A380-Krise Frankreich streitet über EADS-Doppelspitze

EADS-Co-Chef Forgeard muss noch eine Weile zittern: Einer Zeitung zufolge wird nun doch erst Ende der Woche eine Entscheidung über seine Zukunft im Konzern fallen. Inzwischen kam ein Sitzungsprotokoll ans Licht, das ihn vom Vorwurf des Insiderhandels entlasten könnte.


Paris - Eigentlich hatte Wirtschaftsminister Thierry Breton eine Frist bis heute gesetzt. Der französische Staat wolle die Lösung der Krise bei EADS Chart zeigen den beiden industriellen Anteilseignern Lagardère und DaimlerChrysler überlassen. Doch er hoffe, dass bis Dienstag Klarheit darüber herrschen, wie es bei EADS weitergehen soll, betonte Breton gestern. Aber noch lassen Entscheidungen auf sich warten. Diese würden jetzt "bestenfalls Ende der Woche oder in der kommenden Woche" erwartet, berichtete die Wirtschafszeitung "La Tribune" unter Berufung auf informierte Kreise.

EADS-Chef Forgeard: "Ein Mittel für die Gesamtheit der Probleme finden"
REUTERS

EADS-Chef Forgeard: "Ein Mittel für die Gesamtheit der Probleme finden"

Die Großaktionäre DaimlerChrysler und Lagardère drängen allerdings Zeitungsberichten zufolge hinter den Kulissen den französischen EADS-Co-Chef Noël Forgeard zum Rücktritt. Ein Szenario sei, dass der deutsche Co-Chef Thomas Enders die Geschäfte künftig alleine führt mit einem französischen Aufsichtsratschef an der Seite. Auch der französische Staatspräsident Jacques Chirac hatte die Managementstruktur bei EADS öffentlich in Frage gestellt. Es müsse mit der deutschen Seite "ein Mittel für die Gesamtheit der Führungsprobleme bei EADS" gefunden werden, erklärte Chirac gestern Abend im französischen Fernsehen. Zum Schicksal seines früheren Beraters Forgeard wollte er sich jedoch nicht äußern.

Das Pariser Verteidigungsministerium hält aber "La Tribune" zufolge wenig von einer Abkehr von der Doppelspitze. "Je mehr der Staat und die französische Politik eingreifen, indem sie eine Änderung des EADS-Führungssystems wünschen, desto mehr werden sie am Ende das Gewicht der Deutschen in der Gruppe stärken", zitierte das Blatt "eine gute Quelle" des Hauses. "Ist es wirklich das, was Paris will?"

Forgeard war aus zwei Gründen im Rahmen der Lieferkrise des A380 besonders in die Kritik geraten. Zum einen war er selbst bis letztes Jahr Airbus-Chef, zum anderen hatte er im März bei Höchstkursen große Aktienpakete verkauft und dadurch Millionen gewonnen. Die Börsenaufsichten in Frankreich und Deutschland ermitteln nun gegen ihn und andere Vorstände wegen des Verdachts auf Insiderhandel.

Sitzungsprotokoll entlastet Forgeard

Sollte es tatsächlich Aktienverkäufe mit Insiderwissen durch EADS-Manager gegeben haben, sei er "schockiert", sagte Frankreichs Staatschef Chirac gestern im Sender France 2. Auszüge aus Sitzungsprotokollen des EADS-Aufsichtsrats vom Mai, die die Zeitung "Le Monde" heute veröffentlicht, scheinen Forgeard allerdings zu entlasten. Bei der Sitzung am 12. Mai war zwar schon von möglichen Verzögerungen bei der Lieferung des Riesenfliegers die Rede gewesen. Allerdings hatte der deutsche Airbus-Chef Gustav Humbert demnach eine relativ optimistische Prognose abgegeben.

Im schlimmsten Fall würden 2007 nur acht bis zehn Flugzeuge ausgeliefert, im besten Fall 17 bis 20, weshalb eine Durchschnittszahl von 13 "die beste Schätzung" sei. Insgesamt seien die deutschen EADS-Vertreter deutlich optimistischer als die Franzosen gewesen, was die Verzögerungen anging, heißt es weiter. Außerdem verlangte Forgeard, dass festgehalten werde, wann er und Enders über den Verkauf von großen Anteilspaketen durch Lagardère und DaimlerChrysler informiert worden waren. Als Termin wird der 20. März angegeben. Forgeard hatte seine Aktien, die ihm einen Nettogewinn von 2,5 Millionen Euro bescherten, fünf Tage zuvor verkauft. Damit hätte er noch nichts vom bevorstehenden Teilausstieg der Großaktionäre gewusst - ein Hinweis, dass auch die Probleme beim A380 nicht ausschlaggebend für den Verkauf waren.

Der französische Staat hält 15 Prozent an EADS, die französische Mediengruppe Lagardère 7,5 Prozent. Als Gegengewicht ist der Stuttgarter Autokonzern DaimlerChrysler mit 22,5 Prozent beteiligt. EADS war 2000 aus der deutschen Dasa, der spanischen Casa und der französischen Aérospatiale hervorgegangen. Um dem austarierten Machtgefüge zwischen Franzosen und Deutschen Rechnung zu tragen, wurden damals Doppelspitzen sowohl für den Vorstand als auch den Verwaltungsrat beschlossen.

ase/afp



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Joachim Baum 27.04.2005
1.
---Zitat von sysop--- Die Heckflosse so hoch wie das Brandenburger Tor, ein Elefant wirkt winzig dagegen: Mit dem Airbus 380 beginnt eine neue Dimension der Gigantomanie in der Luftfahrt. Zu erwartende lange Boardingzeiten und heikle Sicherheitsszenarien für den Riesenflieger dämpfen bei manchen die Vorfreude. Möchten Sie mit dem neuen A 380 fliegen? Fasziniert Sie die Technik oder schreckt sie eher ab? ---Zitatende--- Ich warte erst mal ab, ob er heute wieder heil runterkommt ...
Dominik Menakker, 27.04.2005
2. Fahr doch Fahrrad!
Ach, sind wir wieder soweit? Alles neue ist per se Wahnsinn. Was wir nicht kennen macht uns Angst? Die Franzosen sind stolz wie Oskar, wenn ihr Riesenbaby heute abhebt. Die Deutschen prozessieren gegen eine Startbahn. Es ist mal wieder soooooooo typisch. Ach ja, und zur Hauptfrage. Natürlich freue ich mich auf den Vogel. Jeder der viel und gerne fliegt wird das tun.
DJ Doena 27.04.2005
3.
Ich habs in meinem Leben bisher nur in verschiedene Boings geschafft, noch nie in einen Airbus, aber wenn es um den Wettstreit Europa vs. USA geht, dann steh ich natürlich voll und ganz auf dem Boden des "alten Europas". Was ich bedauerlich am neuen 380 finde, ist, dass die Fensterchen wieder verdammt klein zu sein scheinen. Herrje, es muss doch möglich sein, ein Flugzeug zu konstruieren, dass mehr als nur diese Bullaugen zum rausgucken hat...
Peter Jelinski, 27.04.2005
4.
---Zitat von DJ Doena--- Ich habs in meinem Leben bisher nur in verschiedene Boings geschafft, noch nie in einen Airbus, aber wenn es um den Wettstreit Europa vs. USA geht, dann steh ich natürlich voll und ganz auf dem Boden des "alten Europas" ---Zitatende--- Mir geht es genauso. Ich brauche noch den 747 um alle Boeing Modelle zu kennen, und hoffe bald in einem Airbus zu sitzen.
webwiese, 27.04.2005
5.
---Zitat von Dominik Menakker--- Die Franzosen sind stolz wie Oskar, wenn ihr Riesenbaby heute abhebt. Die Deutschen prozessieren gegen eine Startbahn. Es ist mal wieder soooooooo typisch. ---Zitatende--- Kann Ihnen nur 100%ig zustimmen. Wann hören wir endlich auf, ständig das Miese zu suchen? Wir preisen den Technologiestandort und stellen gleichzeitig seine Ergebnisse in Frage! Thema: Einen vor und zwei zurück! Zur Sache: Der A380 ist die konsequente Fortführung der Flugzeugtechnologie. Mit steigendem Flugverkehr werden auch größere und rationalere Flugzeuge gebraucht. Waren es nicht die Saudis, die schon vor dem Jungfernflug nach noch größeren Fliegern gerufen haben? Ich wünsche Airbus viel Erfolg, auch - und gerade - um im Wirtschaftswettkampf mit unseren "Freunden" aus den USA nachwievor wettbewerbsfähig bleiben zu können. Gruß Christian Wiese
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