30 Jahre Wiedervereinigung Was die Deutschen heute eint - und was sie noch immer trennt

Ost und West unterscheiden sich auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch voneinander: in der Altersstruktur, den Lebensentwürfen der Menschen - und bei ihren Hobbys.
Foto: DER SPIEGEL

In diesem Herbst jährt sich die Deutsche Wiedervereinigung zum 30. Mal. Manche Unterschiede zwischen Ost und West sind in dieser Zeit verwischt, weil beide Landesteile von den gleichen Entwicklungen betroffen sind, es mit ähnlichen Problemen zu tun haben. Die Landflucht ist so ein Beispiel, und das Sinken der Geburtenrate.

An anderen Stellen stechen die Unterschiede auch nach 30 Jahren noch ins Auge - teils, weil sich in Ost und West unterschiedliche Lebensentwürfe entwickelt haben, teils, weil die Ursachen mancher Entwicklungen tief liegen und ihre Wurzeln vor dem Fall der Mauer haben.

Eine Datensammlung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung gibt einen Überblick über Verbindendes und Trennendes, drei Jahrzehnte nach dem 3. Oktober 1990.

Arbeitsmarkt und Wirtschaft - Vereint im Boom?

Lange war es die Sorge Nummer eins: die galoppierende Arbeitslosigkeit in den ostdeutschen Bundesländern - und damit verbunden die Perspektivlosigkeit. Doch seit Mitte der Nullerjahre hat sich die Lage merklich entspannt. Die Arbeitslosenquote ist gesunken, und so wie im ganzen Land ist auch im Osten die Erwerbstätigenzahl gestiegen, also der Anteil der Erwerbstätigen an allen Personen im erwerbsfähigen Alter. 2019 erreichte die Arbeitslosenquote mit 6,4 Prozent im Osten und 4,7 Prozent im Westen einen historischen Tiefstand.

Statt über fehlende Arbeitsplätze wird im Osten - wie im Westen - inzwischen verstärkt über den Mangel an Fachkräften diskutiert. Haben Ost und West also im vergangenen Jahrzehnt einen gemeinsamen Job-Boom erlebt - und so geholfen, die Unterschiede zwischen den Landesteilen zu nivellieren?

Das ist nur teilweise richtig. Der Fachkräftemangel im Osten hat in erheblichem Umfang auch damit zu tun, dass das Reservoir an möglichen Arbeitskräften gesunken ist - weil die Bevölkerung erheblich geschrumpft ist seit der Wiedervereinigung. "Ost und West sind auf gegensätzlichen demografischen Pfaden unterwegs", konstatiert das Berlin-Institut - und verweist auf die drastischen Unterschiede der Bevölkerungsentwicklung. Im alten Westen ist Zahl der Einwohner in drei Jahrzehnten um 5,4 Millionen gewachsen. Das hat einen Rekord ermöglicht: 83,4 Millionen Bürger lebten Ende 2019 insgesamt im Bundesgebiet, so viele wie noch nie zuvor. In den neuen Bundesländern hingegen ist die Entwicklung gegenläufig, sie haben 2,2 Millionen Einwohner verloren. Und: Diese Entwicklung wird sich - trotz eines kleinen demografischen Zwischenhochs - weiter fortsetzen. Laut Vorausberechnungen werden die ostdeutschen Bundesländer bis 2035 weiter massiv an Einwohnern verlieren.

Diese Entwicklung hat allerdings tiefere Wurzeln. Die Einwohnerzahl des Ostens sinkt bereits seit den Siebzigerjahren. Wäre die Bevölkerung dort nach 1949 ähnlich gewachsen wie im Westen, würden heute zwischen Ostsee und Erzgebirge doppelt so viele Menschen leben, schreibt das Berlin-Institut.

Die folgende Karte gibt einen Überblick über die Bevölkerungsentwicklung nach Region, einerseits zwischen 1995 und 2017. Darauf ist deutlich zu erkennen, dass die Zahl der Boomregionen im Osten bislang überschaubar war. Die Vorausberechnung bis 2035 verdeutlicht aber auch: In Zukunft werden auch immer mehr ländliche Regionen in Westdeutschland mit ähnlichen Phänomenen zu kämpfen haben, etwa in Rheinland-Pfalz.

Bildung: Studenten und Schulabbrecher

Der Blick auf das Bildungssystem offenbarte eine Hypothek, mit der Ostdeutschland viel stärker zu kämpfen hat, als der Westen: Die Zahl der Schulabbrecher liegt dort deutlich höher als im Westen. Das ist ein Problem, weil das Risiko, keinen Job zu finden und auch langfristig auf Hartz IV angewiesen zu sein, ohne Schulabschluss deutlich steigt.

Die Zahl der Studierenden ist auf der anderen Seite im Osten stärker gestiegen, als das im Westen der Fall war. Der Um- und Aufbau vieler Hochschulen in den neuen Bundesländern gilt als Erfolgsgeschichte.

Die zunehmende Akademisierung beschleunigt allerdings auch einen Trend, unter dem viele ländliche Regionen leiden: die Landflucht. Wer als Studentin oder Student auf den Geschmack des Großstadtlebens gekommen ist, zieht nur selten zurück in die Provinz. Der Anteil von Beschäftigten mit akademischer Bildung liegt in den Metropolen viel höher - ein Phänomen in Ost und West.

Kinder und Familie: Keine Jasager

Der Bevölkerungsschwund im Osten ist auch eine Folge des deutlichen Rückgangs der Geburtenraten nach der Wiedervereinigung. Die erste Übersichtskarte nach Landkreisen - Stand: 1995 - zeigt das deutlich. So hatte der Landkreis Gifhorn im innerdeutschen Grenzgebiet damals eine Geburtenrate von 1,6, im benachbarten Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt hingegen lag der Wert bei 0,8.

Mit der sich verbessernden Wirtschaftslage hat sich dieses Bild gewandelt. Inzwischen gibt es kaum noch Unterschiede bei der Geburtenrate zwischen Ost und West.

Deutliche Unterschiede gibt es allerdings noch immer bei den Lebensmodellen. Wenn Kinder geboren werden, dann im Westen auch heute noch meist nach der Hochzeit. Während Kinder in Westdeutschland in etwa zwei Dritteln aller Fälle in Familien mit verheirateten Eltern geboren werden, hat im Osten nur eine Minderheit einen Trauschein. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Kirchen zwar landesweit Mitglieder verlieren, im Osten aber eine viel kleinere Basis haben.

Kirchenmitglieder

Überalterung: Wo Deutschland stirbt

Als die Wiedervereinigung kam, war das Altersprofil der meisten Regionen recht ähnlich, ganz gleich, ob sie vorher in der DDR gelegen hatten oder in der alten Bundesrepublik. Der Rückgang der Geburtenrate im Osten und die ab Mitte der Neunzigerjahre massenhafte Abwanderung in den Westen hat allerdings spuren hinterlassen.

Ein anderes Indiz für die Überalterung: Die Sterberate in vielen Ost-Regionen liegt bereits heute deutlich über dem Bundesschnitt - eine Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren wohl noch verstärken dürfte.

Migration: Der Osten ist kein Einwanderungsland

Die folgende Karte zeigt die regionalen Wanderungssalden. Der Vergleich der Karten von 1995 und 2006 zeigt, dass es viele Menschen noch sehr lange in ihrer Heimat im Osten hielt. Die große Abwanderungswelle setzte erst später ein, als klar wurde, dass sich die Perspektiven nicht schnell verbessern würden.

"Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland", so steht es in der Datensammlung des Berlin-Instituts. Präziser gesagt: Westdeutschland ist ein Einwanderungsland. Der Anteil der Einwohner mit ausländischem Pass ist in den ostdeutschen Regionen - mit Ausnahme einiger Großstädte - weiterhin sehr gering.

Freizeit: Sie verlassen jetzt den Tennis-Sektor

Wenn es hingegen um die Liebe zum Fahrrad als Fortbewegungsmittel geht, verläuft die deutsch-deutsche Grenze ganz anders: Der Norden strampelt viel, der Süden ist eher Radmuffel - und zwar in Ost und West gleichermaßen. Das dürfte unter anderem mit dem jeweiligen Landschaftsprofil zusammenhängen.

Die Freude am Fußball hingegen kennt offenbar keine Grenzen, die Zahl der Mitglieder in Fußballvereinen liegt bei bundesweit bei sieben Millionen. Nummer zwei beim Breitensport ist Turnen (fünf Millionen Mitglieder) vor Tennis (eine Million). Der Spaß an Spiel, Satz und Sieg ist allerdings erkennbar eine westdeutsche Angelegenheit. Dafür steht im Osten Volleyball höher im Kurs als in den alten Bundesländern.

Gefühlte Angst und echte Gefahr

Der Umbruch der Jahre 1989/1990 stellte die Gesellschaft und ihre Normen in Ostdeutschland auf den Kopf. Was eben noch verachtet war - Kapitalismus, freie Preise, Unternehmertum - wurde fast über Nacht zum neuen Goldstandard. Die Treuhand wickelte in gerade einmal vier Jahren Tausende Betriebe ab, Millionen Bürger verloren Arbeitsplatz und nicht selten damit auch einen Teil ihrer Identität.

Möglicherweise zeigt sich bis heute ein Echo dieser tiefgehenden Erschütterung: Bei einer Befragung lag der Anteil der Ostdeutschen, die sich in ihrer Wohnumgebung unsicher fühlen, mit im Schnitt 35 Prozent deutlich höher als im Westen (21 Prozent) - auch wenn die Zahl der tatsächlich registrierten Straftaten ein regional anderes Muster aufweist.

Das Coronavirus

Der wohl aktuellste Unterschied zwischen Ost und West betrifft die Verbreitung des Coronavirus: Während in westdeutschen Bundesländern wie Bayern und Nordrhein-Westfalen vergleichsweise viele Infektionsfälle registriert wurden, sind die ostdeutschen Bundesländer bisher sehr glimpflich durch die Krise gekommen. Warum das so ist, dazu kursieren mehrere Erklärungsansätze: Weil die Menschen im Osten im Schnitt älter seien, reisten sie weniger, so lautet ein Ansatz. Auch die weniger dichte Besiedelung könnte eine Rolle spielen.

Und natürlich die Tatsache, dass im Osten weniger Karneval gefeiert wird - was gerade zu Beginn der Pandemie die Verbreitung gebremst haben dürfte.

Die Studie des Berlin-Instituts finden Sie hier: "Vielfalt der Einheit" 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.