Airbus-Krise Ex-Chef Pierson gibt Deutschen die Schuld

Airbus steckt in der Sackgasse, glaubt der einstige Chef Pierson, und schuld dran seien die Deutschen. Sie nutzten die Krise wieder einmal, um Vorteile für die eigenen Standorte herauszuleiern. So sei es immer schon gewesen: Den Bau des Erfolgsfliegers A320 hätten sie sogar um ein Haar verhindert.


Hamburg - Jean Pierson sieht rabenschwarz: Für die Airbus-Krise gibt es keine Lösung, glaubt der Ex-Airbus-Chef - zumindest nicht, wenn deutsche und französische Aktionäre in dem Maße an dem Flugzeugbauer beteiligt blieben, wie es derzeit der Fall ist. In einem Interview mit der Wirtschaftszeitung "Les Echos" wettert der Franzose, der von 1985 bis 1998 an der Airbus-Spitze stand, über die deutsch-französische Doppelstruktur - und lästert unverblümt über die vermeintlich renitenten Partner.

Airbus-Ex-Chef Pierson: "Das wird niemals aufhören"
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Airbus-Ex-Chef Pierson: "Das wird niemals aufhören"

Die aktuelle Patt-Situation wundere ihn nicht, schimpft der 66-Jährige: Jedes Mal, wenn Airbus etwa ein neues Flugzeug auf den Markt brachte, "haben die Deutschen immer die Gelegenheit genutzt, um zu verhandeln und ihren Arbeitsanteil zu erhöhen - sowohl im quantitativen wie auch im qualitativen Sinne." Kein Wunder, dass auch die aktuellen Gespräche über den neuen Sanierungsplan "Power8" in der Sackgasse steckten, findet Pierson. Er kenne die Vorschläge, die EADS Chart zeigen-Co-Chef Louis Gallois gemacht hat, zwar nicht, "aber ich habe keinerlei Zweifel, dass sie sehr solide und vernünftig in wirtschaftlicher wie in sozialer Hinsicht sind und auch sehr gerecht verteilt sind." Doch die Deutschen nutzten wieder einmal die Situation, "um Sachen in Frage zu stellen und neue Vorteile für sich herauszuholen."

Pierson ist für sein Temperament bekannt - einmal soll er bei Verkaufsverhandlungen mit den Worten 'Ich kann nichts mehr geben' im Wortsinne die Hosen bis zu den Knöcheln herunter gelassen haben. Insofern kommt seine ellenlange Abrechnung mit den einstigen Partnern nicht allzu überraschend. Schon bei der Entwicklung des A320 - an der er maßgeblich beteiligt war - habe er mit denen so seine Erfahrungen gemacht.

Wenn man Pierson Glauben schenken darf, hätten die Deutschen die Produktion des späteren Verkaufsschlagers sogar um ein Haar verhindert: Sie hätten die Maschine zunächst nicht gewollt, "weil die Lufthansa davon keine haben wollte". Schließlich habe man ihnen große Teile der Produktion des A320 überlassen müssen, die im französischen Saint-Nazaire eigentlich viel besser aufgehoben gewesen wären. So sei es in der Folgezeit immer weitergegangen, erklärt Pierson, "und das wird niemals aufhören!"

Die Franzosen waren in vielerlei Hinsicht die Gelackmeierten bei dem Zusammenschluss Airbus - so die Quintessenz des Franzosen, unter dessen Ägide Airbus lange noch eine lose Kooperation einzelner Unternehmen war, ein Groupement d'Intérêt Economique (GIE). Die französischen Unternehmen, die in Airbus aufgingen, hätten 60 Prozent der Technik und des ökonomischen Gewichts beigesteuert - nun würden sowohl die Erfolge als auch die Probleme genau geteilt.

Im Rahmen des GIE hätten die Deutschen für die Verspätungen beim A380 zahlen müssen, so Pierson weiter. "Weil das System vorsah, dass derjenige, der für die Verspätung bei der Produktion verantwortlich ist, 80 Prozent der daraus entstehenden Kosten zu tragen hatte." Und dass die Probleme des A380 allein die Deutschen verantworten, daran besteht für Pierson kein Zweifel. Schließlich seien die Kabelbäume in Hamburg nicht ordentlich gebaut worden. Dass die Probleme auch durch die Sonderwünsche der Kunden verursacht wurden, die französische Manager einen nach dem anderen abnickten, erwähnt er nicht.

Er weiß nur eins: "EADS ist ein Konzern, der in der Sackgasse steckt. Ich weiß nicht, welche Seite Konzessionen machen würde. Wir können bei dieser französisch-deutschen Rivalität nicht bleiben, bei diesem zerstörerischen Klima und diesem unregierbaren System." Auswege gebe es eigentlich nur zwei: Entweder das Unternehmen geht wieder den Schritt hin zu einem GIE - was eigentlich nicht praktikabel sei - oder aber EADS mache sich auf die Suche nach neuen Investoren - damit die Aktionärsstruktur diversifiziert werde und Airbus ein Unternehmen "mit ganz normaler Führungsspitze wie bei Boeing Chart zeigen oder bei BAE Systems Chart zeigen". Die Großaktionäre DaimlerChrysler Chart zeigen und Lagardère hätten in der Luftfahrt ohnehin "nichts mehr verloren".

ase



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