Absurder Stellenpool Berlins Verschiebebahnhof für Beamte

Eigentlich soll der Berliner "Stellenpool" Mitarbeitern des Öffentlichen Dienstes neue Jobs vermitteln, wenn die alten wegfallen. Tatsächlich ist die Behörde vor allem Verschiebebahnhof. Viele, die dort landen, arbeiten weiter auf ihrer alten Stelle - die aber dann anders finanziert wird.

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Berlin - Thilo Sarrazin fällt normalerweise eher durch ätzenden Sarkasmus auf als durch positives Denken. Wenn der Berliner Finanzsenator allerdings auf den "Stellenpool" zu sprechen kommt, gerät er regelrecht ins Schwärmen. "Bundesweit einmalig" sei diese Behörde, die Angestellte im Öffentlichen Dienst und Beamte in neue Jobs vermitteln soll, wenn die alten gestrichen wurden. Einmalig vielleicht - aber erfolglos, halten Kritiker dagegen. Klaus Stahns, der Personalratsvorsitzende des Pools schmäht ihn gar als "scheinheiliges Schweinesystem".

Finanzsenator Sarrazin: Fühlt sich als Vater eines Erfolgsmodells - und betont den pädagogischen Nutzen des Stellenpools
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Finanzsenator Sarrazin: Fühlt sich als Vater eines Erfolgsmodells - und betont den pädagogischen Nutzen des Stellenpools

Stahns ist selbst Rationalisierungsopfer. 18 Jahre arbeitete er beim Bausenat - dann wurde das von ihm betreute Programm zur Sanierung von Wohnhäusern in Selbsthilfe gestrichen. Und Stahns Stelle gleich mit. Sein Türschild wurde abgeschraubt, sein Name aus dem Telefonverzeichnis getilgt; und vor allem wurde ihm sein Geschäftszeichen entzogen - das Vernichtungsurteil in einer Behörde. Schließlich verschwand auch noch sein Computer. Und Stahns wurde in die 130-köpfige Verwaltung des frisch gegründeten "Zentralen Personalüberhangsmanagement" versetzt, wie der Pool offiziell heißt. Das war 2004.

Jetzt sitzt der 62-Jährige immer noch in dem tristen Betonkomplex am Ostrand der Hauptstadt, der bis 1990 die Berliner Bezirksverwaltung der Stasi beherbergte, und stellt bitter fest: "Der Pool ist kein Umsteigebahnhof, sondern ein Abstellgleis."

Über ein "Stigma" klagt auch Benita Hanke vom Hauptpersonalrat der Berliner Landesbeschäftigten. "Die Leute im Stellenpool sind Beschäftigte zweiter Klasse." Gedacht war das ursprünglich anders. "Die Idee ist an sich nicht schlecht", sagt der grüne Abgeordnete und Pool-Kritiker Oliver Schruoffeneger. Von den Überhangkräften des im geteilten Berlin hypertrophen Öffentlichen Dienstes wird niemand gekündigt. Diejenigen, deren Jobs eingespart werden, sollen sich für andere Arbeiten qualifizieren, und werden sinnvoll eingesetzt.

Die meisten machen Jobs, die es offiziell nicht mehr gibt

Allerdings fanden sich im Pool bald drei Mal so viele Schwerbehinderte wieder, als durchschnittlich im Öffentlichen Dienst beschäftigt sind. Frauen machen heute noch 73 Prozent der insgesamt 5000 Pool-Insassen aus. Auch Mitarbeiter, die Erziehungsurlaub nehmen, landen bei der Rückkehr gerne Mal im Pool; oder Beschäftigte, die in Altersteilzeit gehen. Die größte Altersgruppe unter den "Personalüberhangkräften", wie die Pool-Mitarbeiter bürokratisch korrekt heißen, ist die der über 59-Jährigen.

Eine "Geisterbehörde" nennt Personalrätin Hanke den Pool außerdem - man könnte auch von Etikettenschwindel sprechen. Denn viele Mitarbeiter arbeiten immer noch auf ihren alten Jobs. So schickte der Finanzsenat 61 Beschäftigte des Landesamtes zur Regelung offener Vermögensfragen in den Pool. Dort wurden sie bis auf zwei umgehend wieder im Rahmen eines "Übergangseinsatzes" auf ihre alten Stellen "rückabgeordnet". Sie erledigten die gleiche Arbeit wie bisher, mit einem entscheidenden Unterschied: Der Finanzsenat hatte seine Einsparauflagen erfüllt; die Personalkosten trägt seitdem der Pool.

Dieses Beispiel machte schnell Schule. Bezirke entließen Gärtner und Musiklehrer, um sie sich gleich wieder zurückzuholen. Die Mehrheit der Mitarbeiter des Pools macht heute Jobs, die es offiziell nicht mehr gibt. "Scheinsparen" nennt das der Personalratsvorsitzende Stahns.

Sarrazin sieht sich trotzdem als Vater eines Erfolgsmodells - was ja schon die Tatsache zu beweisen scheint, dass eine ähnliche Behörde jetzt auch in Nordrhein-Westfalen geschaffen wird. Für den Finanzsenator hat der Pool auch eine wichtige pädagogische Funktion in der Auseinandersetzungen mit Anspruchsstellern aller Art. "Wenn in Reinickendorf ein Kind geschlagen wird und alle schreien: Wir brauchen hundert Sozialarbeiter", erzählt er stolz, dann müsse er nur ein Wort sagen: "Stellenpool".

Aufregung gibt es in der Behörde so auch in schöner Regelmäßigkeit, wenn sich nicht schnell Interessenten für neue Jobs melden; etwa für 88 Stellen bei den bezirklichen Ordnungsämtern, deren Mitarbeiter nun auch Autovignetten in der Umweltzone überprüfen und die Einhaltung des Rauchverbots überwachen sollen. Doch mit mehr oder minder sanftem Druck gelang es bisher immer, auch solche Stellen zu besetzen.



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