Airbus Trübe Aussichten für europäische Werke

Mit einer rigorosen Reform der Fertigung und drastischen Sparmaßnahmen will der neue Airbus-Chef Christian Streiff dem weltgrößten Anbieter von Passagierflugzeugen langfristig die Pole Position sichern. Noch ist nichts beschlossen, aber schon jetzt lässt sich absehen: für die europäischen Werke wird es eng.

Paris - Die schwierigen Entscheidungen wollten die EADS-Manager heute noch nicht treffen. Dabei herrscht über den nötigen Kurswechsel grundsätzlich Einigkeit. Die Airbus-Fertigung soll billiger, schneller und schlanker werden. Das heißt auch: Sie wird künftig deutlich weniger europäisch sein.

Die französische Gewerkschaft CGT erwartet, dass Airbus vier Jahre lang jedes Jahr eine Milliarde Euro einsparen muss. Pessimisten in Toulouse sprechen sogar von zehn Milliarden Euro bis 2011.

Im Mittelpunkt des Interesses steht derzeit die Standortfrage für die A380-Fertigung. Sollen sich Hamburg und Toulouse die Hauptanteile weiter teilen oder sollte sich lieber der eine Standort auf die kleinen Modelle und der andere auf Großflugzeuge konzentrieren?

Doch die Produktionsfrage geht weit über den A380 und sogar weit über den Airbus-Konzern hinaus. Die Diskussion geht dahin, beim Langstreckenmodell A350 und beim Nachfolger der A320-Familie mehr Aufträge nach Russland, Indien oder China zu vergeben. Der Kapitaleinstieg der Russen bei EADS und die Vorbereitung einer A320-Fertigungsstraße in China kommen da zum Ausbau der Partnerschaften gerade recht. Diese Ostverschiebung der Fertigung ist nicht grundsätzlich neu. Der Trend in den "eurasischen Dollarraum" würde nur kräftig verstärkt. Für die 17 Airbus-Werke in Europa würde dies bedeuten: weniger Aufgaben, weniger Arbeitsplätze und mehr Konkurrenzdruck. Analysten von Goldman Sachs sehen bereits sieben Airbus-Werke auf der Kippe stehen.

Lieferanten unter Druck

Nach dem Vorbild der Autoindustrie dürften zudem die Lieferanten unter Druck geraten, billiger in Osteuropa oder Asien zu produzieren. Damit geht es nicht nur um die 57.000 direkten Airbus-Jobs, sondern um noch viel mehr Arbeitsplätze in der Zulieferbranche. Schon jetzt gilt für Airbus ein Einstellungsstopp; alleine in Toulouse werden im laufenden Halbjahr 1400 Zeitverträge nicht verlängert.

Eine weitere schwierige Aufgabe steht Airbus noch bevor: die Rückgewinnung des Vertrauens der Fluggesellschaften in seine Zuverlässigkeit. Ausgerechnet seine treuesten Kunden hat der Flugzeugbauer verprellt. Wer sich vom A380-Hype mitreißen ließ, muss jetzt Einsatzpläne und Flottenprogramm überarbeiten. Wer sich als Startkunde für den Langstreckenjet A350 entschied, ist nicht besser dran. Denn das Programm hat nach einem Neuentwurf schon zwei Jahre Rückstand, bevor es richtig angelaufen ist. Jetzt muss Airbus den vergrätzten Kunden nicht nur Entschädigungen zahlen, sondern auch verhindern, dass sie zu Boeing abwandern. Heute blieb offen, welche Botschaft EADS für die Fluggesellschaften hat.

Kein Zweifel, Airbus ist in der Krise. Doch der Flugzeugbauer sei kein Sanierungsfall, betont der deutsche EADS-Co-Chef Tom Enders. Wegen der Fertigungsprobleme bei zwei scharf vom Markt beobachteten Programmen gerät aus dem Blickfeld, dass in diesem Jahr eine Rekordproduktion von mehr als 400 Flugzeugen zu erwarten ist, und dass auch bei Boeing nicht alles rund läuft. Um weiter vorne zu bleiben, hat EADS bereits die Airbus-Budgets für Technologieentwicklung auf 450 Millionen Euro verdoppelt. In den kommenden Wochen geht es darum, bei der Fertigung die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Von Hans-Hermann Nikolei, dpa-AFX