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15. Juni 2005, 17:22 Uhr

Airbus vs. Boeing

Offener Schlagabtausch in Le Bourget

Die Erzrivalen Boeing und Airbus machen bei der Luftfahrtschau in Le Bourget bei Paris aus ihrer gegenseitigen Abneigung kein Geheimnis. Während Airbus die Amerikaner mit neuen Aufträgen für das Langstreckenflugzeug A350 angreift, attackiert Boeing lautstark staatliche Beihilfen für die Europäer. Allerdings sprach sich der US-Konzern auch dafür aus, den Rivalen bei Ausschreibungen von Milliarden-Aufträgen für US-Streitkräfte zuzulassen.

Luftfahrtschau in Le Bourget: "Wir können alles auf den Tisch legen"
REUTERS

Luftfahrtschau in Le Bourget: "Wir können alles auf den Tisch legen"

Paris - Boeing zeigte sich im Subventionsstreit mit Airbus kämpferisch. Die Vorstellung, der transatlantische Vertrag von 1992 über Luftfahrthilfen erlaube Starthilfekredite für den Airbus A350, sei falsch, sagte Boeing-Präsident Lew Platt der Nachrichtenagentur dpa. Der Vertrag sei 2004 gekündigt worden und gelte nicht mehr.

Airbus argumentiert, der Vertrag laufe bei einjähriger Kündigungsfrist erst Anfang Oktober aus. Außerdem rechnen die Europäer die Darlehen gegen US-Steuererleichterungen, Regionalhilfen und Förderungen aus dem Raumfahrt- und Rüstungsbudget auf. "Wir können das alles bei der Welthandelsorganisation auf den Tisch legen", sagte Platt nun mit Blick auf ein drohendes Verfahren bei der WTO. Boeing erhalte keine Förderung, die Airbus nicht auch bekommen könne. Nur die europäischen Programmstart-Hilfen seien ein Sonderfall.

Vor dem Hintergrund des WTO-Streits sprach sich der Boeing-Präsident allerdings auch gegen eine Marktabschottung aus. "Ich will Wettbewerb sehen", sagte er der "Financial Times Deutschland". Er forderte eine Zulassung des europäischen Flugzeugkonzerns EADS bei der milliardenschweren Ausschreibung von Tankflugzeugen für die US-Streitkräfte. Aus der Sicht des Steuerzahlers sei das zu begrüßen, sagte Platt. Damit distanzierte sich der Boeing-Manager von einer Initiative von US-Senatoren, die den EADS-Konzern und dessen Tochter Airbus von den Aufträgen des US-Verteidigungsministeriums ausschließen wollen, solange der Streit über die Flugzeugfinanzierung nicht gelöst ist.

Allerdings forderte Platt im Gegenzug einen offenen Zugang zu den europäischen Märkten für US-Konzerne. Er sei kein Anhänger einer Marktabschottung, wie sie derzeit im Zusammenhang mit dem WTO-Streitfall diskutiert wird. Er gehe davon aus, dass die strittigen Punkte zwischen den USA und der EU bei der Flugzeugfinanzierung auf dem Verhandlungsweg gelöst werden könnten, sagte Platt.

Erst gestern hatte Thomas Enders, der designierte Co-Chef der Airbus-Mutter EADS , den Wettbewerber aus Amerika scharf angegriffen. "Boeing will uns vom US-Markt fernhalten, weil sie wissen, dass wir mit einem überlegenen Produkt kommen", sagte Enders in einem Zeitungsinterview. Zuvor hatte sich der europäische Luftfahrtkonzern seinerseits bereit erklärt, auf zinsverbilligte Kredite für die Entwicklung der A350 zu verzichten, wenn es ein neues Abkommen zwischen Europa und den USA gebe. "Wir sind bereit, auf Anschubhilfen zu verzichten, deshalb sollte sich auch Boeing beweglich zeigen", sagte Enders.

Airbus nutzt die Pariser Schau zugleich für spektakuläre Bekanntgaben von A350-Verkäufen. Der Flugzeughersteller hat die 100. Bestellung für den neuen Langstreckenjet in seine Bücher geschrieben. Wie Airbus mitteilte, orderte das Leasingunternehmen GE Capital Aviation Services (GECAS), eine General-Electric-Tochter, zehn Maschinen. Ausgeliefert werden sollen die Flugzeuge ab 2010, sagte GECAS-Präsident Henry Hubschman.

Airbus-Chef Noël Forgeard hatte am Vortag auf der Luftfahrtschau in Paris mitgeteilt, er rechne damit, dass Airbus bis Ende dieser Woche 110 bis 120 Aufträge für das Flugzeug hat. Der neue Langstrecken-Jet steht in Konkurrenz zur 787 "Dreamliner" von Boeing. Allerdings liegt Airbus im direkten Vergleich der beiden Flugzeuge weiterhin deutlich hinter Boeing zurück. Die US-Amerikaner haben bereits knapp 270 Bestellungen vorliegen. Zudem soll der "Dreamliner" bereits 2008 in den Markt starten, zwei Jahre früher als der Konkurrenzjet aus Europa.

Die Amerikaner demonstrierten daher Gelassenheit. "Wir haben in Le Bourget weniger Boden verloren als erwartet", sagte Boeing-Präsident Platt. "Wir haben im ersten Halbjahr mehr Bestellungen reingeholt als im ganzen Vorjahr, und das geht weiter so."

Die nächste Front im Kampf der Flugzeuggiganten zeichnet sich bereits ab. Im Wettstreit mit Airbus dürfte Boeing bald eine verlängerte 747-Version für 450 Passagiere präsentieren, der gegen den neuen 555-Sitzer A380 antritt. Die Konzernführung werde sich Ende Juni mit dem Thema befassen, sagte Platt. Das Multimilliarden-Programm stoße auf großes Interesse der Kunden. "Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir darauf verzichten." Nach früheren Boeing-Angaben wollen 60 Prozent der potenziellen Kunden die Frachtversion und 40 Prozent die Passagierversion.

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