Zur Ausgabe
Artikel 30 / 68

KONZERNE Ab nach Übersee

Die Thyssen-Bornemisza-Gruppe zieht von Holland nach den Antillen. Ihre Manager wollen sich groß in den USA einkaufen.
aus DER SPIEGEL 30/1975

Sein Großvater war Deutscher, sein Vater Ungar, er selbst wurde in Holland geboren und besitzt einen Schweizer Paß. Seine Frau ist Brasilianerin, und seinen kürzlich auf die Antilleninsel Curaçao ausgewanderten Konzern regiert er demnächst aus Fürst Rainiers Mini-Monarchie Monaco.

Doch vor allem denkt Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, 54, jetzt an Amerika. Hierhin will der polyglotte Multimillionär, Enkel des Ruhrmagnaten August Thyssen, seine bisher überwiegend in der Bundesrepublik und Holland konzentrierten Geschäftsinteressen zunehmend verlagern.

Der Stahlerbe will freilich nicht seine Firmen, sondern nur das Geld, das er durch deren Verkauf in die Kasse bekommt, nach den USA schleusen. »Die Liquiditätslage der Gruppe«, freute sich Thyssens Top-Manager. der Holländer Gerard B. Huiskamp, schon vor zwei Jahren. »erlaubt es, auch größere Firmen gegen Barzahlung zu übernehmen«.

Bares holen sich Thyssen und sein Generaldirektor zunächst aus Deutschland. Schon bald wird dem Stahlerben von seinem deutschen Firmenbesitz nur noch eine gut 75prozentige Beteiligung an der Bremer Vulkan-Werft gehören: Seit kurzem verhandelt »Baron Heini« -- wie er im Jetset hieß -- über die Räumung seiner letzten Ruhr-Bastion, den 50prozentigen Anteil an der Duisburger Thyssengas GmbH.

Das Industriereich des Thyssen-Enkels hatte schon vorher kaum noch Ähnlichkeiten mit dem rein deutschen Stahltrust des Großvaters besessen. Die Montan-Firmen des Gründers nämlich waren vom älteren Gründersohn Fritz 1926 in die Vereinigten Stahlwerke eingebracht worden, aus denen die heutige August-Thyssen-Hütte hervorgegangen ist. Der jüngere Gründersohn Heinrich war mit einem Firmen-Sammelsurium abgefunden worden, das dann Enkel Hans Heinrich erbte.

Mit dem Firmen-Konglomerat erbte der dritte Thyssen auch den deutschungarischen Doppelnamen: Vater Heinrich nämlich hatte in Ungarn die Baronesse Margarete Bornemisza de Kaszon geehelicht und sich von deren Vater gleich adoptieren lassen.

Der Erbe machte zunächst mehr in den Klatschspalten der Regenbogen-Presse als in Wirtschafts-Gazetten von sich reden. Bergauf mit Bornemiszas Konzern ging es erst, als vor drei Jahren der ehemalige Shell-Manager Huiskamp den Vorstands-Vorsitz der Gruppe übernahm. Der auf unbedingtes Renditedenken gedrillte Holländer baute den Konzern sofort um: Mäßig verdienende Firmen werden abgestoßen, profitablere sollen heran -- vor allem in Amerika.

1972 verkaufte Thyssen seinen 50prozentigen Anteil am Stahl- und Röhrenwerk Reisholz für 55 Millionen Mark an Mannesmann. Ein Jahr später überließ er seinen Anteil an der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft im wesentlichen der Hamburger Werft Alnwick-Harmstorf, und die Niederrheinischen Gas- und Wasserwerke gingen für über 35 Millionen an Gelsenwasser.

Für rund 50 Millionen Mark kaufte der Konzernherr bald darauf die Maastrichter Porzellan- und Fliesenfirma Mosa. Vergangenes Jahr sicherte er sieh für 150 Millionen den New Yorker Konglomerat-Konzern Indian Head, in dessen 55 Fabriken 18 000 Beschäftigte Textilien, Autoteile, Kunststoffrohre und Glasbehälter fertigen.

Die Verlagerung seiner Aktivitäten auf den US-Markt nutzte der auf politischem Rechtskurs marschierende Thyssen-Enkel zudem, seinen holländischen Firmensitz Amstelveen mit der Antilleninsel Curaçao zu vertauschen: In der Karibik ist er nicht nur vor den Gewinnabschöpfungsplänen des sozialistischen Regierungschefs Joop den Uyl sicher, für Gewinn- und Zinsüberweisungen aus den USA genießt er fortan sogar volle Steuerfreiheit. Er selber will sich seine Konzernholding demnächst in der Spielbanken-Idylle Monaco einrichten, »wo wir«, so Huiskamp, »sehr willkommen sind«.

Derweil zeigt die Profitpolitik des »Barons« und seines Holländers schon Erfolg: Allein im letzten Jahr schnellte der Gruppen-Umsatz um 83 Prozent auf 1,6 Milliarden Mark hoch, die Kapitalrendite lag bei 21 Prozent. Huiskamps Fernziel: Jedes Jahr 15 Prozent mehr Gewinn.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 68
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.