Absteiger des Jahres Das Schweigen des Big T

Kein Abgang war so spektakulär wie der von Bertelsmanns Überflieger Thomas Middelhoff. Trotz seiner eisernen Stille ist klar, dass er bald wieder einen Job haben wird.

Von Carsten Matthäus


Thomas Middelhoff: "Mehr als zuvor brauchen wir Mut"
[M] REUTERS; SPIEGEL ONLINE

Thomas Middelhoff: "Mehr als zuvor brauchen wir Mut"

Gütersloh - Am 11. September 2002 passierte nicht das, was passieren sollte. Thomas Middelhoff trat nicht vor die Presse - noch nicht. Stattdessen schickte der ehemalige Bertelsmann-Chef aus New York seine Gedanken zu den Terroranschlägen auf das World Trade Center. Sie erschienen im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") unter dem Titel "Im Herz Manhattans, ein Jahr danach". Ein Text mit viel "Wir" und wenig "Ich". Kein Wort über die eigene Situation - noch nicht.

Bisher vermeidet es der einstige Shooting-Star der deutschen Manager peinlich genau, irgendwelche Spekulationen zu nähren. Auch sein PR-Berater Klaus Kocks hütet sich, etwas über die weiteren Job-Perspektiven auszuplaudern. Er sagt nur: "Anfang nächsten Jahres tut sich was. Über Einzelheiten kann ich Ihnen nichts sagen."

Plausible Gerüchte, absurde Gerüchte

Weil auch sonst niemand etwas weiß oder sagen darf und Middelhoff selbst seit September schweigt, wird eben spekuliert. Eine Vakanz bei der Telekom - und schon ist der 49-Jährige, den man bei Bertelsmann auch "Big T" genannt hatte, an der Spitze des peinlichen Kandidatenstadls. In Gütersloh geben die, die eng mit Middelhoff zusammengearbeitet haben, nicht viel auf solche Gerüchte. Einer, der bisher mit Regierungschefs auf einer Augenhöhe verhandelt habe, werde nun nicht einen ehemaligen Staatsbetrieb leiten.

Natürlich tun auch Middelhoffs regelmäßigen Kontakte per Instant Messenger zu AOL-Gründer Steve Case ihre Wirkung. Bald nach dem Abgang aus Gütersloh wussten mehrere Zeitungen, dass der "Amerikaner mit deutschem Pass" bald in das Haifischbecken AOL Time Warner klettern wird. Die "Süddeutsche Zeitung" wollte außerdem noch gehört haben, dass der bekennende Internetfan bald ein deutsches Unternehmen leiten wird, dass mit Fernsehen, Musik und Büchern nichts zu tun hat.

Genüsslich zersägt

Dies ist gar nicht so unwahrscheinlich. Middelhoffs Vision, das Dickschiff in Gütersloh mit mehreren Raketenantrieben auszustatten, dürfte momentan in der gesamten Medienwelt schlecht ankommen. Auch das Vorhaben, Inhalte vor allem in digitaler Form zu verkaufen, verschwindet nicht nur bei Bertelsmann in der Wiedervorlage.

Und schließlich wird der einst so gefeierte Manager im Nachhinein von seinen Gegnern in Gütersloh genüsslich zersägt. Gerd Schulte-Hillen, Aufsichtsratschef von Bertelsmann und einer der Hauptverantwortlichen für Middelhoffs Absetzung im Juli, adelte im "Hamburger Abendblatt"den Richtungswechsel mit den Worten: "Der Fehler liegt in der Technologiegläubigkeit. In der Illusion, dass mit Bits und Bytes völlig neue Märkte entstehen."

Gegen die Uhr verloren

Auch der 60-jährige Gunter Thielen, der von Middelhoff den Chefsessel übernahm, sagt nicht ohne Stolz, dass erst einmal die Zeit der spektakulären Deals made in Gütersloh vorbei sei. Und die Konzernbeamten, denen Middelhoffs Tempo zeitweise die Sprache verschlug, atmen auf. Den neuen Kurs empfinde man als "Rückbesinnung auf die Tugenden, die Bertelsmann groß gemacht haben", hieß es in einer internen E-Mail, die der Zeitschrift "werben&verkaufen" zugespielt wurde.

Genau besehen fehlte Middelhoff - bei allen großen Erfolgen - der Beleg dafür, dass seine Strategie aufging. Er brachte dem Konzern mit Milliardengewinnen aus dem Verkauf von AOL-Anteilen zwar ungeahnte Gewinne ein. Auch der Kauf von Random-House und die Übernahme der Mehrheit bei RTL gelten als geniale Schachzüge.

"Der Wandel geht weiter"

Doch alle Versuchen, Bertelsmann als Großverdiener im Internet zu etablieren, scheiterten: Der Internetbuchhändler BOL fristete bis zu seinem Verkauf ein Schattendasein gegenüber Amazon.com, die Musiktauschbörse Napster ist zur leblosen Hülle verkommen und Lycos Europe hat sich nur als großer Verlustbringer einen Namen gemacht. "Big T" bekam nicht mehr die Zeit, die Richtigkeit seiner Vorhaben zu beweisen.

Doch auch die spektakuläre Schlappe in Gütersloh wird Middelhoff nicht davon abhalten, wieder an vorderster Front mitzumischen. Darauf lassen zumindest die letzten Worte seines Feuilleton-Artikels im September schließen: "Mehr als zuvor brauchen wir den Mut zu gestalten. Der Prozess des weltweiten Wandels geht weiter".



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