgsverwöhnten Chefetagen der deutschen Firmen hat die höhere Umsatzsteuer Spuren hinterlassen - zumindest vorübergehend. Das Ifo-Geschäftsklima, das wichtigste Stimmungsbarometer für die deutsche Konjunktur, hatte sich im Januar eingetrübt. Allerdings lag der Index immer noch nahe seiner langjährigen Rekordmarke. Für die Industriekonjunktur rechnen die meisten Volkswirte deshalb nach einer leichten Delle zu Jahresanfang wieder mit deutlichem Wachstum. "Wir sind optimistisch für 2007", sagt Ökonom Scheuerle.

kaz/AP/dpa/Reuters



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