35-Milliarden-Hilfe geplatzt Hypo Real Estate kämpft ums Überleben

Deutschland droht eine dramatische Bankenkrise: Das mühsam ausgehandelte 35-Milliarden-Rettungspaket für die Hypo Real Estate ist überraschend geplatzt, das Bankenkonsortium hat seine Hilfszusage zurückgezogen. Die Bank kämpfe ums Überleben, sagte ein Sprecher.


Frankfurt am Main - Die Hiobsbotschaft kam am Samstagabend: Das 35 Milliarden Euro schwere Rettungspaket für den angeschlagenen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate ist gescheitert. Laut einer Mitteilung der Bank ist die Kreditzusage durch mehrere Finanzinstitute nicht mehr gültig.

Der mühsam ausgehandelte Rettungsplan ist plötzlich implodiert. Die Frage, die die Politik jetzt klären muss, ist: warum? Drei Szenarien sind denkbar:

  • Entweder hat die Hypo Real Estate bei den Verhandlungen für das Rettungspaket nicht alle Karten auf den Tisch gelegt - und ihre Liquiditätslücke war von vornherein viel größer als zugegeben.
  • Oder die finanzielle Situation der Bank hat sich im Laufe der vergangenen Tage dramatisch verschärft, so dass das Bankenkonsortium seine Zusage eilig zurückzog.
  • Oder aber die privaten Banken pokern und wollen die Politik dazu drängen, was führende Finanzmanager schon bei den Verhandlungen vor einer Woche gefordert hatten: die Verstaatlichung der HRE - also das Abwälzen aller finanziellen Risiken auf die Steuerzahler.

Hypo Real Estate: "Scherbenhaufen aufkehren"
REUTERS

Hypo Real Estate: "Scherbenhaufen aufkehren"

Klar ist: Die Lage ist dramatisch. HRE-Sprecher Hans Obermeier sagte am Abend, die Bank kämpfe um ihre Existenz. Das Unternehmen sei augenscheinlich in einer schwierigen Situation. Er nehme an - und hoffe - , dass alle an den Diskussionen Beteiligten sich des Ernstes der Situation voll bewusst seien.

Es gebe klare Signale von den Anteilseignern und von Regierungen, die an einer Lösung des Problems mitarbeiten wollten, sagte er SPIEGEL ONLINE. "Wir bekommen Signale von der irischen Regierung, dass sie Maßnahmen zur Stützung der Depfa prüft", zitiert die Nachrichtenagentur dpa Obermeier. Die Probleme der HRE waren durch eine milliardenschwere Liquiditätslücke bei ihrer in Irland ansässigen Tochter Depfa ausgelöst worden.

Zu Berichten, wonach die Liquiditätslücke der Bank bis Ende 2009 70 bis hundert Milliarden Euro betragen könnte, wollte sich Obermeier gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht äußern. Warum das Konsortium seine ursprüngliche Hilfszusage zurückgezogen habe, "wissen wir nicht", sagte Obermeier.

Aus Finanzkreisen erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Abend, dass die Banken weiter mit Hochdruck an einer kapitalmarktfähigen Lösung arbeiten, um die HRE doch noch zu retten. Es werde erwartet, dass die Verhandlungen die ganze Nacht dauerten, sagte eine mit den Verhandlungen vertraute Person zu Reuters. Es gebe wieder Hoffnung.

Finanzkreise bestätigten gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass der Finanzierungsbedarf der HRE offenbar höher ausfällt als ursprünglich geplant. "Mit 35 Milliarden Euro wäre die Hypo Real Estate nicht weit gekommen", hieß es aus Kreisen der beteiligten Bank. Die "Welt am Sonntag" hatte vorab berichtet, die Deutsche Bank habe bei einer Prüfung festgestellt, dass die HRE bereits kurzfristig deutlich mehr Geld brauche. Laut Deutscher Bank fehlten dem Vernehmen nach bis Jahresende bis zu 50 Milliarden Euro, bis Ende 2009 besagte 70 bis hundert Milliarden Euro.

Finanzministerium war vorab nicht informiert

Die Bundesregierung verwies am Abend auf die Verantwortung der Bankenaufsicht. Die Regierung werde dazu zunächst nicht Stellung nehmen, erklärte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm der Nachrichtenagentur AP in Paris. Eine Sprecherin der Finanzaufsicht Bafin wollte das Scheitern des Rettungspakets gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren.

Im Umfeld von Minister Steinbrück hieß es, das Bundesfinanzministerium sei weder von der Hypo Real Estate noch vom Bankenkonsortium vorab über die veränderte Situation informiert worden. Die Regierung habe erst durch die Ad-hoc-Mitteilung der HRE erfahren, dass das Rettungspaket geplatzt ist. "Wir werden nun versuchen, den Scherbenhaufen am Sonntag aufzukehren", hieß es im Finanzministerium.

Schnelle Lösung erforderlich

In Finanzkreisen wird davon ausgegangen, dass es am Sonntagabend erneut zu einem Krisentreffen kommen wird, um die Hypo Real Estate zu retten. Nach Einschätzung von Experten haben die Beteiligten wenig Zeit, ein neues Rettungspaket für die HRE zu schnüren: "Wenn es bis zur Öffnung der Aktienmärkte am Montagmorgen keine Lösung gibt, hält das Unternehmen keine zwei Tage mehr durch", sagte ein Banker.

Die Bundesbank und die Bafin hatten in dieser Woche die nun geplatzte Rettungsaktion als unbedingt notwendig bezeichnet, um "schwerste Störungen der Geldmärkte" zu verhindern. In einem Brief von Bundesbank und Bafin an Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hieß es, ansonsten hätten für das deutsche Finanz- und Wirtschaftssystem "ähnliche unabsehbare Folgen" gedroht - wie nach dem Zusammenbruch der US-Finanzgruppe Lehman Brothers. Weiter hieß es in dem Schreiben mit Datum vom vergangenen Montag, dass eine Pleite des Immobilienfinanzierers wegen seiner starken Verflechtung eine große Gruppe von Gläubigern in Mitleidenschaft gezogen hätte.

Das bisherige Hilfsprogramm, für das der Bund und die Finanzwirtschaft haften, sollte der HRE für die kommenden Wochen bis zu 15 Milliarden Euro an zusätzlicher Liquidität verschaffen. Der endgültige Notkredit, der danach greifen würde, beläuft sich auf 35 Milliarden Euro.

jul/dpa/Reuters/AFP/AP

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