Gescheitertes Agrarprojekt Falsches Versprechen für Afrikas Bauern

Mit viel Geld wollte die von der Gates-Stiftung mitfinanzierte Agrarallianz in Afrika das Einkommen von Millionen von Bauern verdoppeln. Eine Studie zeigt: Das Vorhaben ist gescheitert.
Hirse-Trocknung in Tansania

Hirse-Trocknung in Tansania

Foto: imagebroker / imago images

»Allianz für eine grüne Revolution in Afrika«, schon der Name versprach Großes. Und die Geldgeber erst: Über eine Milliarde Dollar sammelten die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und die Rockefeller-Stiftung bisher für ihre Agrarallianz AGRA ein, die vor 15 Jahren gegründet wurde. Bis 2020 wollte man die Erträge und die Einkommen von 30 Millionen kleinbäuerlichen Haushalten verdoppeln. So sollten der Hunger und die Armut in 20 afrikanischen Ländern halbiert werden.

Gemessen an dem großen Versprechen sind die Erfolge dürftig: Um gerade mal 77 Dollar stieg das Einkommen der von AGRA geförderten Maisbauern in Tansania jährlich, in Ghana waren es nur 36 Dollar. Die Zahlen stammen von AGRA selbst. Länger hatte sich die Organisation geziert, sie zu veröffentlichen. Nachdem verschiedene Nichtregierungsorganisationen (NGO) Druck gemacht hatten und in den USA bereits ein Auskunftsgesuch nach dem »Freedom of Information Act« lief, veröffentlichte AGRA die Evaluierungen vor wenigen Monaten auf ihrer Website.

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Partei Die Linke nahesteht, zusammen mit Organisationen wie Brot für die Welt und der Menschenrechtsorganisation Fian ein vernichtendes Urteil über die Agrarallianz  gefällt: Die Organisation habe ihre Ziele verfehlt, hieß es, zudem tauge der konzerngetriebene Ansatz und die den afrikanischen Ländern nahegelegte Deregulierung des Saatgut- und Düngemittelmarktes nicht zur Beendigung des Hungers.

Nun haben sich die deutschen NGOs die Allianz erneut vorgenommen und die AGRA-eigenen Evaluierungen analysiert. Das Urteil: Die grüne Revolution ist gescheitert.

Der Makel beim Mais

Zu sehen sei das bereits an den Zahlen für Mais, eine der wichtigsten Früchte, auf die sich die AGRA-Beratung konzentriert, so Roman Herre, Agrarexperte bei Fian. »Bei den spärlichen Einkommenszuwächsen sind die oft steigenden Ausgaben für Dünger, Pestizide und Saatgut einfach nicht mit eingerechnet worden.« Tue man das jedoch, sei »eine Verschuldung durch Mehrkosten« nicht ausgeschlossen.

Fragt man AGRA nach diesem Makel beim Mais, dann bekommt man Antworten dazu, wie stark die Erntezuwächse bei Bohnen in Tansania und bei Reis in Ghana waren – zur Hauptfrucht Mais wird nichts gesagt. Ansonsten aber sieht sich AGRA auf einem guten Weg, durch »nachhaltige Intensivierung« der Landwirtschaft Einkommen und Ernten der afrikanischen Bauern zu stärken.

Der Einfluss von AGRA in Afrika (Quelle: NGOs)

Der Einfluss von AGRA in Afrika (Quelle: NGOs)

Die Intensivierung, die AGRA meint, soll mit lizenziertem Saatgut, synthetischen Düngern und Pestiziden sowie durch die Integration in globale Lieferketten geschehen. Das westliche Modell der industrialisierten Landwirtschaft mit ihren Kollateralschäden für Böden, Tiere und das Klima auf Afrika zu übertragen, sei ein Irrweg, monieren Kritiker. AGRA hält dagegen: Chemieintensive Ansätze würde man gar nicht verfolgen, so eine AGRA-Sprecherin. Stattdessen unterstütze man eher »mikrodosierte Düngetechnologie«, etwa in der Sahelzone.

Stig Tanzmann, Landwirtschaftsexperte von Brot für die Welt, kann darüber nur den Kopf schütteln. Wie sich ausgerechnet Bauern in der Sahelzone diese Art »Precisionfarming« leisten können, ist Tanzmann ein Rätsel. Er kritisiert zudem den politischen Einfluss, den AGRA auf Düngemittel- und Saatgutgesetzgebungen in den Partnerländern nehme.

Das NGO-Gutachten, an dem Tanzmann mitschrieb, hält diverse Beispiele fest: Mal entsandte die Allianz Mitarbeiter in Ministerien und Beraterstäbe, um im Sinne des Privatsektors Gesetzesvorhaben voranzutreiben. Mal erreichte man (wie etwa in Äthiopien) die Abschaffung von Importzöllen und Inlandssteuern auf Pestizide. Mal wurden mithilfe der Berater von McKinsey Lobbytreffen von Agrarinvestoren in Kenia organisiert.

PR für Hybridsaatgut

Einigen Aufwand betreibt AGRA auch, um die Bäuerinnen und Bauern von den Vorteilen des oft ertragsstärkeren und resistenteren Hybridsaatsguts zu überzeugen – bislang allerdings relativ erfolglos. In Ghana etwa bevorzugen laut AGRA-eigenem Evaluierungsbericht die meisten Landwirte lokales Saatgut. Dies können sie häufig selbst nachbauen und müssen es nicht jedes Jahr neu kaufen wie das Hybridsaatgut der großen Hersteller, deren geistige Eigentumsrechte AGRA stärken will. AGRA wertete diese Ablehnung der Bauern als »systemisches Problem«. Auf Fragen dazu antwortete AGRA, man wolle den Kleinbauern nur »die Wahl« ermöglichen, zudem fördere man auch lokale Saatgutfirmen. Die Wahl allerdings sei eine fragwürdige Wahl, wenn es aufgrund der Gesetzespläne von AGRA bald nur noch kommerzielles Saatgut gebe, sagt Tanzmann. Es drohe eine Alternativlosigkeit, die für die Bauern oft in der Schuldenfalle enden könne.

Von Verschuldung und anderen negativen Wirkungen wisse man nichts, ließ das deutsche Entwicklungsministerium im März wissen, das AGRA-Projekte in Ghana und Burkina Faso unterstützt. Doch auch das Haus von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) scheint mit der AGRA-Arbeit nicht mehr ganz zufrieden: Obwohl man die Einschätzungen der NGOs nicht vollständig teile, sei von der Organisation ein stringentes Monitoring und eine verbesserte Transparenz eingefordert worden. In Ghana allerdings, so das Ministerium, sei die Zahl der hungernden Menschen in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Das allerdings ist nicht überall so: Laut der letztjährigen NGO-Studie zu AGRA stieg der Anteil der Menschen, die unter extremem Hunger leiden, in den 13 AGRA-Schwerpunktländern sogar um 30 Prozent auf 130 Millionen Menschen.

Und wie will AGRA verhindern, dass die Bäuerinnen und Bauern, etwa durch den Kauf teuren Saatguts und Düngers, auch noch in die Schuldenfalle geraten? Eine klare Antwort darauf gibt es nicht. Man biete keine »Finanzierung für Farmer« an, heißt es bloß.

Transparenzhinweis: Neben der Impfstoffforschung unterstützt die Bill-und- Melinda-Gates-Stiftung auch Medienunternehmen in den USA und Europa, darunter das Projekt »Globale Gesellschaft« beim SPIEGEL mit rund 2,3 Millionen Euro über drei Jahre. Mehr dazu lesen Sie hier.

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