Zur Ausgabe
Artikel 36 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Absturz in die zweite Klasse

Von Werner Meyer-Larsen *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Amerikas Wirtschaftslenker haben es für richtig befunden, den Wechselkurs ihrer Währung, die als Leitwährung des Westens gilt, weiter sacken zu lassen. Zwar nicht gegenüber dem kanadischen Dollar oder der koreanischen Won, wohl aber gegenüber dem japanischen Yen und der Deutschen Mark.

Der tief gedrückte Dollar soll, wie jeder inzwischen weiß, das Außenhandelsdefizit der Vereinigten Staaten beseitigen. Da die USA-Hauptausfuhren: Agrarprodukte, Rüstungsgüter, Boeing-Jets - international aber gar nicht soviel exportfähige Ware besitzen, richtet sich Amerikas kurzfristige Strategie auf die Blockade der Einfuhren.

Wer die Reparatur der Außenhandelsbilanz allein über den Import steuern will, muß brutale Mittel einsetzen. Deshalb läßt Amerika seine Währung gegenüber den Hauptkonkurrenten Japan und Europa weit unter jenen Wechselkurs fallen, der nach der Kaufkraft angemessen wäre. Ein solcher Kurs würde gegenüber der deutschen Währung bei zwei Mark liegen. Die US-Devise ist mithin bereits jetzt kräftig unterbewertet, weitere Dollarstürze scheinen unvermeidlich.

Mit solcher Winchester-Strategie läßt sich auf kurze Sicht schon allerlei erreichen: Welcher Amerikaner will demnächst wohl einen Mercedes-Wagen für 50000 Dollar kaufen, wo es einen vergleichbar bequemen Cadillac schon für die Hälfte gibt? Je weiter die USA den Dollar sinken lassen, das ist klar, desto größer ist ihre Chance, die Außenhandelszahlen zu bessern.

Es fragt sich aber, ob dieses Manöver dem Verursacher letztlich selbst nicht am meisten schadet. Je weiter die Amerikaner den Dollar sinken lassen, desto mehr ähnelt ihre Politik dem radikalen Protektionismus: Sie blockt Wettbewerber ohne Rücksicht auf die echten komparativen Kosten ab, um die unterlegene eigene Industrie zu schützen.

Amerikas Abwertungspolitik verhindert die Anpassung der eigenen Industrie an den internationalen Standard. Die amerikanischen Unternehmen sind gegenüber denen in Japan und Europa schon jetzt oft nicht mehr produktiv genug, um auf dem Weltmarkt erfolgreich zu sein. Ein wesentlicher Grund der Misere liegt in dem unterbelichteten amerikanischen Erziehungssystem, das solide Breitenbildung nicht aufkommen läßt. Hier wäre anzusetzen, nicht bei der Währung. Je weiter Amerika mit dem Dollar-Trick die Lösung seiner Probleme vor sich herschiebt, desto böser kann es ausgehen.

Der Dollarsturz wird demnächst ganz normale marktwirtschaftliche Reaktionen auslösen. Zum Beispiel werden die gebeutelten Ausländer sich mit ihrem überbewerteten Geld in den Dollar-Raum aufmachen, dort billig ganze Branchen aufkaufen und sogar Exportgeschäfte von den USA aus betreiben können.

Damit werden sie dann zwar die Außenhandelszahlen der USA bessern, die Kapitalverkehrsbilanz dagegen nicht: Zunehmend dürften in den USA erwirtschaftete Gewinne zukünftig ins Ausland abfließen, in den USA verwendete Technologie von Übersee stammen. Absturz zum Land zweiter Klasse?

Gefährlicher noch für die westliche Führungsmacht kann eine andere marktwirtschaftliche Reaktion werden: Die ohnehin schon hochrationalisierte Industrie in Europa und Japan wird in weitere Rationalisierungsschübe hineingedrängt, Amerikas Industrie wird damit noch weiter abgehängt.

Das hat dann unmittelbare Folgen für das Ansehen und die Führungsfunktion der Supermacht. Die Europäer und die Japaner werden einen höheren Lebensstandard erreichen als die Amerikaner, die westliche Supermacht könnte auch noch ihre Vorherrschaft in der Luft-, Raumfahrt- und Rüstungsindustrie einbüßen.

Spätestens wenn das droht, wird im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Götterdämmerung sein. Den Dollar durchsacken zu lassen ist ein kurzatmiges Vergnügen. Will Amerika nicht verkommen, muß der Dollar wieder hoch.

Werner Meyer-Larsen
Zur Ausgabe
Artikel 36 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.