Airbus-Chef Gallois Allein gegen alle

Der Streit geht in eine neue Runde: Heute wird die Airbus-Sanierung Thema beim Treffen von Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Chirac. Den Flugzeugbauer wieder auf Kurs zu bringen, scheint bisher unmöglich - doch wenn das einer schaffen kann, dann Airbus-Chef Gallois.

Von Kim Rahir, Paris


Paris - Louis Gallois ist Kummer gewohnt. Vor seinem Doppeljob als EADS-Co-Chef und Airbus-Vorstandsvorsitzender leitete er zehn Jahre lang die französische Staatsbahn SNCF. Er übernahm das Unternehmen in desolatem Zustand und führte es mit kleinen aber zielsicheren Schritten in die schwarzen Zahlen. Eine Erfolgsgeschichte, über die viele Experten sich noch heute wundern.

Airbus-Chef Gallois: Seinen Job bei der Staatsbahn hat er sich nicht ausgesucht - er wurde ihm befohlen
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Airbus-Chef Gallois: Seinen Job bei der Staatsbahn hat er sich nicht ausgesucht - er wurde ihm befohlen

2,5 Milliarden Euro Verlust machte das Staatsunternehmen pro Jahr, als Gallois Chef wurde, 200 Milliarden Euro Schulden standen in den Büchern. Die Belegschaft war in Aufruhr, brachte es auf 1000 Streiks in zwölf Monaten. Der neue Chef machte sich an die Modernisierung der Verwaltung und konzentrierte sich auf das Kerngeschäft, den Fracht- und Passagiertransport.

Im Jahr 2000 schrieb die SNCF zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Gewinn, der Personenverkehr wuchs um fünf Prozent. Und Gallois hatte sich seinen Namen gemacht als geschickter Unterhändler und flexibler Gesprächspartner. Die gefürchtete Eisenbahnergewerkschaft, die "Cheminots", nannte ihn gar den "besten Präsidenten, den die SNCF jemals gehabt hat". Und das, obwohl der diskrete Manager im Laufe von zehn Jahren 13.000 Stellen abgebaut hat.

Auch auf ganz anderem Gebiet zeigte Gallois als SNFC-Chef seine Fähigkeit zum Ausgleich: Beim Umgang mit der umstrittenen Vergangenheit der SNCF in der Zeit der Nazi-Besatzung, als die französischen Staatsbahnen Tausende von Juden in die Vernichtungslager transportierten. Ein höchst explosives Thema in Frankreich. Es habe "Züge der Freiheit" und "Züge des Todes" gegeben, sagte Gallois also im Jahr 2000 anlässlich eines historischen Kolloquiums. "Das kollektive Gedächtnis hat vor allem die ersteren in Erinnerung behalten und die letzteren verdrängt, zweifellos, weil der Schmerz zu groß war. Doch heute müssen wir die Verantwortung für diese Licht- und Schattenseiten voll übernehmen."

Wegen seiner Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen den richtigen Ton zu finden, löste Gallois nicht zuletzt den Franzosen Christian Streiff im Oktober an der Airbus-Spitze ab: Der hatte sich so kompromisslos und brüsk verhalten, dass er schon nach wenigen Wochen das Amt wieder abgeben musste.

Doch die Aufgabe, die der 63-Jährige jetzt bewältigen muss, könnte sich selbst für den Super-Diplomat als unlösbar erweisen. Nach bisherigen Kenntnissen sollen 10.000 Stellen bei Airbus gestrichen werden. Auch sonst wird der Sanierungsplan, den Gallois gerade intern durchzusetzen versucht, wohl ausgesprochen schmerzhaft für viele Beteiligte. Und die Umstände sind schwierig wie selten: Deutsche Politiker verschiedenster Couleur setzen sich nach Jahren der Zurückhaltung lautstark für die Interessen der heimischen Standorte ein. In Frankreich stehen im Frühjahr Präsidentschaftswahlen ins Haus. Jobabbau gehört traditionell nicht zu den Versprechen, die in solchen Zeiten gemacht werden. "Allein gegen alle", drohe Gallois sich wieder zu finden, schrieb die Wirtschaftszeitung "Les Echos" Anfang der Woche.

Tatsächlich konnte der Mann mit der Glatze und den abstehenden Ohren seinen "Power8" getauften Plan in dieser Woche nicht wie geplant veröffentlichen, weil das EADS-Board - allen voran die deutschen Vertreter - seine Vorschläge nicht akzeptieren wollte. Gallois verlangte in einer anschließenden Erklärung ungewohnt ungeduldig, jetzt müssten "nationale Überlegungen überwunden werden".

Trotzdem: Wenn einer das schaffen kann, dann Gallois, so heißt es in Frankreich. Der im Südwesten des Landes geborene Beamte hat die Standardschulung der französischen Verwaltungselite hinter sich: die Hochschule für Handelsstudien HEC und die Kaderschmiede Ecole Nationale de l'Administration. Er kennt sich auch in der Luftfahrt aus - schließlich leitete er den staatlichen Flugzeugmotorenbauer SNECMA und die Aérospatiale, die 1999 in Airbus aufging. Schon in dieser Zeit entstand sein Ruf als ausgleichender Mensch, der eine Firma konsolidieren konnte, ohne über Leichen zu gehen.

In einer Hinsicht allerdings könnte Gallois sich schwer tun. Denn auch wenn er widerstreitende Interessen stets geschickt in Einklang bringen konnte, so diente er doch immer nur einem Herrn - dem französischen Staat. Und das überaus ergeben, wie zumindest die Anekdote nahe legt, wie er zu seinem Job bei der Staatsbahn kam: Als 1996 der damalige konservative Regierungschef Alain Juppé wegen eines Skandals an der SNCF-Spitze einen neuen Manager suchte, rief er demnach Gallois an und sagte: "Louis, ich ernenne Dich zum SNCF-Präsidenten." Kein Angebot, kein Vorschlag - ein Befehl. Und der treue Staatsdiener Gallois gehorchte.

Nun muss er auch die deutsche Seite für sich gewinnen, und sich damit als Diplomat wohl selbst übertreffen.

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