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AFFÄREN Adel vernichtet

Ein junger britischer Aristokrat soll das Nürnberger Traditionsunternehmen Hans Brochier ausgesaugt und in die Insolvenz getrieben haben. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Rhodri Philipps, 40, ist der Prototyp eines jungen britischen Aristokraten. Der gutaussehende Spross einer alten walisischen Adelsfamilie verkehrt in den besten Kreisen Londons, er spielt begeistert Polo und ist Mitglied im noblen Privatclub Walbrook. Sein Vater, der Viscount St. Davids, war bis vor einigen Jahren stellvertretender Sprecher im britischen Oberhaus.

Seinen Stammbaum und seine guten Manieren weiß Philipps durchaus auch für die Anbahnung von Geschäften zu nutzen. Doch offenbar agiert der Adelsspross zuweilen weniger seriös, als er sich gern gibt. Am 7. März wurde Philipps wegen des Verdachts der Untreue am Frankfurter Flughafen bei der Ausreise nach England festgenommen und sitzt jetzt in Nürnberg in Untersuchungshaft.

Der Vorwurf: Philipps soll das über 130 Jahre alte Nürnberger Rohr- und Anlagenbauunternehmen Hans Brochier, das er Anfang 2005 übernommen hatte, ausgesaugt und so in die Insolvenz getrieben haben. Wobei mehr als elf Millionen Euro, die zur Sanierung des Unternehmens gedacht waren, in offenbar dubiosen Kanälen versickerten. Philipps hingegen weist alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück.

Der junge Adlige war in Nürnberg zunächst als weißer Ritter freudig begrüßt worden. Denn das Traditionsunternehmen brauchte damals einen mutigen Retter mit reichlich Geld, um zu überleben. In seinen besten Zeiten, zu Beginn der neunziger Jahre, waren im gesamten Brochier-Konzern noch einige tausend Mitarbeiter beschäftigt. Doch dann ging es bergab. In Ostdeutschland investierte das Unternehmen Millionen, als das Wachstum in den neuen Ländern bereits abflaute, gleichzeitig verhob es sich bei hochdefizitären Anlagenbauprojekten in Asien und Afrika.

Zwischen 1994 und 2006 hatte Brochier so insgesamt 250 Millionen Euro Verlust angehäuft. Daran konnte auch die kommunale nordrhein-westfälische Abfallentsorgungs-Gesellschaft Ruhrgebiet (AGR) nichts ändern, die 1999 das 1873 gegründete Unternehmen übernommen hatte. Brochier drohte mit seinen Verlusten dem kommunalen Unternehmen selbst zum Verhängnis zu werden.

Die Essener waren heilfroh, als Ende 2004 endlich ein Interessent für ihr fränkisches Millionengrab auftauchte: die Aubach Capital, angeblich ein angesehener Finanzinvestor aus London.

Das Unternehmen war nach eigenem Bekunden auf langfristige Industrieinvestitionen in Deutschland spezialisiert und wurde von einem seriös wirkenden jungen Adligen vertreten: Rhodri Philipps.

Bei dem kommunalen Entsorger ließ man sich von Philipps' aristokratisch geschliffenem Auftritt offenbar blenden, zumal hinter vorgehaltener Hand geraunt wurde, der Adelsspross verfüge über eine Kreditlinie von mehr als einer Milliarde Euro bei der Deutschen Bank.

Kaum einer wunderte sich damals, dass die Aubach Capital ausgerechnet im Steuerparadies British Virgin Islands registriert ist. Und niemand störte wirklich, dass es sich bei den beiden Aubach-Tochterfirmen, die Brochier zum 1. Januar 2005 für gerade mal einen Euro übernahmen, um zwei Briefkastenfirmen namens Bromley Consulting mit Sitz in London und Optional Systems mit Sitz auf den Seychellen handelte.

Als Mitgift bekamen Philipps und seine Mitstreiter von der AGR am 19. Januar 2005 noch elf Millionen mit auf den Weg - eigentlich um den Betrieb der Firma am Laufen zu halten.

Eine simple Recherche hätte ergeben, dass der angeblich so finanzstarke Philipps am 17. Juni 2002 in Großbritannien, ausweislich des »Individual Insolvency Register«, bereits Privatinsolvenz anmelden musste. Zuvor soll er bereits aus seiner walisischen Stahlfirma Crownridge »beachtliche Firmendarlehen zur Finanzierung seines privaten Lebenswandels genutzt« haben, wie der damalige Insolvenzverwalter bemerkte.

So nahm das Unheil seinen Lauf. Zunächst wurde die frühere Hans Brochier GmbH & Co. KG in eine Hans Brochier Holdings Ltd. mit Sitz in England transferiert - dann floss ab Frühjahr 2005, also nur wenige Wochen nach der Firmenübernahme, die AGR-Mitgift in Höhe von elf Millionen Euro einfach ab. Acht Millionen gingen offenbar in den Kauf der Chemiefirma LII Europe, einer ehemaligen Hoechst-Tochter, die Aubach Capital im Frühjahr 2005 übernahm. 1,35 Millionen wanderten unter anderem auf ein Konto der Optional Systems auf Mauritius und sind seither verschollen. Weitere 1,7 Millionen sollen nach kurzen Mails oder Faxen aus London als angebliche »Beraterhonorare« auf die Insel transferiert worden sein - wo sie letztlich landeten, weiß bis heute niemand.

Genauer lässt sich da schon rekonstruieren, wo rund 200 000 Euro blieben, die

insgesamt über Philipps' Brochier-Firmenkreditkarte abgebucht wurden. Unter den Abrechnungen der Mastercard mit der Nummer 5490017803012665 finden sich Belege über rund 21 000 Euro für den Cowdray Park Polo Club in Midhurst. Mit exakt 7441,02 Euro wurde die Brochier-Kreditkarte am 2. Februar 2007 bei dem berühmten Londoner Gewehrmacher James Purdey & Sons belastet. Hinzu kamen unter anderem gut 4000 Euro für Juwelierrechnungen, 12 000 Pfund für die Anmietung eines Privatjets - sowie zwei Abbuchungen über je rund 10 000 Euro für eine Spezialklinik in London.

Zudem soll mit Geldern aus Nürnberg ein Konto mit gut einer halben Million Euro bei der HSBC Bank in London eröffnet worden sein. Offenbar sollte damit die von Philipps' Vater ins Leben gerufene Viscount St. Davids Stiftung alimentiert werden, die den Sängernachwuchs an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin fördern wollte. Von dem versprochenen Betrag ist nicht ein Euro angekommen, wie ein Opernsprecher bestätigt.

Ist also zumindest ein Großteil der eigentlich Brochier zustehenden Millionen in Philipps' Taschen gelandet, wie Nürnberger Fahnder vermuten? »Mein Mandant fühlt sich unschuldig, er wollte Brochier und LII zu blühenden Unternehmen machen«, sagt sein Anwalt Sven-Thorsten Oberhof. Die von Brochier abgeflossenen acht Millionen an LII hätten quasi nur der Zwischenfinanzierung dienen und später wieder an die Nürnberger zurückfließen sollen.

Fakt ist: Während das für die Sanierung dringend benötigte Brochier-Geld so freizügig verteilt wurde, konnte das Unternehmen selbst kaum die Löhne zahlen und musste sich mit dem Verkauf von Baumaschinen über Wasser halten.

Als sich im vergangenen Sommer die Indizien häuften, dass Brochier von seinem neuen Eigentümer ausgenommen worden sein könnte, wäre es beinahe zum Fanal gekommen. In ihrer Wut stürmten Mitarbeiter die Chefetage - Philipps konnte gerade noch vor dem tobenden Mob fliehen. Er ließ sich nie wieder blicken.

Im August reichte der Betriebsrat der auf nur noch etwa 730 Mitarbeiter zusammengeschrumpften Firma dann selbst den Insolvenzantrag ein. Seither ermittelt auch die Nürnberger Staatsanwaltschaft gegen Philipps und weitere Verdächtige aus seinem geschäftlichen Umfeld.

Inzwischen sind die einzelnen Firmenteile der einstigen Hans Brochier verkauft, immerhin 80 Prozent der Arbeitsplätze konnten gerettet werden. Doch über die Raubrittermethoden des Rhodri Philipps schütteln sie heute in Nürnberg noch den Kopf. Brochier-Insolvenzverwalter Joachim Exner: »Da ist man doch froh, dass die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe mit allem Nachdruck verfolgt.« JÖRG SCHMITT

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