Zur Ausgabe
Artikel 42 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Pleiten Absolutes Gehör

Ein Prozeß gegen den Pleitier Werner K. Rey könnte für Schweizer Banken sehr unangenehm werden.
aus DER SPIEGEL 41/1992

Schüchtern und bescheiden trat Werner K. Rey, 48, schon auf, als er noch Milliardär war. »Meine persönlichen Bedürfnisse«, versicherte er stets, »sind nicht groß.«

Die Genügsamkeit kommt ihm nun zustatten: Mittellos, wie er beteuert, sitzt Rey eineinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch seines Firmenimperiums in einem gemieteten Bungalow in Nassau, der Hauptstadt der Bahamas, und wartet auf die Auslieferung. Die Behörden haben ihm den Paß und 200 000 Dollar Kaution abgenommen.

Der Berner Staatsanwalt wirft Rey Betrug, ungetreue Geschäftsführung und andere Wirtschaftsverbrechen vor. Die überforderten Untersuchungsbeamten haben aber erst 1000 der rund 20 000 Seiten Akten bearbeitet.

Niemand ist an der Strafverfolgung Reys wirklich interessiert: Das Verfahren ist kompliziert und teuer, sein Ausgang wegen der vertrackten Rechtslage ungewiß. Überdies hat der Beschuldigte alle Möglichkeiten, den Prozeß bis zur Verjährung zu verzögern.

Einen langwierigen Prozeß müssen vor allem Schweizer Banken, aber auch hochrangige Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik fürchten. Sie alle sind tief in die Pleite von Reys Omni-Holding verstrickt.

Ende 1990, drei Monate vor dem Bankrott, war das Firmenkonglomerat 3,3 Milliarden Franken wert - auf dem Papier: Eine Milliarde bestand aus pfandgesichertem Fremdkapital, 1,3 Milliarden waren Blankodarlehen, und die dritte Milliarde hatte sich Rey mit obskuren Geldbeschaffungsaktionen an der Börse besorgt. Nach Verwertung der Aktiva fehlen über 1,3 Milliarden Franken.

Wie entscheidend die Rolle expansionslüsterner Bankiers beim unaufhaltsamen Aufstieg des angeblichen Finanzgenies war, beschreibt die Journalistin Rita Flubacher in einem Buch*, das jetzt in der Schweiz erschien. Die Wirtschaftsredakteurin _(* Rita Flubacher: »Flugjahre für Gaukler ) _(- Die Karriere des Werner K. Rey«. ) _(Weltwoche-ABC-Verlag, Zürich 1992; 390 ) _(Seiten; 43 Mark. ) der Weltwoche hat die Laufbahn des Finanzjongleurs jahrelang kritisch begleitet.

Der Mann mit der leisen Stimme und den ausgefuchsten Finanztricks übte eine seltsame Faszination auf die Schweizer Banker aus. Noch 1989, als Reys Imperium bereits gefährlich wackelte, schwärmte Heinrich Looser, Direktor der vornehmen Bank Julius Bär: »Ich liebe die Minuten und Stunden, die ich mit Werner K. Rey verbringen kann.« Dessen unternehmerische Leistung sei einmalig.

Kollegen Loosers wie der Generaldirektor der Berner Kantonalbank, Kurt Meier, oder Fritz Köhli vom Schweizerischen Bankverein pflegten ein besonders enges Verhältnis zu ihrem Idol. Solche Verbindungen nutzte Rey skrupellos aus.

Rey hatte alles andere zu bieten als Charme oder gar Charisma. Von Kindesbeinen an war er auffallend kontaktarm, introvertiert, ja autistisch. Auch später wich er allen gesellschaftlichen Ereignissen aus.

Ein graphologisches Gutachten beschrieb den 14jährigen als »einen strebsamen, aber sehr befangenen Buben unter starkem Gewissens- und Erwartungsdruck, der sich kompensatorisch auf ein hochgestecktes Ziel ausrichtet«.

Nach einer Banklehre erhielt der strebsame Rey in der Investmentgesellschaft IOS des berüchtigten Bernie Cornfeld seine erste und wohl entscheidende _(* Vor seiner Festnahme auf den Bahamas. ) Prägung. Als Verkäufer war er wegen seiner Hemmungen wenig erfolgreich, dennoch schaffte er es, die Nummer zwei der IOS in Österreich zu werden.

Diesen Aufstieg soll Rey einem in diesem Milieu durchaus üblichen Trick zu verdanken haben: Er lieh sich 5000 Dollar und zahlte, mit je 1000 Dollar, fünf von Verwandten oder Freunden angemeldete Sparprogramme zu 60 000 Dollar an. Das Geschäft mit einem Volumen von 300 000 Dollar brachte nicht nur gute Provisionen, sondern auch die Beförderung zum Senior-Vertreter, der alsbald an den Tantiemen seiner Untergebenen mitverdiente und Anrechte auf IOS-Aktien erhielt. War dies erreicht, wurden die fünf Sparprogramme gekündigt und die Strohleute ausgezahlt.

Schon in diesem ersten Job lernte Rey nicht bloß das kleine Einmaleins des Geldpumpens, er sah sich auch in seiner Kindheitserfahrung bestätigt, daß nur stark ist, wer keine Bindungen eingeht. Treue zu Unternehmen und Geschäftspartnern, so Reys Überzeugung, sind Gift fürs Geschäft.

Diese Regel befolgte Rey gleich bei seinem ersten großen Coup, den er Anfang 1974 als Direktor der Zürcher Bankinvest lancierte. Das Schweizer Geldinstitut war durch riskante Anlagen in Schieflage geraten und sollte verkauft werden.

Nach Art »des eiskalten Spielers« (Flubacher) nahm sich Rey der Sache an. Er inszenierte ein Verhandlungstheater, bei dem er streng darauf achtete, daß sich Käufer und Verkäufer nie direkt sprechen konnten.

Am Ende zahlte der Großhandelsriese Metro für das Geldhaus einen mit Rey ausgehandelten Preis von 32 Millionen Franken. Und die Bankinvest-Aktionäre kassierten den, ebenfalls mit Rey vereinbarten, Betrag von 21,75 Millionen. Die Differenz ließ sich Rey über mehrere Umwege auf dem Konto einer seiner Firmen in Liechtenstein gutschreiben. Mit diesem Geld finanzierte er die heimliche Übernahme der Bankinvest-Filiale im Steuerparadies der Cayman-Inseln.

So kam Rey schon 1976 zu einer eigenen Bank - und zu einer Briefkastenfirma in Vaduz. Der gehörten ein über sechs Millionen Mark teures 70 000-Quadratmeter-Grundstück bei Saint-Tropez - die Domaine de l''Oumede, die er als privaten Feriensitz behielt - und eine Eigentumswohnung im Walliser Kurort Montana.

Rey mußte die Bankinvest bald darauf verlassen - aber nicht etwa, weil die Metro-Oberen von den Machenschaften ihres Direktors erfahren hatten. Vielmehr mißfiel seinem Arbeitgeber, wie er die Übernahme des traditionsreichen und renommierten Schweizer Schuhkonzerns Bally einfädelte.

Schon bei diesem ersten öffentlich beachteten Deal, so die Recherchen Rita Flubachers, legte Rey den Keim zu seinem Untergang: Er hinterging den mächtigsten Banker des Landes, den Präsidenten der Schweizerischen Bankgesellschaft, Alfred Schaefer, und schaffte sich so einen Intimfeind.

Wo immer er konnte und weit über seine Pensionierung hinaus sorgte Schaefer fortan dafür, daß Reys kleine und große Tricks ans Licht kamen. Die Bankgesellschaft grenzte sich strikt gegenüber allen Aktivitäten des Finanzjongleurs ab.

Die anderen Großbanken, vor allem der Schweizerische Bankverein und mehrere Kantonalbanken, denen das traditionelle Spar- und Hypothekengeschäft zuwenig Glamour verhieß, hielten solche Selbstkasteiung für eine Marotte. Zeitweise drängten sie Rey ihre Kredite geradezu auf.

So fiel es ihm leicht, immer neue Firmenübernahmen auf Pump zu organisieren und die übernommenen Unternehmen, darunter so bedeutende wie den soliden deutschen Mischkonzern Harpener (SPIEGEL 19/1991), die Schweizer Buntmetallfirma Selve oder den Dienstleistungskonzern Adia, auszuplündern.

Rey ging bei seinen dubiosen Geschäften immer nach demselben Muster vor. Zuerst kaufte er möglichst billig ein Unternehmen und verleibte ihm weitere, mit Krediten bezahlte Firmen ein. Diese aufgeblähte Gesellschaft brachte er dann, mit Hilfe der begeisterten Banken, an die Börse und verkaufte die Aktien zu Mondpreisen.

Die achtziger Jahre waren ideal für solche Geschäfte, die Kurse stiegen kräftig. Rey mußte nur ein wenig warten, dann konnte er seine Gesellschaft zu einem hohen Börsenkurs als Sacheinlage für eine Kapitalerhöhung in eine neue Gesellschaft einbringen und mit Bankkrediten weitere Firmenkäufe finanzieren. So entstand - mit viel Luft und wenig Substanz - ein gewaltiges Firmengebäude.

Der Schweizer hat dieses Schema nicht erfunden. Ungewöhnlich waren aber die Summen, die ihm die Banken für seine gewagten Konstruktionen zur Verfügung stellten.

Reihenweise mißachteten Bankiers und Treuhänder bei ihrer großzügigen Hilfe für den Aufsteiger gesetzliche Bestimmungen. Schon bald nach dem scharf kritisierten Angriff auf das nationale Renommierstück Bally hatte auch die Presse ihren Narren an dem »dynamischen«, »visionären«, »ideenreichen« Rey gefressen.

Nur die Neue Zürcher Zeitung, immer wieder von der Bankgesellschaft mit Informationen versorgt, hielt kritisch Distanz; sie half schließlich mit, den hochfliegenden Gaukler vom Himmel zu holen.

Jetzt, da er auf den Bahamas festsitzt, suchen die Bankiers nach Ausreden für ihre irrationale Begeisterung für den »Mann aus dem Nichts mit dem absoluten Gehör für das Rascheln der Banknoten« (Flubacher). »Wir können das Phänomen Rey/Omni«, heißt es im Schadensbericht der Konkursverwalter von Coopers & Lybrand, »nur mit einem Beispiel aus der griechischen Mythologie erklären, der Geschichte des Königs Midas.«

Dem sagenhaften Herrscher wurde alles zu Gold, was er berührte. Daß ihm nach einem Vertrauensbruch zur Strafe Eselsohren wuchsen, erwähnt der Bericht nicht.

Rey könnte ähnlich glimpflich davonkommen. Weil die Behörden der Bahamas vor einer Auslieferung innerhalb von drei Wochen Konkretes über die Anschuldigungen sehen wollen, muß der Berner Staatsanwalt seine Anklage nun auf wenige Punkte beschränken.

So bleibt neben dem Vorwurf der ungetreuen Geschäftsführung nur noch Betrug übrig - ein Tatbestand, der selten zu beweisen ist.

* Rita Flubacher: »Flugjahre für Gaukler - Die Karriere des WernerK. Rey«. Weltwoche-ABC-Verlag, Zürich 1992; 390 Seiten; 43 Mark.* Vor seiner Festnahme auf den Bahamas.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 42 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel