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UNTERNEHMER Adenauer-Effekt

Der alternde Alleinherrscher Max Grundig will sich bei dem holländischen Multi Philips anlehnen. Doch das Kartellamt wird die Liaison wahrscheinlich verhindern.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Wenn Max Grundig gute Laune hat, erzählt er gern die Geschichte vom Hasen und Igel. Und natürlich ist der Märchenerzähler immer das listige Stacheltier, das im hartumkämpften Phono-Markt die dusseligen Hasen von der Konkurrenz austrickst.

Vorletzte Woche allerdings präsentierten sich Abgesandte des sieggewohnten fränkischen Igels ganz anders. Im Berliner Kartellamt fragte eine Fürther Delegation bescheiden an, ob die Wettbewerbshüter etwas dagegen hätten, wenn Grundig künftig zusammen mit einem hilfreichen Hasen ins Rennen gehe. Die vorgesehenen Helfer vom holländischen Philips-Konzern hatten die Grundig-Manager gleich mitgebracht.

Max Grundig, eine der letzten Symbolfiguren aus der Zeit des westdeutschen Wirtschaftswunders, bestellt im 72sten Lebensjahr sein Phono-Reich. Älter und kränkelnd geworden, hat der bislang im Gründerzeit-Stil herrschende Unternehmens-Patriarch erkannt, daß seine Firma nur im Bündnis mit einem mächtigen Partner gegen die ausländische Konkurrenz bestehen kann.

»Jeden Pfennig, den diese Firma erwirtschaftet«, steckt Max Grundig, wie er immer wieder herausstreicht, in sein Unternehmen. Nur: Die Konkurrenten, ausnahmslos Kapitalgesellschaften, konnten sich im Gegensatz zu dem Alleinunternehmer Grundig ein Vielfaches bequem an der Börse besorgen.

Die vergleichsweise knappe Kapitaldecke macht das Fürther Unternehmen anfälliger gegen die üblichen Widrigkeiten im Geschäftsgang.

So traf es den Franken, der in der Bundesrepublik ein Viertel des TV-Marktes beherrscht, besonders hart, als der Verkauf von Farbfernsehern ins Stocken geriet und westdeutsche Hersteller riesige Halden von über 800 000 unverkauften Apparaten beklagten. Grundig versuchte Absatz und Geldfluß anzuregen, indem er seine Geräte mit Rabatten von mehreren hundert Mark feilbot. Das brachte Geld, aber keinen Gewinn.

Wenig Fortüne entwickelte der Konzernchef auch im Geschäft mit dem Lieblingsspielzeug westdeutscher Klangfreunde, den Hi-Fi-Geräten. Statt der etwas hausbackenen Grundig-Apparate griffen die Käufer lieber nach den technischen Finessen der japanischen Konkurrenz. Der Fürther Patriarch, früher mit einem sicheren Instinkt für die Wünsche seiner Kunden ausgestattet, hatte offenbar den Sinn für die Außenwelt verloren.

Im Konzerninnern hingegen wagte niemand so recht, dem einsam regierenden Chef andere Wege zu weisen. Nach dem beispiellosen Erfolg der früheren Jahre »leidet dieses Unternehmen«, befindet ein ehemaliger Grundig-Vorstand, »unter dem Adenauer-Effekt«.

So müssen sich die Grundig-Manager auch kleinere Geschäftsreisen vom Chef persönlich genehmigen lassen. Ein Vorstandsmitglied, das sich unerlaubt zum Nürnberger Flughafen entfernte, wurde gefeuert.

Lieber möchte der alternde Konzernherr, daß die bp-Leute seinen stundenlangen Darlegungen lauschen. Und aus Angst um den Job muckt keiner auf, auch wenn er dann »die Akten«, so ein Vorstandsmitglied, »oft zu Hause aufarbeiten« muß.

Wie früher glaubt Grundig sich heute noch allein auf seinen Instinkt verlassen zu können. So entscheidet der Chef im Hause Grundig nach seinem Geschmack über das Design neuer Geräte; und auch die technischen Entscheidungen trifft der Boß weitgehend selbst.

Das geht nicht immer gut. Für 140 Millionen Mark etwa entwickelten die fränkischen Techniker einen Video-Recorder, der sich als anfällig erweist und kaum verkäuflich ist. In der Nürnberger Fabrik schrauben die Grundig-Werker derzeit knappe 100 Geräte am Tag zusammen, geplant waren 1000. Kurz entschlossen ließ Grundig die teure Fehlentwicklung fallen und offerierte nun zur Funkausstellung das Video-Gerät des Philips-Konzerns.

Von dem holländischen Multi, der von Umsatz und Beschäftigten her zehnmal so groß wie Grundig ist, bezieht der Fürther schon seit Jahren technisches Gerät.

Weitergehende Angebote der Holländer hat Grundig aber stets abgelehnt. Erst während der letzten Monate, beim Auskurieren einer Operation, überlegte der Konzernchef es sich anders.

So könnten die Holländer entweder direkt 25 Prozent des Grundig-Kapitals übernehmen.

Der Beteiligungsplan hat nur einen entscheidenden Haken: Das Kartellamt wird ihn nicht genehmigen. Denn zusammen beherrschen die beiden Unternehmen etwa 40 Prozent des westdeutschen Fernseh-Geschäfts.

So arbeiten die Juristen nun an einer anderen Lösung. Danach soll die Beteiligung unter der Reiz-Marke von 25 Prozent liegen, aber durch ein vertragliches Beiwerk so aufgewertet werden, daß die Philips-Manager bei Grundig ordentlich mitreden können.

Doch selbst dieser Winkelzug hat wenig Chancen, bei den Wettbewerbshütern durchzugehen. Falls Philips und die Grundig-Stiftung »die Grundig-Betriebsgesellschaft gemeinsam beherrschen«, machte Ende letzter Woche ein Beamter des Kartellamts klar, »läuft nichts«.

Auch der sonst den Wünschen der Wirtschaft aufgeschlossene Otto Graf Lambsdorff mag keine Partnerschaftshilfe leisten. Aus dem fernen Caracas ließ der Wirtschaftsminister wissen: »Das ist Sache des Kartellamts.«

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