Abgang von Clive Davis Schwanengesang für den Hit-Garanten

Er ist das erste prominente Opfer der iTunes-Generation: Um sich im digitalen Zeitalter zu behaupten, baut Musikriese Sony BMG seine Chefetage um. Gehen muss ausgerechnet die Produzenten-Legende Clive Davis - der Hit-König, der einst Whitney Houston entdeckte.

Von , New York


New York - Die Meldungen waren klein und leicht zu übersehen: "Hit-Macher tritt Kontrolle bei BMG ab", schrieben die "New York Times" und das "Wall Street Journal". Sony BMG, das gemeinsame Musiklabel von Sony und Bertelsmann, werde seine Chefetage umbauen, hieß es da. Clive Davis, der zuletzt BMG North America und die RCA-Gruppe geführt hat, werde seine Top-Ämter aufgeben und sich fortan mit dem neuen Posten des "Kreativchefs" begnügen müssen.

Hit-Legende Cleve Davis: "Der große Überlebende der Musikindustrie"
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Hit-Legende Cleve Davis: "Der große Überlebende der Musikindustrie"

Was aber so klein daher kam, ist für Branchenkenner ein Erdbeben: Denn Musikproduzent Davis ist eine Legende - einer der letzten Dinosaurier jener Ära, in der Plattenverkäufe Karrieren bestimmten und Männer wie Davis Stars erschufen.

Denn der 76-Jährige entdeckte in vier Jahrzehnten Janis Joplin, Aretha Franklin und Whitney Houston. Er machte Kelly Clarkson und Oscar-Gewinnerin Jennifer Hudson ("Dreamgirls") zu Weltstars. Er ist, schrieb "Rolling Stone" noch im Februar, "der große Überlebende der Musikindustrie" - und doch ist er jetzt zum prominentesten Opfer der iTunes-Generation geworden.

Denn immer mehr Fans besorgen sich ihre Musik inzwischen online. Die einstigen Platzhirsche der Branche wie Sony BMG Chart zeigen, Universal, EMI Chart zeigen, Warner Music Chart zeigen kränkeln. Gekettet an große Aktienkonzerne oder selbst von Börse und Bilanzen abhängig, stehen sie vor einem ähnlichen Schicksal wie der Print-Zeitungsmarkt: Denke um - oder stirb.

Das alte System funktioniert nicht mehr

In den letzten acht Jahren schrumpften die US-Plattenverkäufe um 36 Prozent. Derweil überrundete Apple mit seinem iTunes den Einzelhandelsriesen Wal-Mart Chart zeigen als größter Musikverkäufer. Die Aktie von Warner Music - die einzige eigenständig notierte Label-Gruppe unter den großen Vier - ist heute weniger als die Hälfte wert als vor einem Jahr.

Denn das alte System, das Davis verkörperte wie kein anderer, funktioniert nicht mehr: Stars wurden zentral gezüchtet, verpackt, vermarktet, verkauft - und Davis war jahrzehntelang Meister darin, neue Talente mittels brillanter Marketingkampagnen und Beziehungen zum Fernsehen und Radio zu pushen.

Heute läuft der Großteil des Musikgeschäfts über Downloads, was viel basisdemokratischer ist - aus Sicht der Industrie allerdings eine Verlustrechnung, die sich ihrer Kontrolle entzieht. Die CD stirbt langsam aus, Stars wie Madonna werden abtrünnig und schließen lieber lukrativere Verträge mit Konzertveranstaltern, und Geschmackspäpste à la Davis müssen Zahlenjongleuren weichen.

Davis' alter Posten zum Beispiel geht nun an Barry Weiss, einen 49-jährigen Durchstarter, der für BMG bisher die Zomba Label Group leitete (Justin Timberlake, OutKast, Chris Brown, R. Kelly). Weiss ist nicht nur fest in der neuesten HipHop- und R&B-Kultur verwurzelt - sondern achtet auch auf die Bilanzen.

Auge für Talent

Davis dagegen hatte immer ein Auge für Talent und Star-Qualitäten - Attribute, die sich auf iTunes schwer steuern lassen. Was wiederum die Aktionäre und Chefs der beiden Mutterkonzerne trifft, die je zu 50 Prozent an Sony BMG beteiligt sind: Voriges Jahr bestritt Sony BMG 7,5 Prozent des Bertelsmann-Umsatzes - ein Anteil, der mit 1,46 Milliarden Euro fast 28 Prozent unter dem von 2006 lag.

Wie unversöhnlich sich die "alten Garde" ("Wall Street Journal") und die neuen Trends gegenüberstehen, zeigt sich auch an Davis' jüngstem Projekt: Er ist Pate der Nachwuchs-Castingshow "American Idol". Die Sieger dieser enorm populären US-Vorlage von "DSDS" bugsiert Davis exklusiv in maßgeschneiderte Plattenverträge. An die frühen Erfolge können die aber inzwischen kaum mehr anschließen.

Es deutet also alles auf das Ende einer langen Karriere hin - die eigentlich wenig musikalisch begann: Der gebürtige Brooklyner, ein Harvard-Jurist, arbeitete Anfang der sechziger Jahre in einer Kanzlei, zu deren Klienten CBS Records gehörte. Davis wechselte als Hausjurist zur CBS-Tochter Columbia Records, wo er seine Leidenschaft für Musik entdeckte. Sein Ohr für Mainstream-Hits ließ ihn schnell aufsteigen - bis nach ganz oben, zum Chef des Labels.

1967 besuchte Davis das Monterey Pop Festival, wo er Janis Joplin hörte. Es war, wie er später sagte, "der kreative Wendepunkt meines Lebens". Er nahm Joplin unter Vertrag. Es folgten eine Reihe weitere, bislang wenig bekannte Künstler und Gruppen, die unter ihm zu Stars wurden: Donovan, Santana, Bruce Springsteen, Aerosmith, Billy Joel.

1973 wurde Davis allerdings überraschend von Columbia gefeuert, im Zuge eines internen Betrugs- und Bestechungsskandals. Bis heute beharrt er, er sei ein unschuldiges Bauernopfer gewesen - und versucht seither, es aller Welt zu zeigen.

Davis war das Business

Er gründete sein eigenes Label, Arista. Dessen erster Megastar war die damals 19-jährige Whitney Houston, die er in einem Nachtclub singen hörte und zu einer der erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten machte. Houston verkaufte mehr als 50 Millionen Alben - bevor sie sich Anfang der neunziger Jahre von ihm löste und mit Drogen und der Seifenoper-Ehe mit Bobby Brown die Karriere kaputt machte.

Arista deckte alle Sparten ab: Punkrock (Patti Smith), Country (Alan Jackson), Pop (Prince), Folk (Sarah McLachlan), HipHop (Sean "Puffy" Combs), R&B (Toni Braxton). Davis inszenierte auch die Comebacks alter Größen: Aretha Franklin, Grateful Dead, Barry Manilow - und 1999 seine Entdeckung von 1968: Santana.

Dabei überlies Davis nichts dem Zufall: Er wies seinen Künstlern Komponisten und Texter zu. Er bestimmte die Arrangements. "Er nahm Songs und änderte einfach die Tonart", berichtete Rod Stewart, einer seiner Protegés. So gewann Davis drei Grammys, bekam einen Stern auf dem Hollywood-Boulevard und wurde in die Rock'n'Roll-Hall-of-Fame eingeführt. Seine Grammy-Partys waren wichtiger als die Grammy-Verleihung selbst. Davis beherrschte das Business nicht - er war das Business.

Doch irgendwann landete Arista über diverse Umwege bei Bertelsmanns BMG - und damit im Schoße eines Konzerns, in dem Personenkult weniger zählt als kalter Profit. BMG zwang Davis schließlich zum Abtritt - aus Altersgründen, wie es offiziell hieß. Als Trostpflaster durfte er erneut ein eigenes Label gründen, J Records, an dem sich Bertelsmann beteiligte. Kurz darauf holte ihn BMG zurück und machte ihn zum Chef von BMG North America.

Davis wird zur Altlast

Dort steuerte er Künstler wie Britney Spears, Justin Timberlake, Christina Aguilera, Carrie Underwood, Alicia Keys, Kelly Clarkson. Einige begannen ihren Weg bei "American Idol". Andere an dem enormen Konzertflügel, der im Wohnzimmer von Davis' luxuriösen Landhaus nördlich von New York steht, geschmückt mit zahllosen Fotos des Meisters mit seinen Stars.

2004 verschmolzen Sony und Bertelsmann ihre Musikunternehmen zu Sony BMG. Zwar dauerte es danach noch drei weitere Jahre, bis das gigantische Joint Venture durch die Gerichte und die EU-Kontrollbehörden war. Aber da saß die Musikindustrie längst in der Download-Falle: Bertelsmann deutet seitdem an, Sony BMG ganz an Sony abzustoßen - so denn der Preis stimmt. Einstweilen ist Rationalisierung angesagt: Im vergangenen Jahr kürzte Sony BMG sein Personal um 42 Prozent, von 4880 auf 2851 Mitarbeiter.

Davis wurde da schnell zur Altlast, im wahrsten Sinne des Wortes. Er soll mehr als zehn Millionen Dollar im Jahr verdient haben. Sein neuer Job als "Kreativdirektor", so ein Insider zum "Wall Street Journal", sehe so aus: "Er darf herumstromern und Clive sein."

In dieser Rolle wird Davis wohl trotzdem so lange weiterwirken, wie sie ihn wirken lassen. Sein nächstes Projekt ist bereits angeleiert, mit einem avisierten Launchtermin im November 2008: Whitney Houstons Comeback-Album.



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