3,995 Millionen Erwerbslose Müntefering jubelt über "goldenen November"

Weniger als vier Millionen Arbeitslose, so gut war die Situation auf dem Jobmarkt seit 2002 nicht mehr. Und es soll noch besser werden: Um den Aufschwung anzufeuern, forderte CDU-Wirtschaftsexperte Meyer heute ein neues Kombilohnmodell.


München - Die guten Zahlen verführten den sonst eher bodenständigen Sauerländer Franz Müntefering zu lyrischem Gedankenspiel: Zum "goldenen November" sei der sonst so graue Monat heuer geworden, erklärte der Bundesarbeitsminister (SPD). Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Laurenz Meyer, legte angesichts der 800.000 offenen Stellen noch eins drauf und brachte ein neues Kombilohn-Modell ins Gespräch.

Nachdem es offensichtlich ja jede Menge Arbeit gibt, sollen Unternehmen nach Meyers Vorstellungen staatliche Lohnbeihilfen erhalten, wenn sie einen jungen Erwerbslosen einstellen und diesen für seinen neuen Job qualifizieren. Ist die Qualifikation abgeschlossen, laufen die Subventionen aus. "Damit könnte man auch verhindern, dass aus dem Kombilohn eine Dauerfinanzierung mit unerwünschten Mitnahmeeffekten wird", sagte Meyer der "Financial Times Deutschland".

Jetzt geht's los - dieses Motto scheint die Stimmung in der Politik momentan zu bestimmen. Grund für den allgemeinen Optimismus ist das überraschende Absinken der Arbeitslosenzahl auf knapp unter vier Millionen. Unter dieser als "magisch" bezeichneten Marke hatte die Zahl zuletzt im Oktober 2002 gelegen, in einem November wurde die Schwelle zuvor letztmals 2001 unterschritten. In Thüringen ist die Arbeitslosigkeit im November sogar so niedrig wie seit elf Jahren nicht mehr.

Selbst die Opposition tat sich schwer, Negatives aus dem Bericht der Bundesagentur für Arbeit (BA) zu lesen. FDP-Vize Rainer Brüderle bemängelte: die Entwicklung könnte "noch besser" sein, falls die Große Koalition bei den Reformen konsequenter voranschreite würde. Die Grünen-Abgeordnete Brigitte Pothmer sagte, Union und SPD hätten "kaum etwas" zur Entwicklung beigetragen.

Aufschwung nicht nur vorübergehend

Was die Fachleute der Nürnberger Behörde in Hochstimmung versetzte, ist die Tatsache, dass sich durchweg alle Indikatoren positiv entwickeln: So ist die Zahl der schwer vermittelbaren jungen Jobsuchenden binnen zwölf Monaten um 100.000 zurückgegangen - "junge Menschen unter 25 Jahren haben auf dem Arbeitsmarkt wieder eine gute Chance", sagte BA-Chef Frank-Jürgen Weise. Mittlerweile schaffen es die Arbeitsagenturen auch in einer nennenswerten Größenordnung Hartz-IV-Empfänger in Jobs zu bringen, im November waren es knapp 60.000. Sogar der jahrelange Abbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ist gestoppt. "Wir hatte in August wieder mehr versicherte Jobs als im Jahr zuvor", sagte Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) in Nürnberg SPIEGEL ONLINE. Dabei rede man zwar nur von einem Prozent - aber immerhin.

Das Beste ist: Es sieht ganz danach aus, als ob es am Arbeitsmarkt so weiter geht. Weise zumindest erwartet, dass die Arbeitslosenzahl im Schnitt im kommenden Jahr um 200.000 sinken wird. Selbst die Mehrwertsteuererhöhung im Januar werde an der positiven Entwicklung nichts ändern, sagt Klaus Abberger, Volkswirt beim Münchner ifo-Instituts. Zum Jahresbeginn werde es zwar einen "Dämpfer" geben, der sich womöglich auch bei den Beschäftigtenzahlen auswirke - "zum Erliegen kommt der Aufschwung aber nicht".

Schon jetzt zeige sich bei den Umfragen für den Geschäftsklimaindex des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts, dass viele Firmen am Rand ihrer Kapazitätsgrenzen arbeiten - und deshalb auch beim Personal aufstocken müssen. Andreas Scheuerle, Volkswirt bei der Frankfurter Dekabank, sieht sogar sehr deutliche Hinweise auf große Zahlen von Neuanstellungen. "Wir sehen das auch in Branchen wie dem Verarbeitenden Gewerbe, wo lange nichts mehr passiert ist."

Zunächst steht jetzt allerdings die Winterzeit vor der Tür - und mit den kalten Tagen üblicherweise auch viele Entlassungen. Im vergangenen Winter war die Arbeitslosenzahl von November bis Februar um knapp eine halbe Million auf den Jahreshöchststand von über fünf Millionen gestiegen. Sollte der Anstieg diesmal spürbar kleiner ausfallen, könnte dem Arbeitsmarkt tatsächlich eine neue Zeitrechnung bevorstehen.

ase/AFP/Reuters



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