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GEWERKSCHAFTEN Ängste verdrängt

Die IG Druck fusioniert mit der Gewerkschaft Kunst, doch bis zur einheitlichen Medien-Organisation ist noch ein weiter Weg. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Der Bundesgeschäftsführer der Sozialdemokraten sah einmal mehr die großen Zusammenhänge. Der Gewerkschaftstag der IG Druck in Fellbach bei Stuttgart, fand Peter Glotz, habe eine »historische Dimension«.

Dabei war so Großes gar nicht geschehen. Nach langem Gezerre zwischen Journalisten und Druckern, zwischen Künstlern und Kameramännern soll nun der Kern einer Mediengewerkschaft geschaffen werden: Am Dienstag vergangener Woche beschlossen die 282 Delegierten der IG Druck in Fellbach, ihre Organisation mit der Gewerkschaft Kunst zu verschmelzen.

Eine dreijährige Übergangszeit ist vorgesehen, und die Probleme des neuen Bündnisses werden auch in dieser Frist kaum alle gelöst werden. Den in den Medien Schaffenden - Fachleuten der Kommunikation - fällt die Verständigung in eigener Sache schwer.

Anderthalb Jahrzehnte lang sind die Vertreter der einzelnen Berufsgruppen bei ihrem Mühen um eine Einheitsgewerkschaft immer wieder an gegenseitigem Mißtrauen gescheitert. Die 30 000 Mitglieder der Gewerkschaft Kunst - Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker sowie Journalisten von Funk und Fernsehen - hatten Angst vor der Übermacht der Drucker-Gewerkschaft mit ihren 140 000 Mitgliedern. Die wiederum fürchteten, so IG-Druck-Chef Erwin Ferlemann, durch die Intellektuellen, die ja alles besser wissen, »sprachlos zu werden«.

Nun haben sie ihre Berührungsängste zunächst einmal verdrängt. Die Mediengewerkschaft soll helfen, die Gefahren der Zukunft zu bändigen.

Die Rationalisierung durch Verkabelung und Automation in der Kommunikationsbranche wird nach Ferlemanns Ansicht »massive Auswirkungen auf die Arbeitsplätze und die Arbeitenden haben«. Das bedeute den Verlust von zwei bis 2,5 Millionen Arbeitsplätzen, die Zahl der jetzt schon Arbeitslosen würde sich noch einmal verdoppeln.

Überdies lassen die neuen Medien und die Privatisierung von Funk und Fernsehen nach Meinung von Gewerkschaftern das Schlimmste befürchten. Die Zeit für einen gewerkschaftlichen Zusammenschluß, meint der DGB-Vorsitzende Ernst Breit, sei »überreif« gewesen. Die Medienpolitik sei »eines der wichtigsten Exerzierfelder der politischen Wende«. Wenn die Gewerkschaften »nachhaltig Einfluß nehmen wollen auf die Medien«, müßten sie »gemeinsam und geschlossen handeln«.

Doch mit der Gemeinsamkeit ist es noch nicht weit her. Die neue Mediengewerkschaft, die nun beschlossen wurde, bleibt Stückwerk.

Nicht dabei sind zum Beispiel etwa 5000 in Buchverlagen, im Buchhandel oder in der Werbung tätige Mitglieder der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen. Über 16 500 Musiker und Schauspieler verließen aus Protest gegen die Fusion ihrer Vertretung mit den Druckern die Gewerkschaft Kunst und suchten Schutz bei der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG). Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV), mit 14 500 Mitgliedern die größte bundesdeutsche Journalisten-Organisation, macht ebenfalls nicht mit (siehe Graphik).

Mehrfach hatten einzelne Landesverbände des DJV sich für eine Mediengewerkschaft ausgesprochen, doch jedesmal wehrten große Teile der Mitgliedschaft ab. Die Drucker-Gewerkschaft ist vielen Journalisten im DJV einfach zu radikal.

Vor allem der IG-Druck-Kongreß im Herbst 1983 schreckte sie ab. Damals beschlossen die Drucker, ihre harte politische Linie beizubehalten. Die DJV-Mitglieder, unter ihnen viele Chefredakteure, Pressestellen-Mitarbeiter und selbständige Publizisten, fürchteten, sie könnten künftig zu politischen Streiks genötigt werden.

Das Gefühl der Solidarität unter Redakteuren an Tageszeitungen und bei Zeitschriften sowie den Druckern war ohnehin des öfteren schon harten Belastungen ausgesetzt. So versuchten die Drucker vor einem Jahr während des Arbeitskampfes über Wochen die Produktion von Tageszeitungen lahmzulegen, während die Journalisten alles daransetzten, den Streik mit Notausgaben zu unterlaufen. Wenn die Verleger nicht selbst das Wort »Notausgabe« in die Zeitungsköpfe hätten einrücken lassen, »hätte die Öffentlichkeit von unserem Streik möglicherweise überhaupt nichts gemerkt«, sagt Drucker-Chef Ferlemann.

Verständigungsschwierigkeiten hat die IG Druck aber nicht nur mit dem traditionell eher ständisch orientierten DJV, sondern auch mit den Individualisten von der Gewerkschaft Kunst. Deren stärkste Unterorganisation, die Rundfunk- Fernseh- und Film-Union (RFFU), will sich auch nicht einfach von der IG Druck vereinnahmen lassen.

In der neuen IG Medien nämlich wären die Mitglieder der RFFU, Redakteure von Funk und Fernsehen, Kameramänner und Techniker sowie Verwaltungsangestellte, in der Minderheit. Auf ihrem Gewerkschaftskongreß Mitte Mai in Mannheim forderten sie deshalb Minderheitenschutz. Sie verlangen mehr Selbständigkeit, mehr Delegierte auf den gemeinsamen Kongressen und vor allem einen größeren Anteil an den Mitgliedsbeiträgen.

Um nicht auch noch die RFFU wie zuvor schon den DJV zu verprellen, hielten sich die Vertreter der IG Druck zurück. Sie verzichteten in Fellbach darauf, die neue Mediengewerkschaft gleich auf strammen ideologischen Kurs zu bringen.

So lehnten die Drucker, wenn auch mit knapper Mehrheit, einen Antrag ab, nach dem die IG Medien für die »Überführung von Schlüsselindustrien und anderen Markt und Wirtschaft beherrschenden Unternehmen in Gemeineigentum« eintreten sollte. Darüber wird nun erst in drei Jahren debattiert, damit dann die Delegierten der Gewerkschaft Kunst an der Beratung teilnehmen können.

Rechtzeitig hatte der stellvertretende IG-Druck-Vorsitzende Detlef Hensche den Delegierten in Fellbach bedeutet, wo es in der neuen Mediengewerkschaft lang gehen soll. Es dürfe, so Hensche, nicht so heftig gestritten werden, daß man dabei vergäße, wo der wirkliche Gegner säße - nämlich »in den Verlagshäusern und Druckunternehmen«.

[Grafiktext]

Gewerkschafts-Neuordnung im Bereich Medien IG DRUCK UND PAPIER 140 000 Mitglieder, davon: DJU Deutsche Journalisten-Union, 7000 Mitglieder; Verband deutscher Schriftsteller, 2500 Mitglieder GEWERKSCHAFT KUNST 29 584 Mitglieder, davon: Rundfunk-Fernseh-Film-Union, 18 414 Mitglieder; Bundesvereinigung der Gewerkschaftsverbände Bildender Künstler, 5013 Mitglieder; Gewerkschaft Deutscher Musikerzieher und konzertierende Künstler, 3902 Mitglieder; Berufsverband Show und Unterhaltung, 1041 Mitglieder; Deutscher Musikerverband, 1002 Mitglieder; Schutzverband Bildender Künstler, 212 Mitglieder; IG MEDIEN - DRUCK UND PAPIER, PUBLIZISTIK UND KUNST aus der Gewerkschaft Kunst ausgetreten: Deutsche Orchestervereinigung, 7500 Mitglieder; jetzt in der DAG Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, 9000 Mitglieder; verhandelt mit der DAG DAG DEUTSCHE ANGESTELLTEN-GEWERKSCHAFT 497 724 Mitglieder, davon: Bundesberufsgruppe Kunst und Medien, 16 000 Mitglieder (mit Orchestervereinigung) DJV DEUTSCHER JOUR-NALISTEN-VERBAND mit zwölf Landesverbänden, 14 500 Mitglieder Stand: Ende 1984 = DGB-Gewerkschaften

[GrafiktextEnde]

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