Abgeltungssteuer Wer 30 Jahre spart, zahlt 30.000 Euro

Die geplante Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge wird voraussichtlich niedriger ausfallen als geplant. Für Anleger kein Grund zur Entwarnung. Denn der Angriff des Fiskus auf ihre Aktiendepots kommt aus einer anderen Richtung – mit durchschlagender Wirkung.

Hamburg - Peer Steinbrück gibt sich ganz entspannt. Gut möglich, dass die geplante Abgeltungsteuer auf Kursgewinne, Zinsen und Dividenden nicht im Jahr 2008, sondern erst im Jahr 2009 komme, sagte der Finanzminister in dieser Woche der "Berliner Zeitung". Und es müssen aus seiner Sicht auch nicht wie zunächst vorgesehen 30 Prozent Steuer auf Kapitalerträge sein – 25 Prozent würden möglicherweise auch schon reichen.

Woher diese Bescheidenheit? Brummt die deutsche Konjunktur bereits so stark, dass man abgabengeplagte Bürger wieder ein bisschen päppeln kann? Folgt man der Darstellung des Finanzministeriums und der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Steuerreform, dann müssten Anleger und Sparer jetzt Freudentänze aufführen. Schließlich werden zum Beispiel Zinsen derzeit mit dem persönlichen Steuersatz von bis zu 42 Prozent besteuert. Die Steuerlast von Spitzenverdienern, die auf Anleihen und andere Zinspapiere setzen, würde mit einer Abgeltungsteuer von 25 Prozent beinahe halbiert.

Auch diejenigen Aktionäre, die innerhalb eines Jahres Aktien kaufen und verkaufen und ihre kurzfristigen Spekulationsgewinne abzüglich eines Freibetrages von 512 Euro ehrlicherweise in ihrer Steuererklärung angeben, müssen derzeit ihren persönlichen Steuersatz darauf zahlen – und der liegt in vielen Fällen über den geplanten 25 Prozent. "Entlastung" hört man deshalb allerorten. Und der große Entlaster Steinbrück erklärt im Zeitungsinterview seine Genügsamkeit: "25 Prozent von x sind besser als 42 Prozent auf nix."

Doch es geht nicht um Börsenzocker oder um Spitzenverdiener mit schweren Depots, die aus persönlichem Ärger über ihren persönlichen Steuersatz ihr Geld ins Ausland gewuchtet haben – ein Tatbestand, der das "nix" in Steinbrücks schlichter Rechnung erklärt. Es geht bei der neuen Besteuerung vor allem um Normalverdiener und Privatanleger, die in Dax  -Papiere oder Fonds investieren und damit für später vorsorgen wollen.

Aktiensparer werden belastet

Diese langfristigen Sparer, die ihre Aktien länger als ein Jahr halten, zahlen derzeit in der Tat nix. Die Steuerfreiheit für langfristige Aktienanlagen soll aber mit der Einführung der Abgeltungsteuer fallen. Damit dies möglichst reibungslos funktioniert, sollen die Banken die Steuer direkt an das Finanzamt abführen, um die Steuerschuld ihres Kunden vorab "abzugelten".

Der Bürger kann sich dagegen kaum wehren, denn das Geld kommt gar nicht erst bei ihm an. Dies sind die 25 Prozent von x, und das x steht für eine große Zahl der kleinen Sparer.

Auf diese Weise käme viel Geld in die Kasse des Bundes – und das langfristige Aktiensparen verlöre viel von seinem Reiz. "Die Motivation der Bürger, selbst etwas für ihre Altersvorsorge zu tun, würde durch einen solchen Schritt nachhaltig gebremst", warnt Stefan Seip, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI).

Was nach 30 Jahren übrig bleibt

Seip macht folgende Rechnung auf: Investiert ein Anleger monatlich 100 Euro in einen Aktien-Sparplan, kann er auf Grundlage stabiler Ablaufergebnisse der vergangenen Jahrzehnte nach 30 Jahren mit einem Vermögen von rund 150.000 Euro rechnen. Das entspräche einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von rund 8 Prozent. Zu den 36.000 Euro, die der Sparer im Laufe der 30 Jahre eingezahlt hat, käme ein Wertzuwachs von rund 114.000 Euro hinzu.

"Bei einer Abgeltungsteuer von 25 Prozent auf diesen Wertzuwachs würde das Durchhaltevermögen des Anlegers mit einem Steuerbescheid von knapp 30.000 Euro belohnt werden", rechnet Seip vor. Der Bürger, der permanent zu mehr privater Vorsorge ermahnt wird, trüge das Risiko der Aktienmärkte allein. Zahlt sich aber seine Anlagedisziplin aus, langt der Fiskus zu – und die Rendite für den Sparer fiele deutlich schmaler aus.

Riskante deutsche Spezialität

Eine Abgeltungsteuer auf Aktiengewinne, unabhängig von der Laufzeit, wäre eine deutsche Spezialität. "International verbreitet ist eine Abgeltungsteuer nur auf Dividenden und Zinsen, nicht auf Wertzuwächse", ergänzt Seip. Sollten Veräußerungsgewinne nach Ablauf der Jahresfrist tatsächlich künftig besteuert werden, müsste langfristiges Sparen für die Altersvorsorge davon ausgenommen oder zumindest stark begünstigt werden, so die Forderung des BVI.

Die Nachbarn geben die Richtung vor. In Österreich und der Schweiz bleiben langfristige Wertzuwächse steuerfrei, in Großbritannien wird auf Kursgewinne ein jährlicher Freibetrag von rund 12.000 Euro gewährt. Wer Papiere länger als zwei Jahre hält, muss auf der Insel nur 25 Prozent des über diesen Freibetrag hinausgehenden Betrags zu seinem persönlichen Satz versteuern. In Frankreich sind Veräußerungsgewinne nach fünf Jahren Haltefrist steuerfrei, in Italien werden sie generell mit 12,5 Prozent besteuert.

Wer die Kapitalflucht ins Ausland stoppen und mehr Steuergerechtigkeit in Deutschland erreichen will, wird mit einem Abgeltungssteuersatz von 25 Prozent also nicht weit kommen.

Zugriff auch auf Dividenden

Doch nicht nur der mögliche Wegfall der Haltefristen käme für die meisten Aktionäre teuer. Die Arbeitsgruppe zur Unternehmensteuerreform erwägt außerdem, gleichzeitig mit der neuen Abgeltungsteuer das Halbeinkünfteverfahren bei Dividenden zu streichen.

Bislang muss ein Aktionär von 100 Euro gezahlter Dividende nur 50 Euro zu seinem persönlichen Steuersatz versteuern: Schließlich hat das ausschüttende Unternehmen auf seinen Gewinn bereits rund 40 Prozent Steuern gezahlt (25 Prozent Körperschaftsteuer plus rund 14 Prozent Gewerbesteuer plus Solidaritätszuschlag).

Selbst wenn die Körperschaftsteuerlast im Zuge der Unternehmensteuerreform auf 15 Prozent fallen sollte, bliebe immer noch eine Besteuerung vor Ausschüttung von rund 30 Prozent. Langt der Fiskus dann noch einmal bei der gesamten Summe der ausgeschütteten Dividende zu, entspräche das einer lupenreinen Doppelbesteuerung.

Ein Anleger mit einem persönlichen Steuersatz von 35 Prozent muss bislang auf 1000 Euro Dividende 175 Euro Steuern zahlen (35 Prozent von 500 Euro). Fällt das Halbeinkünfteverfahren, werden voraussichtlich 250 Euro (25 Prozent Abgeltungsteuer auf 1000 Euro) fällig. Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft würde die Gesamtsteuerlast auf Dividenden (Unternehmensteuern sowie Abgeltungsteuer) auf 44 Prozent steigen – die Mehrzahl der Aktiensparer würde auf diese Weise deutlich mehr Steuern auf Dividenden zahlen als bisher.

Drei Zugriffswege auf die Depots

Nebenbei werden die Sparer-Freibeträge ab 2007 von derzeit 1421 Euro auf 801 Euro beinahe halbiert – unabhängig davon, ob die geplante Abgeltungsteuer schon 2008 oder doch erst 2009 greift. Damit ist ein dritter Weg gebahnt, um tief in die Taschen der Sparer vorzustoßen. Der Finanzminister hat also allen Grund, gelassen zu sein und bei der Höhe der Abgeltungsteuer auch mal 5 Prozent gerade sein zu lassen.

Aktionäre müssen dagegen ihre Anlagestrategie überdenken, sollten die Haltefristenregelung und das Halbeinkünfteverfahren wirklich fallen. Um Sparer und Fiskus gleichermaßen zufriedenzustellen, müsste der Dax in den kommenden Jahren schon einen bewundernswerten Schwung entwickeln.

Die Frage ist nur, woher die dafür notwendigen Käufer kommen sollen, wenn eine Performance von 4 Prozent vom Finanzamt automatisch auf 3 Prozent "abgegolten" wird. Eine Verschiebung der Abgeltungsteuer auf 2009 gäbe den Steuerexperten in Berlin zumindest ein weiteres Jahr Zeit, um diese Frage zu beantworten.

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