Zur Ausgabe
Artikel 41 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WELTHANDEL Ab durchs Reich der Mitte

Hamburg schickt sich an, mit viel Pomp seine chinesischen Wirtschaftspartner zu feiern. Unter deutschen Städten ist derweil ein harter Kampf um die Gunst der Investoren ausgebrochen.
Von Erich Follath
aus DER SPIEGEL 37/2006

Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein, sagt ein chinesisches Sprichwort. In diesen Tagen sieht es so aus, als wollten die Deutschen den fernöstlichen Leitsatz adoptieren.

Großstädte, aber auch kleinere Gemeinden putzen sich speziell für den China-Handel heraus, erschließen günstiges Bauland für Firmen und stellen andere Standortvorzüge heraus. Während die einen schon die wachsende ökonomische Bedrohung durch die erstarkende Volksrepublik sehen (siehe Seite 44), wollen die anderen noch vom ungebrochenen Peking-Boom profitieren: Nach den vergangenen beiden Jahren mit rund zehn Prozent Wachstum hat die chinesische Wirtschaft im letzten Quartal mit einem 11,3-prozentigen Plus nochmals Fahrt aufgenommen.

Die Chinesen konsumieren wie nie zuvor, oft und besonders gern Güter aus Deutschland; aber sie investieren auch wie noch nie, beteiligen sich an Unternehmen oder kaufen marode Firmen in der Ferne auf; andere suchen für ihre eigenen Unternehmen Europazentren.

Doch wer liegt in Deutschland vorn im Wettlauf um die chinesischen Globalisierungsmilliarden? Kennt man sich gut genug, um Missverständnisse und Enttäuschungen auszuschließen - etwa den Know-how-Klau, mit anschließend drohendem Abbau der deutschen Arbeitsplätze?

An mangelnden Kontakten zwischen den Politikern kann es jedenfalls kaum liegen. Über 40 deutsche Gemeinden haben inzwischen Partnerstädte in der Volksrepublik. Den Anfang machten 1982 die Industriemetropolen Duisburg und Wuhan; dann kamen die Hafenstädte Bremen und Dalian (1985), bevor sich 1986 Hamburg und Shanghai verbandelten.

Dass dann auch die Hauptstädte Berlin und Peking schwesterlich zusammenfanden, sich die Messestädte Frankfurt am Main und Kanton trafen, überrascht wenig und ist sinnvoll. Was Marbach am Neckar in den Armen von Tongling sucht, weshalb sich Riesa Suzhou angelacht hat, ist schon rätselhafter. Der Verdacht drängt sich auf, dass es bei der »Zusammenarbeit in Be-

reichen kommunaler Fragen und Förderung von den »China Wirtschaftskontakten« (Website-Erklärungen) etwa zwischen Sprockhövel im Ruhrgebiet und Zaozhuang schlicht um Polit-Tourismus geht.

Bei den Profis von der Hamburgischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (HWF) und der in Köln ansässigen Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsvereinigung (DCW) besteht weitgehend Einigkeit, dass die Regionen Köln/Düsseldorf und Hamburg die führenden China-Standorte in Deutschland sind. Aber hinter den Kulissen ist ein handfester Streit darüber ausgebrochen, wem die Krone gebührt.

Der Kölner DCW-Chef Tim Glaser sieht eher die nordrhein-westfälischen Metropolen vorn, »sie eignen sich besonders für den Aufbau einer Repräsentanz und den Vertrieb chinesischer Produkte. Dass da Hamburg führt, wage ich zu bezweifeln«. Für die Hanseaten dagegen ist »Hamburg unbestreitbar nicht nur Deutschlands, sondern sogar Europas China-Zentrum«.

Köln wirbt um die fernöstlichen Partner besonders intensiv und zählt schon über 90 chinesische Unternehmen, allein in den vergangenen zwölf Monaten ein Plus von über 30 Prozent. Düsseldorf hinkt bei diesen Zahlen hinterher, kann sich aber einer der neuesten Partnerschaften rühmen: Im Juli 2004 machte die Stadt am Niederrhein die Yangtze-Flussmetropole Chongqing zu ihrer Schwester.

»Etwas bizarr« hatte Düsseldorfs CDU-Oberbürgermeister Joachim Erwin die Idee anfangs gefunden. Aber nach einer Reise in Chinas Sichuan-Provinz war er von der dortigen Dynamik begeistert: Chongqing ist nach Eingemeindungen mit 32 Millionen Einwohnern die größte Stadt Chinas (und der Welt). Weil die KP-Führung die Metropole 1000 Kilometer entfernt von der Küste zum Brückenkopf für Zentralchina ausbauen will, zahlen Unternehmen in Chongqing besonders geringe Steuersätze, die Arbeiter verdienen nur die Hälfte ihrer Kollegen in den Boom-Regionen am Meer.

Der massive Ausbau der Verkehrsinfrastruktur verschafft nordrhein-westfälischen Unternehmen große Chancen. »Das Wichtigste an Städtepartnerschaften ist heutzutage die Wirtschaft«, gibt OB Erwin die Richtung vor, »der Austausch von Kirchenchören ist vorbei.«

Dass man in Hamburg den China-Emporkömmling Düsseldorf nur milde belächelt, will offiziell niemand zugeben. »Wir müssen die Konkurrenz ernst nehmen«, sagt Ole von Beust, der Erste Bürgermeister. Aber gleichzeitig sagt er auch: »Wir sind in Sachen China eindeutig die deutsche Nummer eins. Und wir werden diesen Vorsprung noch ausbauen.«

Die Hansestadt und das Reich der Mitte - das ist eine lange Liebes-Story, aber vor allem Geschäftsgeschichte. Bereits 1731 lief mit der »Apollon« das erste Schiff aus China im Hamburger Hafen ein; norddeutsche

Kaufleute gründeten ihre erste chinesische Handelsniederlassung 1845 bei Kanton. Zwischen 1921 und 1944 gab es im Stadtteil St. Pauli eine echte »Chinatown« mit Wäschereien, Restaurants und Tanzlokalen, die sich erst auflöste, als die Nazis die Immigranten immer brutaler drangsalierten. Nach dem Krieg entstanden neue Kontakte. Seit 1986 sind Hamburg und die Weltstadt Shanghai offizielle Partner. »Hanbao« heißt die Hansestadt auf Mandarin - »Burg der Chinesen«.

In Hamburg sind fast 400 chinesische Unternehmen angesiedelt, unter anderem Schwergewichte wie die Reedereien Cosco und China Shipping, die rund 1500 Mitarbeiter beschäftigen. Im Gegenzug unterhalten etwa 700 Hamburger Firmen Geschäftsbeziehungen mit der Volksrepublik. Seit Jahren gilt China als wichtigster Handelspartner des Hafens, jeder vierte der jährlich rund acht Millionen Container kommt von dort oder wird dorthin verschifft.

Jetzt will Hamburg seine Kompetenz mit einem besonderen Fest unterstreichen: Vom 13. September bis 1. Oktober wird die ganze Stadt im Zeichen des Drachen stehen, dann feiert die Hansestadt »China Time": einen hochkarätigen Politikertreff, ein Top-Wirtschaftsforum, ein Volksvergnügen mit über 250 kulturellen Veranstaltungen - mehr als 100 000 Besucher werden erwartet.

Die Festwochen beginnen mit einer von der Hamburger Handelskammer organisierten dreitägigen Konferenz »China trifft Europa«, zu deren Eröffnung sich der Pekinger Ministerpräsident Wen Jiabao und Kanzlerin Angela Merkel angesagt haben. Als Symbol und Glücksbringer wird ein eigens für das Großereignis gebauter sieben Meter langer und fünfeinhalb Meter hoher Kupferdrache auf der Binnenalster verankert.

Der von einem Großindustriellen gespendete Drache hat sogar eine Umweltunbedenklichkeitsbescheinigung, er färbt nicht, schmutzt nicht. Die Hamburger fragten vorsichtshalber in China nach, ob die geschwungene Form des Drachen irgendwelchen Copyright-Restriktionen unterliege. Da wunderten sich die Chinesen, die zum Leidwesen deutscher Unternehmen Copyright gern als »Recht zum Kopieren« missverstehen und westliche Produkte abkupfern - eine Schutzverordnung für Fabeltiere, nein, so etwas gebe es nicht.

Werden denn während der China-Wochen auch die dringenden Bedenken der Deutschen hinsichtlich der Rechtssicherheit in China zur Sprache kommen, sollen Menschenrechtsverletzungen angesprochen werden? Beust verspricht: »Das wird keine reine Jubelveranstaltung, wir werden unseren Gästen - ohne sie öffentlich zu belehren - deutlich die Meinung sagen.«

Dumme Menschen lernen allenfalls durch eigene Fehler, kluge auch durch die Fehler anderer: So lautet ein anderes altes chinesisches Sprichwort. ERICH FOLLATH

* Am 11. Juli bei der Vorstellung des Programms zu den»China-Time«-Tagen.

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.