35-Milliarden-Deal Boeing droht mit Rückzug von Tankerauftrag

Es ist einer der größten Deals in der Geschichte der Luftfahrt - und Boeing prüft, sich daraus zu verabschieden. Der Luftfahrt-Gigant will so Zeit gewinnen, um ein überzeugendes Konzept für den Bau von 179 Tankerflugzeugen vorzulegen. Branchenkenner werten das als Taktiererei.

New York - Es geht um ein Geschäft im Volumen von rund 35 Milliarden Dollar - und der US-Flugzeughersteller Boeing droht, nicht weiter darum zu kämpfen. Knackpunkt ist ein neuer Zeitplan, den Boeing für den Bau von insgesamt 179 Tankerflugzeugen für die US-Luftwaffe fordert.

Boeing verlangt vom Pentagon, die Frist für die Abgabe eines Angebots auf insgesamt sechs Monate auszuweiten. Sollte das Pentagon dies nicht bewilligen, werde der US-Konzern wahrscheinlich keine Offerte abgeben, sagte Jim Albaugh, Chef der Rüstungssparte von Boeing, dem "Wall Street Journal". Der derzeitige Zeitplan schränke Boeings Teilnahme ein.

Das Pentagon hatte den Zuschlag für die Lieferung der 179 Tankflugzeuge ursprünglich dem europäischen EADS-Konzern und dessen US-Partner Northrop Grumman erteilt. Boeing, bislang Haus- und Hoflieferant des US-Militärs, war überraschenderweise leer ausgegangen.

Der Rechnungshof des US-Kongresses hatte jedoch nach einer Beschwerde von Boeing Fehler am Vergabeverfahren bemängelt. Er empfahl, die Ausschreibung zumindest zum Teil zu wiederholen.

Das US-Verteidigungsministerium hatte daraufhin Anfang August den Auftrag in großen Teilen neu ausgeschrieben. EADS und Boeing wurden aufgefordert, neue Angebote für die überarbeitete Ausschreibung abzugeben. In der kommenden Woche will das Ministerium eine letzte Aufforderung für Gebote für den milliardenschweren Großauftrag zum Bau von Tankflugzeugen veröffentlichen. Der Gewinner des Prozesses soll bis Ende des Jahres feststehen.

Wie stark taktiert Boeing?

Boeings aktuelle Drohgebärden werten Branchenkenner vor allem als Taktiererei. Bereits letzte Woche mehrten sich Gerüchte, dass Boeing mit Rückzug droht, damals dementierte der Konzern dies noch.

Viele vermuten, dass sich der Luftfahrtgigant beim Tankerauftrag komplett verkalkuliert hat. Boeing ist mit einer Maschine gegen EADS angetreten, die Ende der siebziger Jahre entwickelt wurde. Das Unternehmen hat sie bislang nie gebaut. Das Pentagon begutachtet dies skeptisch, denn der konkurrierende Militär-Airbus fliegt schon längst.

Insider vermuten, dass Boeing seine Chancen für den Auftrag nur noch signifikant erhöhen könnte, wenn dieser komplett neu ausgeschrieben wird. Nur dann könnte der Konzern ein neues Konzept vorlegen, statt nur beim bestehenden nachzubessern.

Eine Verschleppung des Auftrags könnte Boeings Chancen allerdings erhöhen - denn die Diskussion um den Tankerautrag ist in den USA ein Wahlkampfthema. Die Entscheidung, den Zuschlag der europäischen Konkurrenz zu erteilen, hatte seinerzeit im US-Kongress einen Sturm der Entrüstung entfacht, bei Demokraten und Republikanern gleichermaßen.

Boeings Chancen hängen zudem stark davon ab, wer Präsident wird. Der demokratische Kandidat Barack Obama verfolgt eine eher protektionistische Linie, sein republikanischer Rivale John McCain scheint der Vergabe an ein europäisches Unternehmen aufgeschlossener gegenüber zu stehen.

ssu/ddp/Reuters

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