Afrika-Aktivist Geldof "Wir stecken doch alle im gleichen Sumpf"

Die Chinesen haben eine historische Chance erkannt, davon ist zumindest Bob Geldof überzeugt: "Sie investieren überall in Afrika", sagt der Afrika-Aktivist im Interview mit SPIEGEL ONLINE. In westlichen Ländern sei das Image des Kontinents dagegen zu Unrecht mies - dabei komme man langfristig nicht um ihn herum.


SPIEGEL ONLINE: Herr Geldof, US-Präsident Barack Obama hat beim G-8-Treffen in L'Aquila hinter verschlossenen Türen klare Worte an die afrikanischen Länder gerichtet: Die Korruption und die ineffiziente Verwaltung auf dem Kontinent seien mit ein Grund, warum es den Ländern so schlecht gehe. Ist da nicht Entwicklungshilfe rausgeworfenes Geld?

Geldof: Jetzt geben Sie die typischen Vorurteile über Afrika wider. Natürlich: Es gibt Länder, in denen es viel Korruption gibt - und es ist richtig, Besserung zu fordern. Aber in Asien ist die Korruption doch viel schlimmer. Aber das Image von Afrika ist viel, viel schlechter. Diese Mär vom 'verlorenen Kontinent' ...

SPIEGEL ONLINE: ... ist komplett falsch?

Geldof: Ja. In Afrika gibt es mehr als 20 Demokratien, der Kontinent ist die zweitgrößte Schwellenregion nach China. Die Chinesen haben das schon verstanden und investieren überall in Afrika. Sie sind eben brillante Business-Männer, erkennen gute Chancen - im Gegensatz zu den westlichen Ländern. Dabei liegt Afrika gerade einmal acht Meilen von Europa entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch boomt Asien, während Afrika nicht vom Fleck kommt. Woran liegt es?

Geldof: Das ist doch klar. China etwa wurde nicht so für den Kalten Krieg missbraucht wie viele afrikanische Länder. Sie durften sich nicht entwickeln. Stattdessen haben die USA und Russland massiv Regierungen egal welcher Couleur unterstützt, die den jeweiligen Supermacht-Interessen entsprachen. Erst seit 1989 ist der Kontinent frei. Seitdem hat er sich enorm entwickelt, zuletzt lag das Wirtschaftswachstum bei sechs Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es immer mehr Beobachter, die mahnen, Entwicklungshilfe fördere nur Korruption und bringe nichts.

Geldof: Das ist einfach nicht wahr. Es gibt doch eindeutige Belege für das Gegenteil. 2002 hatten gerade einmal 50.000 Menschen in Afrika Zugang zu Aids-Medikamenten - heute sind es drei Millionen. Drei Millionen! Und 34 Millionen Kinder haben dank Entwicklungshilfe und der Arbeit afrikanischer Regierungen Zugang zu Schulbildung bekommen. Die Finanzkrise allerdings ist für Afrika eine Katastrophe.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssen Sie sehr glücklich über den Ausgang des G-8-Treffens sein. US-Präsident Barack Obama hat dort im Namen der Industriestaaten 20 Milliarden Dollar für die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelsicherheit in Entwicklungsländern zugesagt. Sind sie stolz auf den Präsidenten?

Geldof: Ich bin wirklich überrascht, die Zusagen übertreffen die ursprünglichen Pläne sogar - um fünf Milliarden Dollar. Das ist tatsächlich Obama zu verdanken. Er war in L'Aquila der "new boy in town". Alle wollten sich mit ihm blicken lassen. Auch der italienische Präsident Silvio Berlusconi, den das Thema sonst eigentlich absolut nicht zu interessieren scheint, brauchte dringend das Erfolgsfoto mit Obama. Aber ob ich wirklich stolz bin oder nicht, sage ich Ihnen, wenn wir die Zusagen genau überprüft haben.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt das Problem?

Geldof: Wir müssen doch erst einmal wissen, wer welche Summen beisteuert, das ist in weiten Teilen noch völlig unklar. Genau wie die Frage, nach welchem Mechanismus und nach welchem Schlüssel die Mittel eigentlich verteilt werden sollen. Und die allerwichtigste Frage ist: Ist das wirklich neues Geld, das da versprochen wird? Oder sind nur alte Mittel umgepackt worden? Es ist doch immer das gleiche auf solchen Treffen: Da werden irgendwelche Erklärungen abgegeben, aber ob die dann eingehalten werden, ist eine ganz andere Frage. Vielleicht ist das jetzt anders, weil die westlichen Industrien am eigenen Leib erfahren haben, dass die Wirtschaft manchmal Entwicklungshilfe braucht.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Geldof: Es wurden weltweit Hunderte Milliarden in Banken und Unternehmen gepumpt, die durch die Finanzkrise am Rande des Zusammenbruchs standen. Das ist nichts anderes als Entwicklungshilfe - für Unternehmen und Banken.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem scheinen die Versprechen für die armen Länder nicht allzu viel Wert zu sein. Auf dem Gipfel in Gleneagles versprachen die G8 2005 beispielsweise, ihre Entwicklungshilfe bis 2010 um 50 Milliarden Dollar aufzustocken - bis heute ist davon nur ein Teil erfüllt worden. Das macht die Gruppe in dieser Frage nicht unbedingt glaubwürdig, oder?

Geldof: Da muss man unterscheiden - einige Länder haben ihre Zusagen sehr wohl schon ganz oder fast eingehalten. Großbritannien etwa. Deutschland hat in den letzten beiden Jahren viel getan. Und Japan und Kanada haben sie sogar übererfüllt - Kanada hat es auf 206 Prozent der eigentlichen Zusage gebracht. Aber Frankreichs Politik zum Beispiel ist schlimm - und die Italiens desaströs.

SPIEGEL ONLINE: Sie hacken seit Tagen auf Silvio Berlusconi herum, weil er Ihren Berechnungen zufolge nur drei Prozent der zugesagten Gelder tatsächlich geleistet habe. Zeigt er Einsicht?

Geldof: Nein. Ich war im Vorfeld des Gipfels einen Tag lang Chefredakteur der Zeitung "La Stampa" und habe ein Interview mit ihm geführt. Er hat das Versagen Italiens eingestanden und sich entschuldigt - und dann Hunderte Ausreden gesucht. Er ist ein gewiefter Politiker. Aber ich habe ihm gesagt, dass mich die Entschuldigungen nicht interessieren. Das ist lächerlich.

SPIEGEL ONLINE: In erster Linie hat Berlusconi auf die Wirtschaftskrise verwiesen. Ist es nicht nachvollziehbar, dass viele Länder sich angesichts der fürchterlichen Ereignisse in den vergangenen beiden Jahren erst einmal um das Krisenmanagement zu Hause kümmern?

Geldof: Wir stecken doch alle im gleichen Sumpf. Japan, Großbritannien, den USA geht es schrecklich - was die Länder nicht daran hindert, ihre Versprechen zu halten. Wenn Berlusconi dazu nicht bereit ist, hat er auf einem solchen Gipfel nichts zu suchen. Wir müssen endlich verstehen, dass wir die Wirtschaft in Afrika aufbauen müssen, dann kann der Kontinent auch zum Wiedererstarken der Weltwirtschaft beitragen - und auch viele andere Probleme werden gelöst.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Geldof: Das Migrationsthema. Seit jeher wandern Menschen aus armen Regionen in reichere. Italiener, Iren und Deutsche zogen nach Amerika, so lange es in Europa nicht so gut lief. Und Afrikaner wollen nach Europa, so lange sie in ihren Ländern keine Chancen haben. Das ändern wir nur, wenn wir dem Kontinent helfen. Entwicklungshilfe schafft das Klima für mehr Investitionen, Jobs und damit langfristig auch die hohen Sozialstandards vieler westlicher Länder. Das wäre die beste Hilfe.

Das Interview führte Anne Seith



insgesamt 2010 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rainer Eichberg 09.04.2009
1.
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Zumindest an den Küsten hat man sich dort überaus selbständig gemacht! Ich vermute jedoch, die Entwicklungshelfer haben jahrzehntelang den Überschuß an Seeräuber-Romanen aus der Buchproduktion dorthin geschickt.
chirin 09.04.2009
2.
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Natürlich, und das war das Erste, was ich im Unterricht 1955 im Westteil gelernt habe.Mit viel Engagement sammelten die Schulen Geld und dafür wurden Schulmöbel (Tische , Bänke, Schränke und Schreibmaterialien) gekauft (ich glaube die Kinder und Eltern spendeten damals an die 80 000.- Westmark). jedenfalls wurde alles nahc Afrika gesandt und kam Monate später zurück, die wollten Geld. Dann wurde das Geld gesandt und dann war in der Zeitung zu lesen, das sich die Ehefrau- eine ganz dicke Afrikanerin - von dem Geld in England ein entsprechendes "goldenes" - sicher vergoldetes- Bett gekauft habe. Na, bitte! An den vielen Spenden nach Afrika haben sich in1. Linie die Regierenden des afrikanischen Staates bereichert und natürlich die Organisationen , die eingesammelt haben - auch da die 1.Etage und nicht die vielen ehrenamtlichen Helfer. Als wir vor 30 Jahren durch Ägypten fuhren - zwischen Alexandria und Kairo - hatten die Franzosen Frischwasser-Leitungen entlang der Ölpipelines gelegt und die Ägypter haben - bei brennender Sonne - gesät und vorsichtig gegossen. Das ist also an den Bedürfnissen des Landes Entwicklungshilfe gewesen und die bringt auch etwas, aber die Deutschen u.a. sehen doch nur zu, wo sie selbst bleiben. Dann gründet ebend die Großmutter eines Politikers zu überhöhten Preisen pro Forma eine Dienstleistungsgesellschaft und schon läuft der Laden. Die Afrikaner in ihren Behörden machen fröhlich mit. Die von Deutschland geleistete Entwicklungshilfe ist eher pervers. Hier in Deutschland haben wir hungernde Kinder und die Regierung sendet Fernseher und Waschmaschinen nach China, als Entwicklungshilfe, das ist schon besonders merkwürdig.
annalüse 09.04.2009
3.
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Bitte nichts ändern! Als EU haben wir ein vitales Eigeninteresse daran, dass alles so bleibt wie es ist. Denn nur wenn die von uns abhängig bleiben, können wir ihnen diktieren, dass ihre Grenzen für unsere Produkte offenbleiben. Das bißchen Entwicklungshilfe nehmen wir aus der Portokasse als Alibi für unsere weiße Weste.
Orix 09.04.2009
4.
Zitat von annalüseBitte nichts ändern! Als EU haben wir ein vitales Eigeninteresse daran, dass alles so bleibt wie es ist. Denn nur wenn die von uns abhängig bleiben, können wir ihnen diktieren, dass ihre Grenzen für unsere Produkte offenbleiben. Das bißchen Entwicklungshilfe nehmen wir aus der Portokasse als Alibi für unsere weiße Weste.
Genau! Wir nehemen ihnen weiter die Lebensgundlagen,in den wir ihnen die Fische vor der Nase wegfangen und und.... Laden den Mist an überflüssigen Lebensmittel dort ab, da mit der Bauer sich gar nicht erst mühen muss, denn an die Preis kommt er eh nicht ran. Unsere alten Lumpen folgen hinter her, spart den Kauf der Nähmaschine und unternehmerisches Denken. Weihnachten legen wir was in die Spendenbüchse und schon ist das Gewissen beruhigt. Blos der Zaun um die EU müsste noch etwas höher gezogen werden, wo kämen wir denn dahin wenn jeder der Hunger hat zu uns will.
Antisthenes, 09.04.2009
5.
Zitat von OrixGenau! Wir nehemen ihnen weiter die Lebensgundlagen,in den wir ihnen die Fische vor der Nase wegfangen und und.... Laden den Mist an überflüssigen Lebensmittel dort ab, da mit der Bauer sich gar nicht erst mühen muss, denn an die Preis kommt er eh nicht ran. Unsere alten Lumpen folgen hinter her, spart den Kauf der Nähmaschine und unternehmerisches Denken. Weihnachten legen wir was in die Spendenbüchse und schon ist das Gewissen beruhigt. Blos der Zaun um die EU müsste noch etwas höher gezogen werden, wo kämen wir denn dahin wenn jeder der Hunger hat zu uns will.
Alles reinwinken, oder wie jetzt?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.