Viele Fans und prominente Investoren Der zweifelhafte Hype um die Duftwasserfirma Air Up

Das deutsche Start-up Air Up hat Begeisterung ausgelöst: Jugendliche bekommen nicht genug von dem Duftwasser, das die Welt gesünder und nachhaltiger machen soll. Doch die zentralen Versprechen kann die Firma nicht belegen.
Werbefoto von Air Up: Große Versprechen

Werbefoto von Air Up: Große Versprechen

Foto: air up

Die Geschichte von Air Up beginnt in Schwäbisch Gmünd. Die Studierenden Lena Jüngst und Tim Jäger lernten hier 2016 während ihres Produktdesign-Studiums das »retronasale Riechen« kennen. Dabei steigen Aromen aus der Mundhöhle über den Rachen in die Nase auf – und das Gehirn interpretiert diese Reize als Geschmack. Es wird, wenn man so will, ausgetrickst. Jüngst und Jäger fragten sich, ob das nicht auch bei Getränken funktionieren könnte. »Darum haben wir uns einen Raumbedufter bestellt, irgendwie einen Strohhalm reingesteckt und diesen Strohhalm in unseren Mund und dann gleichzeitig versucht aus einem Glas Wasser zu trinken«, so Jüngst in einem Podcast der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd. Sie stellten fest: »Okay, es funktioniert.« Das Wasser schmeckte nicht mehr nur nach Wasser. Ihre Gehirne gaukelten ihnen vor, es habe einen eigenen Geschmack.

Aus dieser Erkenntnis haben Jüngst und Jäger innerhalb kurzer Zeit eine der erfolgreichsten Start-up-Marken Deutschlands geformt . Es verkauft Trinkflaschen mit wechselbaren Duftringen, die das Wasser nach Cola, Orange-Vanille oder Pfirsich schmecken lassen. Eine »Revolution« nennt Air Up seine Erfindung. Vier Jahre nach seiner Gründung 2018 beliefert das Start-up mehr als eine Million Kundinnen und Kunden in acht europäischen Ländern. Auf Instagram folgen 177.000 Menschen der Marke, mehr als das Doppelte der deutschen Instagram-Seiten von Coca-Cola und PepsiCo.

Vor allem bei Jugendlichen hat Air Up einen regelrechten Hype ausgelöst. Teenager tauschen sich auf TikTok über ihre Lieblingsgeschmäcker aus und teilen begeistert Videos, wenn die lang ersehnte 40-Euro-Flasche endlich ankommt.

Fast genauso beliebt ist Air Up bei Investoren. Die »Höhle der Löwen«-Juroren Frank Thelen und Ralf Dümmel, aber auch Pepsi sind als Geldgeber mit dabei. Insgesamt hat Air Up mehr als 60 Millionen Euro an Kapital eingesammelt. Sogar das amerikanische Schauspieler-Ehepaar Ashton Kutcher und Mila Kunis hat in Air Up investiert und soll nun dabei helfen, ab Sommer den riesigen US-Markt zu erobern.

Investoren Thelen (l.) und Dümmel: Geld für das Trendprodukt

Investoren Thelen (l.) und Dümmel: Geld für das Trendprodukt

Foto: Jens Kalaene / dpa

Der Erfolg hat auch mit einem großen Versprechen zu tun: Air Up will eine gesunde und nachhaltige Alternative zu Softdrinks  sein, Luft statt Zucker verkaufen und die Welt mit seinem Duftwasser ein bisschen besser machen. Auf der Website steht, Air Up komme »mit entscheidend weniger Plastik und CO₂-Emissionen aus«. Auch für Kinder sei der Konsum »bedenkenlos«. Der Start-up-Plattform »Brutkasten« sagte Gründerin Lena Jüngst, Nachhaltigkeit sei für Air Up der »Nordstern, auf den wir jeden Tag zuarbeiten«.

Wie nachhaltig und gesund aber ist Air Up tatsächlich? Der SPIEGEL ist dieser Frage zusammen mit dem Newsletter-Magazin Flip  nachgegangen, das zu Nachhaltigkeit und Greenwashing recherchiert. Das Ergebnis: Seine zentralen Umweltversprechen kann Air Up aus Sicht von Experten nicht belegen. Gerade für Kinder seien aromatisierte Produkte nicht unbedingt das richtige. Und dass die Ringe aus »100 Prozent recycelten Materialien« bestehen, wie Air Up bis zu Nachfragen von SPIEGEL und Flip auf seiner Website behauptet hat? War offensichtlich falsch – und könnte laut Experten als Irreführung der Kundinnen und Kunden gewertet werden.

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