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SCHULDEN Absolution für Abzocker

Kommerzielle Berater erobern das Geschäft mit den hoch Verschuldeten - nicht immer zu deren Vorteil.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Schuldenreduzierung bis zu 90 Prozent« stellt die Dr. Meyer''s Schuldenverwaltungsgesellschaft Bürgern in Finanznot in Aussicht. »Der Weg aus dem Schuldensumpf«, heißt es auf der Internet-Seite der Firma, »ist leichter, als Sie denken.«

Doch wer den Lockungen folgt, steckt häufig zunächst viel tiefer im Schlamassel. »Kompetent. hilfsbereit. professionell« (Eigenwerbung) ist die Firma nämlich vor allem bei der Eintreibung ihrer Gebühren: Gleich zu Beginn kassieren die Schuldensanierer oftmals mehrere tausend Mark - und dann Monat für Monat bis zu zehn Prozent der gezahlten Tilgungsraten.

Unternehmen wie Dr. Meyer''s haben sich auf ein neues Geschäftsfeld spezialisiert - die kommerzielle Schuldnerberatung. Seit Jahresanfang können Verbraucher den Privatkonkurs beantragen und so darauf setzen, binnen sieben Jahren von ihrer Schuldenlast befreit zu werden. 2,7 Millionen überschuldete Haushalte hoffen nun auf eine zweite Chance.

Das Interesse ist groß, öffentliche Schuldnerberatungen sind überlastet und führen Wartelisten von vielen Monaten. In Dortmund nehmen anerkannte Beratungsstellen kaum noch neue Fälle an.

In ihrer Verzweiflung wenden sich viele Verbraucher an kommerzielle Schuldenberater, die ihnen schnelle Hilfe versprechen. Tatsächlich aber streichen die meisten privaten Finanzberater »in nahezu allen Fällen immense Gebühren ein«, sagt Schuldnerberater Christian Maltry vom Landratsamt Main-Spessart. Die dafür erbrachten Leistungen müsse man hingegen »mit der Lupe suchen«.

Der 30jährige Axel S. etwa beauftragte Dr. Meyer''s in diesem Frühjahr, seine Schulden von knapp 100 000 Mark zu verwalten. Doch statt weniger Miese hatte der Arbeiter aus dem Ruhrgebiet erst mal mehr: 3085,60 Mark berechnete ihm die Firma aus Gehrden, unter anderem für »Aktenanlage und Portokosten«.

Ein typischer Fall, sagt Pamela Wellmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Unter »Vorspiegelung einer angeblichen Hilfeleistung« betrieben solche Firmen »einträgliche Geschäfte«. Um die Aktivitäten der gewerblichen Schuldenberater zu untersuchen, haben sich die Verbraucherzentralen deshalb zu einem Arbeitskreis »Geschäfte mit der Armut« zusammengeschlossen.

»Wir spiegeln nichts vor«, sagt dagegen Axel Westphal, Geschäftsführer von Dr. Meyer''s, »wir helfen.« Seit Einführung des Privatkonkurses habe er bei seinen Klienten eine Erfolgsquote von immerhin 15 bis 20 Prozent. Die Erfahrung zeige, dass ehemalige Kunden »den Verbraucherschützern falsche Sachlagen schildern«. Überdies seien mit seiner Firma »Gewinne auch in absehbarer Zeit nicht zu erzielen«.

Dass die Aussichten auf einen erfolgreichen Verbraucherkonkurs gering seien, sagt indes auch Rainer Eckert, Insolvenzanwalt in Hannover und Rechtsvertreter von Dr. Meyer''s: »Das neue Insolvenzrecht funktioniert nicht.« Private wie öffentliche Berater hätten Probleme, mit den Gläubigern eine Einigung zu erzielen. Für Eckert stellt sich deshalb nur eine Frage: »Ist die Höhe der Beratungsgebühren angemessen, oder ist sie verwerflich?«

In einem anderen Fall stufte das Oberlandesgericht München die erbrachte Be-

* Verbraucherzentrale Düsseldorf.

ratung als »unbedeutend und ohne nennenswerten Geldwert« ein. Der Rosenheimer Firma SDV Vermögensverwaltung GmbH haben die Richter den »geschäftlichen Endverkehr« mit verschuldeten Verbrauchern deshalb schon einmal verboten. Begründung: Die Firma erbringe nichts, was man einem Dritten gegen Bezahlung übertragen muss, wenn man ohnehin verschuldet sei. Sie sei zu verurteilen, so die Richter abschließend, »weil sie die Kunden schlichtweg ausbeutet«.

Und so geht es häufig in der ganzen Branche zu. »Fast ausschließlich als rechtswidrig und kriminell« bezeichnet Hans-Heiner Kühne, Strafrechtler der Universität Trier, in einem Gutachten die Tätigkeit gewerblicher Schuldenberater. Doch den Behörden gelingt es nur selten, konkrete Rechtsverstöße nachzuweisen.

»Wir wehren uns dagegen«, sagt Dr.- Meyer''s-Chef Westphal, »mit solchen kriminellen Machenschaften in einen Topf geworfen zu werden.« Tatsächlich gehört sein Unternehmen zu den ersten, die bereits als »staatlich anerkannte Schuldenberatungsstelle« firmieren dürfen. Dr. Meyer''s Schuldenverwaltung erhielt das Gütesiegel in Nordrhein-Westfalen. Erst 1998 war gegen Westphal ein Bußgeldbescheid der Staatsanwaltschaft Hannover ergangen - wegen unerlaubter Rechtsberatung in 114 Fällen. Ein Delikt »vergleichbar mit falschem Parken«, sagt Westphal.

»Absolution für Abzocker« nennt Verbraucherschützerin Pamela Wellmann die Politik mancher Bundesländer. Die staatliche Anerkennung ebne »vormals illegalen Schuldenregulierern«, sagt Strafrechtler Kühne, »den Weg zu einem zurzeit offensichtlich ebenso legalen wie lukrativen Markt«. FRANK HORNIG

* Verbraucherzentrale Düsseldorf.

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