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18. April 2006, 14:46 Uhr

Abhöraktion der NSA

Schwere Vorwürfe gegen AT&T

Von , New York

Ein Techniker wirft dem Telekomgiganten AT&T vor, am umstrittenen Lauschangriff des US-Spionagedienstes NSA beteiligt gewesen zu sein. Der Konzern soll Gespräche und E-Mails von Kunden weitergeleitet haben. Jetzt entscheidet ein Gericht, ob das stimmt. AT&T schweigt.

New York - Über 22 Jahre hat Mark Klein als Techniker für den US-Telekomgiganten AT&T gearbeitet. Es war eine meist ereignislose Zeit, erst in New York, dann in San Francisco. Doch eines Tages vor vier Jahren, berichtet Klein, habe ihm sein Boss einen neuen Kollegen vorgestellt. Der Mann sei ein Agent des US-Geheimdienstes NSA gewesen, der bei AT&T "einen speziellen Job" übernommen habe.

AT&T-Zentrale in Bedminster, New Jersey: Mysteriöser Raum für NSA-Agenten
AP

AT&T-Zentrale in Bedminster, New Jersey: Mysteriöser Raum für NSA-Agenten

Was es mit diesem "speziellen Job" auf sich hatte, merkte Klein nach eigenen Worten im Januar 2003. Da sei in der AT&T-Dependance in San Francisco ein neuer Raum gleich "neben der Schaltzentrale" gebaut worden. Die AT&T-Techniker hätten zu diesem Raum kategorisch keinen Zugang gehabt. Stattdessen sei es der NSA-Agent gewesen, der alle Gerätschaften und Kabelstränge alleine dort installiert habe.

Der mysteriöse AT&T-Raum und der NSA-Spion mit dem Nebenjob sind Dreh- und Angelpunkt eines Prozesses, der sich zurzeit unter dem Aktenzeichen C-06-0672-JCS vor einem Bezirksgericht in San Francisco im Vorverfahren befindet. Dieser Prozess wird landesweit bisher wenig beachtet, droht aber zu einem ernsten PR-Problem für den größten Telekommunikationskonzern der USA zu werden.

Akten sofort versiegelt

AT&T - eins der 30 großen Unternehmen im Dow-Jones-Index - ist darin unter anderem der Verletzung der Grundrechte und der Abhörgesetze angeklagt: Es soll dem Weißen Haus als williger Handlanger bei dessen im Dezember bekannt gewordenen, umstrittenen Antiterror-Lauschangriff auf US-Telefonkunden gedient haben. Hauptzeuge der Anklage: Klein.

AT&T als Krieger gegen den Terror - und Komplize bei der potentiellen Beschneidung von Bürgerrechten durchs Weiße Haus? Sein alter Arbeitgeber, behauptet der seit 2004 pensionierte Klein jedenfalls, habe es dem NSA-Spionageamt ermöglicht, mit einem "Staubsauger-Abhörprogramm alle Daten, die über das Internet laufen", zu erfassen - "ob E-Mail, Websurfing oder andere Informationen".

Zur Untermauerung seiner Vorwürfe hat Klein dem Gericht kürzlich überdies interne AT&T-Dokumente präsentiert, die aber auf Antrag von AT&T und mit ausdrücklicher Genehmigung des US-Justizministeriums sofort versiegelt wurden. Deshalb ist es vorerst unmöglich, Kleins Aussagen zu überprüfen.

AT&T (alter Werbeslogan: "Reach Out and Touch Someone") gibt zu den Vorwürfen und dem laufenden Verfahren keinen Kommentar ab. In einem Schreiben ans Gericht erklärte AT&T-Anwalt Bruce Ericson vorigen Donnerstag nur, bei den Dokumenten handele es sich um "streng vertrauliche" Firmenakten mit "nicht-öffentlichen Informationen über kritische Kommunikations-Infrastruktur". Eine Offenlegung würde AT&T geschäftlich schaden.

US-Präsident George W. Bush hatte den Lauschangriff nach dem 11. September 2001 persönlich und ohne richterliche Genehmigung autorisiert, um mögliche Gespräche von Terroristen abzuhören. Dies, so Bush, habe aber nur Auslandstelefonate betroffen. Die jetzige Anklage wirft AT&T dagegen vor, dem Geheimdienst seinen gesamten Telefon- und Internetverkehr zugänglich gemacht zu haben.

Dass die großen Telekomgesellschaften in die Abhöraktion verwickelt gewesen seien, wurde bereits gemunkelt, seit das Geheimprojekt im Dezember 2005 durch einen Hinweis an die "New York Times" aufflog. Nach einem Bericht der Zeitung "USA Today" kooperieren neben AT&T auch Sprint Nextel und MCI mit dem Weißen Haus. Der aktuelle Prozess um den verbotenen AT&T-Raum in San Franciscos Folsom Street macht diesen Verdacht erstmals aktenkundig.

Pauschale Informations-Aushändigung

"Mark Klein ist ein wahrer amerikanischer Held", sagte Kurt Opsahl, ein Rechtsanwalt für die Bürgerrechtsgruppe Electronic Frontier Foundation (EFF), die im Namen aller AT&T-Privatkunden die Sammelklage gegen den Konzern erhoben hat. "Er ist mutig mit Informationen an die Öffentlichkeit getreten, die beweisen, dass AT&T in das Abhörprogramm der Regierung verwickelt ist."

EFF ist eine Vereinigung, die sich um den Erhalt der Privatsphäre der Amerikaner vor allem im Internet- und E-Mail-Verkehr engagiert. "AT&T leitet Internet-Verkehr im großen Rahmen in die Hände der NSA um", erklärte EFF. Die pauschale Aushändigung privater Informationen ist nach dem vierten US-Verfassungszusatz der USA verboten.

"Programmierte Ziele"

In seiner Erklärung, die von der Jura-Website "Legal Pad" verbreitet wurde, zitiert Klein kurz auch aus den besagten Verschlussakten. So habe ein "Design-Dokument" vom Dezember 2002 beschrieben, wie spezielle Glasfaserkabel aus dem "geheimen Raum" die Schaltkreise von AT&T "anzapften", indem sie einen Teil des Telefonsignals "absplitteten".

Einem weiteren Dokument zufolge sei in dem AT&T-Geheimraum auch eine Apparatur namens Narus STA 6400 installiert gewesen, erklärte Klein. Narus ist ein kalifornisches Hightech-Unternehmen, das Management- und Sicherheitssysteme fürs Internet und die Telekommunikation produziert. Die STA-Technologie sei aber "insbesondere" auch dafür bekannt, ergänzte Klein, dass sie Behörden erlaube, "große Mengen von Daten nach programmierten Zielen zu durchsuchen".

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