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GEWERKSCHAFTEN 4,1 Prozent minus x

Bei vielen Arbeitnehmern dürfte die gerade erst erstrittene Tariferhöhung nicht ankommen. Schuld ist ein neues Tarifsystem, das die IG Metall erkämpfte.
aus DER SPIEGEL 22/2007

Um knackige Slogans war die IG Metall noch nie verlegen. Mit der Losung »Gib mir fünf« startete Deutschlands zweitgrößte Gewerkschaft in die Tarifrunde 2006, um ihre damalige Forderung nach fünf Prozent mehr Einkommen zu illustrieren. »Plus ist Muss« lautete die diesjährige Parole, mit der die Funktionäre am Ende Erfolge feierten: Ab Juni soll es 4,1 Prozent mehr Geld geben, ab Mitte 2008 weitere 1,7 Prozent.

»Da kommt gutes Geld bei den Beschäftigten der Branche im Geldbeutel an«, sagte Baden-Württembergs Verhandlungsführer Jörg Hofmann nach dem Durchbruch. Doch Tausende Metallarbeiter dürften sich in einigen Tagen wundern, wo das versprochene Geld bleibt. Viele könnten deutlich weniger als die erwartete Erhöhung bekommen - oder gar eine Nullrunde erleben.

Für sie rächt sich nun, dass die IG Metall im Jahr 2002 unter der Ägide des heutigen Vizechefs Berthold Huber nichts weniger als eine Revolution mit den Arbeitgebern ausgehandelt hatte. Damals vereinbarten die Tarifvertragsparteien die Abkehr von einem über hundert Jahre alten System, wonach Angestellte und gewerbliche Mitarbeiter unterschiedlich bezahlt werden. Die einen erhalten Gehalt, die anderen Lohn. Und obwohl die Tätigkeitsbereiche häufig ähnlich sind, gibt es beim Einkommen zum Teil Unterschiede von bis zu tausend Euro. Auch der bisher geltende Lohnrahmentarifvertrag aus dem Jahr 1973 war alles andere als zeitgemäß. Das sollte sich mit dem Entgeltrahmentarifabkommen (ERA) grundlegend ändern. Die schlichte Formel: Je komplexer die Aufgabe, desto besser die Bezahlung. Doch mitten im Prozess der ERA-Einführung scheint sich das Gutgemeinte ins Gegenteil zu verkehren.

Grund: Sämtliche 3,4 Millionen Beschäftigten der Metallbranche müssen bis spätestens Ende 2008 in neue Entgelttabellen eingruppiert werden. In zahlreichen Unternehmen sehen die Personalabteilungen ERA nun als willkommenes Instrument, die Lohnkosten zu reduzieren. Republikweit berichten Betriebsräte, dass die Arbeitgeber systematisch versuchen, die Beschäftigten in schlechtere Entgelt-Schubladen einzugruppieren.

So kann es passieren, dass sich ein Facharbeiter in der alten Lohngruppe 8 mit einem monatlichen Einkommen von 1970,13 Euro plötzlich in der neuen ERA-Gruppe 3 mit einem Einkommen von 1770 Euro wiederfindet. Aufs Jahr gerechnet hätte er mehr als 2000 Euro Verlust.

Und solche Fälle gibt es offenbar häufiger, als der IG Metall lieb sein kann. »Alle Betriebe scheinen nur noch aus bisher zu hoch bezahlten 'Überschreitern' zu bestehen«, schimpft Thies Gleiss, Betriebsratschef einer Werkzeugmaschinenfabrik.

Zwar sehen die Tarifverträge in den jeweiligen Tarifgebieten eine Besitzstandsgarantie vor, wonach niemandem das Gehalt gekürzt werden darf. Doch wer sich nicht fristgerecht gegen die niedrigere Eingruppierung wehrt, bekommt - bis auf das Tarifgebiet Niedersachsen und Sachsen-Anhalt - künftig so lange keine oder nur eine geringe Tariferhöhung, bis sein Gehalt der zugeordneten Entgeltgruppe entspricht.

So versuchte beispielsweise der Automobilzulieferer Karmann massenhaft Mitarbeiter herabzustufen. Bei der Firma Bosch-Rexroth in Bochum sahen sich 90 Prozent aller Beschäftigten mit der Tatsache konfrontiert, als »Überschreiter« eingestuft gewesen zu sein.

Genauso viele waren es bei dem hessischen Hydraulikunternehmen Hyco Pacoma in Eschwege. Dort operierte der Arbeitgeber sogar mit Schulungsfolien, auf denen stand: »Wir haben die einmalige Chance, unter Berufung auf die Tarifvertragsparteien den größten Fixblock anzugehen, Strukturveränderungen vorzunehmen und betrieblichen Schlupf zu reduzieren.«

Auch mehr als 700 Mitarbeiter des MAN-Werks in Gustavsburg müssen sich auf niedrigere Entgeltgruppen gefasst machen.

Und bei Siemens befinden sich bundesweit über 3000 Mitarbeiter im Widerspruchsverfahren, um die Herabstufung noch abzuwenden. Betroffen sind bei dem Weltkonzern sogar die Sekretärinnen, die sich prompt kürzlich zur wohl ersten Demo ihrer Branche in Erlangen versammelten.

Selbst bei großen und gewerkschaftlich gut organisierten Unternehmen wie DaimlerChrysler, Opel und Ford findet eine Abgrup-pierung in großem Stil statt. Allein im DaimlerChrysler-Werk Bremen laufen derzeit bei 14 500 Beschäftigten 7800 Widerspruchsverfahren.

Kein Wunder, dass der IG Metall der einst als »Jahrhundertwerk« gepriesene ERA-Vertrag zunehmend zum Ballast wird. Zwar verweisen alle Bezirksleiter darauf, dass die »normale Überführung in neue Entgeltgruppen die Regel« sei. Doch der bürokratische Aufwand ist immens - und von vielen Funktionären wohl unterschätzt worden.

»Mittlerweile ist ERA für die IG Metall zu einem wahren Alptraum geworden«, bilanziert Betriebsrat Gleiss.

So müssen sämtliche Entgelt-Pläne der Arbeitgeber den Betriebsräten vorgelegt werden. Stimmen die nicht zu, entscheidet eine paritätisch besetzte Kommission aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Wird auch dort keine Einigung erzielt, müssen die Tarifvertragsparteien hinzugezogen werden. Und wenn auch die keinen Kompromiss finden, muss sich der Arbeitgeber schlussendlich die Zustimmung durch das Arbeitsgericht ersetzen lassen - bei inzwischen mehreren tausend Fällen ein echtes Desaster. JANKO TIETZ

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