Abrechnungsbetrug Festnahmen im Skandal um Billig-Gebisse

Über ein dutzend Firmen wurde durchsucht, auch bei Ärzten gab es erste Razzien: Der Skandal um überteuert abgerechnete Billig-Gebisse aus China hält die Justiz in mehreren Bundesländern auf Trab. Zweifelhaft erscheint, ob den bestochenen Zahnärzten ernst zu nehmende Strafen drohen.


Die Zahnärzte sollen diskret und in bar abkassiert haben
DDP

Die Zahnärzte sollen diskret und in bar abkassiert haben

Wuppertal/Mülheim/Hannover - In Wuppertal nahm die Polizei vier Verdächtige fest und durchsuchte mindestens 15 Firmenzentralen, in Bremen beschlagnahmten Polizei und Staatsanwälte Material in einer Zahnarzt-Praxis, einem Labor und einer Wohnung. Nachdem der Abrechnungsskandal um die Mülheimer Dentalgesellschaft Globudent jahrelang unbemerkt blieb, springt die Justiz-Maschine an. Die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Bremen hat in einem konkreten Fall Anzeige erstattet.

Inzwischen gehen die Ermittler davon aus, dass Krankenkassen und Patienten Schäden in dreistelliger Millionenhöhe entstanden sind - eine rekordverdächtige Zahl. Allein in Niedersachsen könnte die AOK um acht Millionen Euro geschädigt worden sein.

Angeblich 2000 Ärzte bestochen

Bisher richtet sich der Hauptverdacht gegen Globudent, unter den Festgenommenen ist auch der Geschäftsführer der Firma. Er und führende Mitarbeiter sollen Ärzten jahrelang billige Gebisse, Brücken und Gebisse aus China verkauft haben - Kassen und Patienten seien aber teure deutsche Preise berechnet worden. Während die durchschnittliche Rechnung für Laborarbeiten in Deutschland bei etwa 900 Euro liegt, soll der chinesische Globudent-Partner die gleichen Leistungen im Schnitt für 180 Euro abgeliefert haben. Die Staatsanwaltschaft wirft den Mülheimern Beihilfe und Anstiftung zum Betrug vor. Die Geschäftsleitung des Unternehmens äußerte sich zu bislang nicht zu den Vorwürfen.

Aufgedeckt wurden die Betrügereien durch niedersächsische Zahnärzte, die sich an die Krankenkasse wandten. In den Skandal könnten nach Angaben der AOK bundesweit 2000 Ärzte verstrickt sein - den Ermittlern steht also noch viel Arbeit bevor. Die Kundenkartei von Globudent soll nun genaueren Aufschluss darüber geben, welche Mediziner sich an den Betrügereien beteiligten. Peter Scherler, Leiter der AOK-Task-Force gegen Abrechnungsbetrug, rechnet damit, dass außer Globudent noch andere Firmen in die Betrügereien verwickelt sind.

"Grauimporte stillschweigend geduldet"

Unklar ist derzeit, welche Konsequenzen den involvierten Zahnärzten drohen. Ein Drittel bis ein Fünftel der ergaunerten Summen sollen von Globudent diskret als "Vergütung" an sie zurück geflossen sein. Die AOK will von den betroffenen Zahnärzten Schadensersatz fordern.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung kündigte für den Fall, dass sich der Betrugsverdacht erhärten sollte, Sanktionen gegen Ärzte an. Dabei könnten Verweise erteilt oder Geldstrafen bis zu 50.000 Euro verhängt werden - im Extremfall sei auch der Entzug der Zulassung möglich. Der Zahnärztekammer Niedersachsen teilte allerdings mit, bisher lägen ihr keine Informationen über Betrugsfälle vor.

Schwere Vorwürfe gegen die Krankenkassen erhob der Verband der Deutschen Zahntechniker-Innungen (VDZI). Sein Generalsekretär Walter Winkler sagte, die Deals zwischen ausländischen Anbietern von Zahnersatz und Zahnärzten seien den Krankenkassen längst bekannt gewesen. Vor allem die Ersatzkassen hätten die Grauimporte stillschweigend geduldet, sie sogar mit Empfehlungslisten an die Versicherten gefördert.



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