Ärzte im Dauerstreik Eine Frage der Ethik

Tausende verschobene Operationen, Verluste in Millionenhöhe und eine zunehmend gereizte Stimmung - der Arbeitskampf der Ärzte bringt Uni-Kliniken und Landeskrankenhäuser in ganz Deutschland in Bedrängnis. Ein Besuch an der Streikfront in Göttingen.

Aus Göttingen berichtet


Göttingen - Das Plakat am Hauptportal des Klinikums der Georg-August-Universität in Göttingen lässt das Schlimmste befürchten. "Dieser Betrieb wird bestreikt", warnt in großen schwarzen Lettern der Marburger Bund. Ein Unbekannter hat die Parole jedoch mit dickem, blauen Filzstift durchgestrichen und ein wenig ungelenk seine Sicht des Ärztestreiks auf das Poster gekritzelt: "In dieser Klinik lässt man eine Mutter von sechs Kindern herzkrank eine Woche unbehandelt liegen."

Seit Montag sind rund 200 von 800 Assistenzärzten in Göttingen im Ausstand, bundesweit sind es an 39 Uni-Kliniken und Landeskrankenhäusern fast 13.000. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld ist bereits in der neunten Woche, doch erstmals wird nun flächendeckend volle fünf Tage am Stück gestreikt. Sind jetzt die Patienten ernsthaft in Gefahr?

Ob die anonyme Behauptung am Klinikeingang stimmt, ist unbekannt. Recherchen im Haus seien aussichtslos, heißt es aus der Verwaltung. Gewiss ist, der Dauerstreik zehrt an den Nerven, an denen der Patienten und denen der Ärzte. Nein, wohl sei ihm angesichts der Situation an seiner Klinik nicht mehr, sagt der für die Krankenversorgung an der Georg-August-Universität zuständige Vorstand Günther Bergmann. "Wir stehen vor einer ethischen Frage." Der Marburger Bund. Die Klinik. Jeder einzelne Arzt.

Lorenz Trümper reibt sich die müden Augen und überlegt lange. "Der Streik ist so lange vertretbar, wie keine lebensnotwendige Behandlung verschoben wird." Die Sekretärin reicht dem Abteilungsdirektor für Hämatologie und Onkologie das Blutbild eines Patienten herein. Trümper überfliegt die Werte. Nach Sekunden ordnet er die Vorbereitung einer Bluttransfusion an.

OP-Ausfälle kosten Millionen

Bislang wurden in Göttingen rund 600 Operationen verschoben. Für sogenannte elektive Eingriffe - also solche, die nicht unbedingt hier und heute notwendig sind - erhöhe sich die Wartezeit, sagt Trümper. "Zynisch gesprochen: Davon stirbt niemand. Dass es nicht gut ist - keine Frage." Er hoffe, dass man nicht an einen Punkt komme, an dem ein Patient geschädigt wird, sagt Trümper.

Der Unterton, mit dem er es sagt, macht deutlich, dass dieser Fall nicht mehr auszuschließen ist, morgen, nächste Woche, irgendwann. Aus anderen Streik-Kliniken kommen schon jetzt Berichte über mehrfach aufgeschobene Tumor- oder Herz-OPs. Der Göttinger Krebsspezialist sorgt dafür, dass seine Abteilung gemäß der Notdienstvereinbarung auch mit der Hälfte des Personals läuft. Das gehe dank Urlaubs- und Kongresssperre auch über eine längere Zeit, ist er sich sicher. "Finanziell aber hält die Klinik das nicht lange durch."

Der Betrieb auf Sparflamme kostet das Haus ein Vermögen. Auf mehr als sechs Millionen Euro schätzt der Göttinger Klinikvorstand den Verlust bislang, jeden Streiktag kommen bis zu 300.000 dazu. Selbst wenn irgendwann ein Ende des Arbeitskampfes in Sicht sein sollte, die Folgen dürften noch lange danach in den Kassen spürbar bleiben: Viele Patienten lassen sich inzwischen in kommunalen oder konfessionellen Krankenhäusern behandeln. Ob sie wieder an die Uni-Kliniken zurückkehren, ist ungewiss. Gut möglich, dass am Ende des Jahres die Ausfälle durch Einsparungen beim Personal wieder ausgeglichen werden müssen. Schließlich machen die Personalkosten rund 70 Prozent der Ausgaben aus.

Der Vertrag von Tobias Radebold, 35, läuft im Herbst aus. Gedanken darüber, dass ihn der Streik womöglich seinen Job kosten könnte, macht sich der Assistenzarzt der Unfallchirurgie nicht. In dieser "Abwärtsspirale" will er gar nicht denken, sagt Radebold, weil sie das Ende der Hochleistungsmedizin in Göttingen bedeuten würde. "Die Besten wandern heute schon ab", sagt Radebold, während im Foyer der Klinik frisch promovierte Mediziner mit selbst gebastelten Doktorhüten, Sekt und Bier feiern.

Oft genug ist der Chirurg 24 Stunden oder länger im Einsatz - ohne Schlaf. Dass der Bereitschaftsdienst weniger als 50 Prozent effektiver Arbeitszeit entspricht, ist nur eine Formel auf dem Papier. Radebold spricht von "Patienten durchschleusen", wenn er die gestiegene Arbeitsbelastung beschreibt. Zu den elektiven Eingriffen gehören auf seiner Station inzwischen selbst frische Brüche. "Es warten alle, die man mit halbwegs gutem Gewissen warten lassen kann." Zehn, zwölf Tage vielleicht. Das Ergebnis der OP sei dann immer noch genauso gut, beteuert Radebold. "Aber wir nähern uns dem roten Bereich."

"Einfach nur wütend"

Wie nahe man diesem schon ist, zeigt das Beispiel des Unfallopfers mit dem offenen Sprunggelenksbruch. Dem schwer verletzten Mann musste dringend Haut von der eigenen Schulter transplantiert werden. Die OP habe nur stattgefunden, weil sich ein Arzt bereit erklärte, den komplizierten Eingriff trotz des Streiks vorzunehmen. Zuvor war der Patient bereits einmal vertröstet worden.

Ohne den Ausstand wäre Gaby Borrmann, 51, schon längst zu Hause. Unter dem Fenster von Zimmer 417 hämmert ununterbrochen ein Presslufthammer. Die Schulsekretärin versucht den Lärm mit der Musik aus ihrem Discman zu übertönen und sich von ihrem Achillessehnenriss zu erholen, den sie sich ausgerechnet am ersten Urlaubstag auf Mallorca zugezogen hat. Eigentlich war ihre OP für den 28. April angesetzt. Alles war vorbereitet, nüchtern wartete die Schulsekretärin darauf, abgeholt zu werden. Dann erschien mittags der Stationsleiter, um ihr mitzuteilen, dass der Eingriff verschoben werde. Sie habe volles Verständnis für die Forderungen der Ärzte, "aber im Moment der Absage war ich einfach nur wütend". Die Wut sollte 13 Tage anhalten. Vor einer Woche flickte man endlich ihre Sehne.

Ob lebensnotwendig oder nicht - jede Verzögerung einer Operation bedeutet eine enorme Belastung für die Psyche. Noch scheint das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten einigermaßen intakt, doch die Mediziner wissen, nach einer vollen Streikwoche kann das anders aussehen. Vor allem, wenn sich die Situation noch weiter verschärfen sollte, weil von heute an auch bis zu 600 bei Ver.di organisierte nicht-ärztliche Mitarbeiter wieder die Arbeit niederlegen wollen.

"Ich fürchte, dass die Stimmung kippen wird", sagt Klinik-Chef Bergmann. Und auch Stationsleiter Trümper ahnt: "Es wird Aggressionen geben." Die Göttinger Assistenzärzte haben deswegen schon jetzt beschlossen, in der kommenden Woche nicht mehr wie eigentlich geplant durchgehend zu streiken - "im Sinne der Patienten".



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