Bestsellerautor Steingart Abstieg eines Superstars

"Die unbequeme Wahrheit" heißt das neue Buch des Journalisten Gabor Steingart. Manche halten es für einen Skandal. Doch der angestrengte Gestus des Dauerprovokateurs ist vor allem eins: ermüdend.
Journalist Steingart

Journalist Steingart

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Der Wirtschafts- und Politkrimiautor Gabor Steingart hat ein neues Buch geschrieben. Und wie das bei Krimireihen so ist: Es wird von Band zu Band schwerer, einen Knüller zu landen. Einerseits will die Fangemeinde, dass sich die immer gleiche Geschichte zuverlässig wiederholt. Andererseits muss sich das Verbrecherische von Buch zu Buch steigern. Wer mit einfachem Mord anfängt, muss in Band zwei mindestens eine Familie sterben lassen, in Band drei dann schon eine Schulklasse. Und rasch ist man bei Serienmord und Weltverschwörung.

Beim Wirtschafts- und Politkrimi ist das nicht anders. Steingart hat schon den Abstieg des Superstars Deutschland aufgedeckt, die Erstarrung der Demokratie, das Ende des Wohlstands und den Weltkrieg um denselben. Er ist von Superlativ zu Superlativ geeilt, von Apokalypse zu Apokalypse, hat das Land schon mehrfach untergehen sehen. Wie sollte sich das noch steigern lassen?

Man könnte natürlich ein wenig am rechten Rand fischen - diese Provokation funktioniert schließlich immer - aber das hat Steingart bei aller Lust am Herauskitzeln von Widerspruch bislang stets vermieden.

Es macht keinen Spaß mehr, Apokalyptiker zu sein, wenn jeder einer ist

Andererseits: Wie soll man noch auffallen, wen will man noch ärgern, wenn der Deutschlanduntergang längst zum Allgemeinplatz geworden ist? Wenn jeder dritte Bestseller beklagt, dass wir die Digitalisierung verschlafen, die USA uns schon heute komplett enteilt sind und China morgen die Welt beherrscht? Wenn es keine Talkshow mehr ohne Virus- oder Klimakatastrophe gibt? Es macht halt keinen Spaß mehr, Apokalyptiker zu sein, wenn jeder einer ist.

Steingart muss also zu härteren Mitteln greifen, um noch durchzudringen. Da die realen Katastrophen rhetorisch schon besetzt sind, malt er die Rettung zur eigentlichen Katastrophe aus. Nach dem Muster: Die Rettung vor dem Virus ist schlimmer als das Virus selbst. Die Rettung vor der Klimakatastrophe macht alle arm. Die Rettung vor den Folgen der Digitalisierung treibt uns in die Staatswirtschaft und den Sozialismus.

Das klingt alles arg gefährlich, und Steingart gibt sich Mühe, Bild auf Bild zu stapeln und Angst zu machen: "Orientierungslos treibt Europas größte Volkswirtschaft auf dem Weltmeer wie ein Schiff, dessen Anker sich im Sturm losgerissen hat." ­- "Die deutsche Regierung schaut in die Wolken, derweil auf dem Boden der Tatsachen die Platten in Schwingung geraten sind." Aber so richtig funktioniert es nicht. Man hat das alles schon hundertmal gelesen, tausendmal gehört. Man wird beim Lesen müde. Und da machen auch die weit über den Text gestreuselten Aphorismen nicht wacher. "Alles wird besprochen, nichts gelöst." - "Für alles hat man einen Pressetext, für nichts eine Idee."

"Der künftige Mensch wird nicht erschossen, nur versklavt."

Gabor Steingart

Doch das knallt noch  nicht richtig, das alles ist noch nicht provokativ genug, das alles sorgt noch nicht dafür, dass bei Twitter die Luzi abgeht. Dass das Ende naht, weil die Politik unfähig ist, hat Steingart ja schon viel zu oft geschrieben. Also dreht er noch ein bisschen an der Schraube, macht die Politik selbst zum Antreiber des Untergangs von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Diesmal halten die Regierungen die Bedrohung nicht nur nicht auf - sie sind selbst die Gefahr. Dazu kann er sogar in die Köpfe der Mächtigen hineinhorchen. "Doch des Nachts träumt man im Berliner Regierungsbezirk, in Downing Street No. 10 und im Élysée-Palast den chinesischen Traum, in dem das Volk als Masse auftaucht, die nicht gehört, nur geknetet werden muss."

Jetzt ist er rhetorisch am Ziel. Zwar ist er dabei unversehens in der Nähe jener Verschwörungstheoritiker und Staatsfeinde gelandet, die gerade versuchen, die öffentliche Debatte zu kapern. Aber einmal gesetzt, kann er von diesem Ton nicht mehr lassen. Das Buch ist voll von diesen Sätzen, die den üblen Rand touchieren: "Deine Unterwerfung bringt die Weltenrettung." - "Dein Rückschritt sei der neue Fortschritt." - "Der neue Untertan muss nicht bluten, nur zahlen." - "Der künftige Mensch wird nicht erschossen, nur versklavt." - "Der Staat in seiner heutigen Verfasstheit ist das Problem, nicht die Lösung." - Und dann, über eine angebliche Kumpanie von Medien und Politik: "Man camoufliert, finassiert und narkotisiert gemeinsam, bis die Immunabwehr des Publikums schwindet."

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Steingart, Gabor

Die unbequeme Wahrheit: Rede zur Lage unserer Nation

Verlag: Penguin Verlag
Seitenzahl: 208
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28.01.2023 12.08 Uhr

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Eine Weltverschwörung gegen den "kleinen Mann", als dessen Freund sich Steingart ohne Ironie inszeniert, malt er da mit dicken Pinseln aus. Angeführt und angerührt von Politik, Medien, Wirtschaft, Klimaaktivisten und Virologen. Sogar um das "Selberdenken" muss man kämpfen, weil man durch den Journalismus, wie der Immer-noch-Journalist Steingart formuliert,  "nicht aufgeklärt, sondern aufgewühlt" wird.

Natürlich ist das gefährlicher Quark. Und wer mag, kann das Ganze für ein Skandalbuch halten. 

Vor allem aber ist es, auf fast 200 Seiten ausgebreitet: nervtötend öde. Die ständige Wiederholung des Immergleichen; das permanente Geraune von Abschied, Untergang, Deutschland-Schlussverkauf; die unoriginellen Lösungsansätze ("Du musst der Unternehmer deines Lebens werden.")

Seine Provokationen sind zu Floskeln erstarrt

Steingarts Journalismus hat sich eigentlich immer als Teil der Unterhaltungsindustrie verstanden. Deren Maxime lautet: Du sollst nicht langweilen! Und dieser Maxime, die ja nicht einmal die schlechteste ist, blieb er treu, ob in seiner Zeit beim SPIEGEL oder als Chefredakteur des "Handelsblatt". Doch nun sind seine  Provokationen zu Floskeln erstarrt; seine Machart ist zur Masche geworden.

Auf der letzten Seite schreibt er - ohne erkennbare Ironie: "Der gute Journalist spricht nicht mit feuchter Aussprache. Er streckt die Hand aus, er ballt sie nicht zur Faust. Er wird auch im Kampf der Kulturen und Meinungen nicht zum Schwarzhändler der Worte."  Und man könnte, man möchte, man müsste so viel dazu sagen - wenn man am Ende des Buchs nicht so müde wäre.

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