50 Jahre Römische Verträge Deutschland ohne EU - ein Horror-Szenario

Absurde Subventionen, bizarre Vorschriften: Die Kritik am Bürokratiemonster Brüssel ist groß. Doch was wäre Deutschland ohne die EU? Volkswirte malen ein Schreckensszenario: Das Land verfiele ins Chaos, Arbeitskräfte wären nur noch in der Landwirtschaft gefragt.

Hamburg – Friedrich Heinemann kennt die EU genau. Er arbeitet am Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und hat zahlreiche Studien zum Thema veröffentlich. Heinemann ist das, was man gemeinhin einen Europa-Experten nennt. Eine Frage allerdings hat er sich in seinem Forscherleben noch nie gestellt: Wie würde Deutschland eigentlich aussehen, wenn es die EU nicht gäbe?

"Die Frage ist absurd", sagt Heinemann entsetzt. Einfach "unvorstellbar" sei es, wie die deutsche Wirtschaft ohne den Brüsseler Ordnungsrahmen funktionieren sollte. Die Bundesrepublik, sagt der Wissenschaftler, würde "um Jahrzehnte zurückgeworfen", das Ganze wäre ein "nicht auszudenkendes ökonomisches Desaster".

Für SPIEGEL ONLINE versucht Heinemann dennoch, dieses "Horrorszenario", wie er es nennt, zu entwerfen. Am schlimmsten träfe es demnach den Maschinenbau, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Rund eine Million Menschen sind hier beschäftigt, knapp 150 Milliarden Euro setzt die Branche jährlich um. Einen Großteil der Maschinen "Made in Germany" verkaufen die Firmen im Ausland – vor allem in anderen EU-Ländern. Gäbe es keinen europäischen Binnenmarkt, würden diese Exporte wegbrechen.

Auch die Elektrotechnik, die Autoindustrie und die Chemiebranche leben von ihren Ausfuhren in die Nachbarländer. Möglich gemacht hat das erst der Wegfall der Zölle im Zuge der europäischen Integration. "Sonst hätten sich diese Branchen niemals zu dem entwickelt, was sie heute sind", erklärt Heinemann.

Jährlich exportieren deutsche Unternehmen Waren im Wert von mehr als 500 Milliarden Euro in andere EU-Staaten. Das entspricht knapp zwei Dritteln aller Exporte. Gingen diese Aufträge verloren, würden das Tausende Firmen nicht überleben, sagt Heinemann, Hunderttausende Menschen stünden auf der Straße.

Neue Arbeit würden sie vermutlich nur in der Landwirtschaft finden. Denn all der Camembert, der Serranoschinken und der Chianti, den die deutschen Verbraucher derzeit aus Frankreich, Spanien und Italien beziehen, müsste fortan im Inland produziert werden. "Die Landwirtschaft würde wohl zu den Gewinnern zählen", sagt Andreas Maurer von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Die Anbauflächen müssten vergrößert werden, der Umsatz der Bauern würde steigen.

Für die Kunden wäre das freilich ein Verlustgeschäft. Statt Cabernet Sauvignon käme nur noch Riesling auf den Tisch – und der wäre auch noch teurer als heute. Der Grund ist einfach, erklärt Maurer: Ohne Konkurrenz von außen fehlt der nötige Preisdruck. "Die deutschen Winzer könnten das Geschäft unter sich aufteilen."

Ähnlich wäre es beim Telefonieren. Dass die Tarife heute niedriger sind als vor zehn Jahren, ist schließlich kein Naturgesetz. Erst der EU-Kommission ist es gelungen, das Monopol der Telekom zu knacken. "Die Bundesregierung hätte das gegen die Lobby der Beamten nie geschafft", sagt Heinemann vom ZEW.

Das Gleiche gilt für Strom und Gas, die Post oder den Flugverkehr: Im Interesse der Verbraucher kämpft Brüssel für mehr Wettbewerb und niedrigere Preise, oft im Widerstreit mit den nationalen Regierungen. "Manchmal muss uns die EU eben zu unserem Glück zwingen", sagt Heinemann.

Der erste Ökonom, der den wirtschaftlichen Nutzen der EU berechnet hat, war der Italiener Paolo Cecchini. Im Auftrag der Brüsseler Kommission untersuchte er 1988 "die Kosten des Nicht-Binnenmarkts" – also die Schäden, die ohne die europäische Integration entstehen würden. Sein Fazit war eindeutig: Ohne Binnenmarkt würde das Bruttosozialprodukt in Europa um einige Prozentpunkte niedriger ausfallen.

Allerdings: Manche Bevölkerungsschichten könnten von einer Welt ohne EU durchaus profitieren. Neben den Landwirten wären das all diejenigen, die von staatlichen Beihilfen leben. "Die Bundesregierung hätte viel mehr Möglichkeiten, in das Wirtschaftsgeschehen einzugreifen", erklärt SWP-Experte Maurer. Bisher verbietet die EU-Kommission solche Interventionen, um den Wettbewerb im geeinten Europa nicht zu verzerren. Ohne Brüssel hingegen hätte Berlin freie Hand – zum Beispiel bei der Wirtschaftsförderung in Ostdeutschland. "Die Subventionen würden in die Höhe schnellen", schätzt Maurer. "Politiker wollen schließlich wiedergewählt werden."

Die Volkswirtschaft insgesamt geriete dadurch allerdings erst recht in einen Abwärtsstrudel. Schwacher Export, hohe Preise, steigende Staatsausgaben – keine Ökonomie hält das lange durch. "Die Finanzmärkte würden einen Austritt aus der EU gnadenlos abstrafen", sagt ZEW-Experte Heinemann. Die Aktienkurse aller großen Unternehmen brächen zusammen. "Die Folge wäre eine tiefe Rezession."

Dass es tatsächlich dazu kommen könnte, halten Fachleute allerdings für ausgeschlossen. "Rechtlich ist ein Austritt aus der Europäischen Union nicht möglich", sagt Maurer von der SWP. Theoretisch wäre zwar ein Hintertürchen offen, nämlich wenn die bestehenden, völkerrechtlich bindenden Verträge geändert würden. Allerdings müssten dazu alle 27 EU-Mitglieder zustimmen – und das ist, sagt Maurer, "komplett unrealistisch".

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