92,6 Prozent Metaller wählen Huber zum neuen Gewerkschaftsboss

Der bisherige Vize der IG Metall ist jetzt die Nummer eins: Auf dem Leipziger Gewerkschaftstag wählten die Delegierten Berthold Huber mit 462 von 499 gültigen Stimmen zum neuen Vorsitzenden. Sein Stellvertreter wird Detlef Wetzel - das Votum stärkt den Reformflügel der Organisation.


Leipzig - Die Aufgabe, die auf Huber zukommt, ist gewaltig - die IG Metall ist schließlich Europas größte Industriegewerkschaft. Da ist es hilfreich, wenn die Organisation hinter ihrem neuen Chef steht, und genau das scheint der Fall zu sein: 92,6 Prozent der Delegierten stimmten für Huber. Einen Gegenkandidaten gab es nicht.

Neuer IG-Metall-Chef Huber nach seiner Wahl mit Ehefrau Anne Schmidt: Kampf-Rhetorik ist seine Sache nicht
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Neuer IG-Metall-Chef Huber nach seiner Wahl mit Ehefrau Anne Schmidt: Kampf-Rhetorik ist seine Sache nicht

Huber war bisher als stellvertretender Vorsitzender für die Tarifpolitik zuständig. Der 57-Jährige gilt als Vertreter des reformorientierten Gewerkschaftsflügels.

Zu seinem Stellvertreter wählten die Delegierten den nordrhein-westfälischen Bezirkschef Detlef Wetzel, der ebenfalls den Modernisierern der IG Metall zugerechnet wird. Wetzel erhielt 87 Prozent der Stimmen.

Mit dem neuen Duo könnten bei der IG Metall leisere Töne Einzug halten. Der bisherige Gewerkschaftsboss Jürgen Peters war immer für einen Streit zu haben - sei es mit der Politik oder mit Konzernvorständen. Hubers Sache ist gewerkschaftliche Kampf-Rhetorik nicht. Dass er trotzdem durchsetzungsfähig ist, hat er in der jüngsten Tarifrunde bewiesen. Unter seiner Leitung setzte die IG Metall mit 4,1 Prozent die höchsten Einkommensverbesserungen in der Industrie durch.

Dem obersten Tarifpolitiker der Gewerkschaft werden zudem Erfolge im Kampf gegen den Mitgliederschwund und innovative Tarifkonzepte wie das Pforzheimer Abkommen gutgeschrieben, durch das eine Öffnung der Abschlüsse für betriebliche Lösungen möglich wurde.

Das Etikett des Zauderers, das ihm Gegner in der Gewerkschaft angeheftet haben, hat der studierte Historiker und Philosoph längst abgestreift. Es stammt aus der Zeit, als sich Modernisierer und Traditionalisten in der IG Metall unversöhnlich gegenüberstanden und die Gewerkschaft an den Rande der Spaltung brachten. Huber, der den Modernisierern zugerechnet wird, und Jürgen Peters waren vor vier Jahren Konkurrenten um die Nachfolge des zurückgetretenen Vorsitzenden Klaus Zwickel. In einem Burgfrieden vereinbarten sie, die Gewerkschaft gemeinsam zu führen. Teil der Abmachung war, dass Huber im Herbst 2007 Peters als Vorsitzenden ablöst.

Die Gewerkschaftskarriere des Neuen ist ungewöhnlich: Mit 28 Jahren war Huber bereits Gesamtbetriebsratschef beim Omnibus-Hersteller Kässbohrer in seiner Heimatstadt Ulm, der inzwischen als EvoBus zum Autokonzern DaimlerChrysler gehört. Damit wären weitere Schritte als Arbeitnehmervertreter vorgezeichnet gewesen. Doch mit 35 Jahren begann der gelernte Werkzeugmacher ein Studium der Geschichte und Philosophie - obendrein als alleinerziehender Vater. 1990 half er beim Aufbau der IG Metall im Osten, ab 1998 übernahm er die Aufgabe, den mächtigen, damals tief zerstrittenen baden-württembergischen Landesverband zu einen.

In der Tarifpolitik schlägt Huber neue Wege ein. Nicht erst seit der Schwabe zweistufige Tarifverträge mit größerer Eigenständigkeit für die Betriebe vereinbart hat, gilt der Mann mit der leisen Stimme als Reformer. "Die Antworten heute können nicht so aussehen wie vor 50 Jahren", lautet sein Motto.

Auf seine Beharrlichkeit geht die Angleichung von Angestellten-Gehältern und Arbeiter-Löhnen zurück. Eines seiner wichtigsten Themen ist die Bildung, von der Aus- über die Weiterbildung bis hin zum lebenslangen Lernen. Einen weiteren Schwerpunkt will Huber beim altersgerechten Lernen legen: Wie kann man Arbeitnehmer so fit machen, dass sie tatsächlich bis 67 Jahre arbeiten können?

Huber will der IG Metall zudem in der sozialpolitischen Debatte wieder Gehör verschaffen. Er will weg von der "Nicht-mit-uns"-Haltung, auf die sich Gewerkschaft im Streit über die Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder versteift hat, und stattdessen eigene Konzepte entwickeln.

wal/Reuters



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