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MOTORRÄDER Akrobatische Jungs

Nach sechs fetten Jahren steht die Motorradbranche vor einem Einbruch. Horrende Versicherungsprämien vergällen den Fans das Hobby.
aus DER SPIEGEL 6/1977

Shogo Iizuka, Deutschland-Manager des japanischen Auto- und Motorradkonzerns Honda, hatte eine für seinen Berufsstand seltene Einsicht; »Es ist nicht gut«, fand er letzte Woche, die Preise immer zu erhöhen.«

Wenige Tage zuvor hatte seine Firma diese Devise sogar überboten. Gemeinsam mit den Konkurrenten Yamaha (Marktanteil rund 21 Prozent) senkte Honda (Marktanteil etwa 40 Prozent) die Motorradpreise um 5 bis 8,5 Prozent.

Diese »handfeste Überraschung« (Honda-Werbung) hat handfeste Gründe. Nach sechs Boomjahren mit Zuwachsraten von bis zu 83 Prozent wird es diesmal knapp werden: Billigimporte aus Großbritannien, ein wachsender Handel mit gebrauchten Maschinen, vor allem aber die ungewöhnlich scharfe Anhebung der Versicherungsprämien für Motorräder dämpften die Erwartungen der Branche und entfesselten einen harten Preiskampf.

Fast 900 statt bisher 300 Mark kostet künftig die Haftpflichtversicherung für eine 250-Kubikzentimeter-Maschine, 27 PS, im Jahr; nahezu 2000 Mark statt bisher 1000 Mark muß für die »schweren Brocken« mit mehr als 50 Pferdestärken bezahlt werden.

Dieser »Knüppel aus dem Sack« (das Fachblatt »Motorrad") gefährdet nach Ansicht von Ulrich Siedler. Motorradverkäufer und Funktionär im Verband des Deutschen Zweiradhandels, die ganze Branche. Er glaubt nicht, »daß bei den Käufern noch soviel Luft drin ist«. Siedler nimmt deutschen Herstellern und Importeuren übel, daß sie »nichts gegen die Prämienerhöhung getan haben«.

Und Manfred Baecker vom japanischen Stahl- und Motorradunternehmen Kawasaki hätte vom Verband der Motorradindustrie gar eine passende »Aktion« erwartet.

Iizuka sieht das gelassener. Er hält die Prämienerhöhung für unabweisbar. »Wir haben leider tatsächlich viele Unfälle.«

Die Zahlen der Bundesstatistik stützen diese Einsicht. In den ersten acht Monaten des vergangenen Jahres stieg die Zahl der tödlich verletzten Motorradfahrer um 5.4 Prozent -- bei Autofahrern sank diese Todesrate um 4,3 Prozent. Fast ein Fünftel mehr Schwerverletzte und fast ein Viertel mehr Leichtverletzte sorgten für hohe Defizite der Motorradversicherer.

Die Schreckenszahlen, meint Karlheinz Jedamus von der Allianz, sind vor allem die Folge der großen Zahl und der kleinen Erfahrung der Fans. Nach 26 794 im Jahre 1972 wurden 1975 bereits 43 275 und im letzten Jahr 56 800 Motorräder neu zugelassen. Bei Motorradunfällen wird es überdies mangels Knautschzone -- rasch ernst und teuer. »Beim Motorrad geht der Stoß immer gleich auf den Mann« (Jedamus).

Deshalb, findet ADAC-Sprecher Klaus Peter Heim, wären sogar Prämienerhöhungen von mehr als 100 Prozent durchaus berechtigt: »Würde man die Motorräder die Schäden, die sie verursacht haben, voll bezahlen lassen. hätte für einzelne Typen um 250 Prozent erhöht werden müssen.« Die Differenz, so klagt die Auto-Lobby, zahlten nun die Autofahrer mit.

Diesen Vorwurf mag Händler Siedler nicht auf seinen Kunden sitzenlassen. »Die haben zwar vorne keine Stoßstange und keinen Mercedesstern, die Jungs fahr'n aber wie die Akrobaten.« Bei 20 Unfällen, so will Siedler unter seiner Kundschaft erforscht haben, trägt nur in einem Fall der Motorradfahrer die Schuld.

Horst Spintler. Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing der BMW Motorrad GmbH, hält von solchen Rechnungen nichts. Auch die Anhebung der Versicherungsprämien werde Absatz und Gewinn seiner Firma nicht bremsen. Für die bulligen BMWs rechnet Spintler lediglich mit Versicherungsmehrkosten von »200 Mark pro Saison«. Denn nach dem neuen Tarifwerk würden die Versicherer schon nach drei schadensfreien Jahren einen Rabatt von 50 Prozent (bisher nach vier Jahren höchstens 30 Prozent) gewähren. Und dem Motorradfan. der sein Hobbygerät für die kalte Jahreszeit abmeldet, gehe dieser Rabatt nicht verloren.

Die Preispolitik der Japaner versteht Spintler schon gar nicht: »Wir denken drüber nach, wie wir die Preise erhöhen können.« Erfüllt von »realistischem Optimismus«, wollen die Bayern ihr Berliner Motorradwerk auf eine Jahreskapazität von 60 000 Maschinen (bisher 30 000) ausbauen (siehe Seite 33).

Spintlers Firma hat allerdings einen Startvorteil. Zwei Drittel der Produktion gehen ins Ausland.

Fast schadenfroh registriert der BMW-Manager den Preiskampf der Japaner. Die Yahama-Honda-Aktion' vermutet er, richte sich vor allem gegen die Kawasaki-Verkäufer, die ihren bescheidenen Marktanteil von fünf Prozent ausbauen wollen. »Die spucken sich gegenseitig in den Markt.«

Ein paar Spritzer werden auch die Bayern abbekommen. Denn die Händler -- berichtet Siedler -- merken bei ihren Kunden: »Die glauben. in allen Preisen ist Luft.«

Den rechten Glauben an die Preiswahrheit verlieren die Motorradfans ohnehin. wenn sie in den Fachblättern die Anzeigen vom grauen Markt lesen. Da werden fabrikneue Honda-Maschinen. etwa das Paradestück »Gold Wing«, bis zu 2000 Mark unter dem Listenpreis von rund 9000 Mark angeboten.

Zwar sind die Stückzahlen strittig -- die Schätzungen schwanken zwischen 250 und 1000 Stück pro Jahr. Doch den Händlern macht der graue Markt »schwer zu schaffen« (Siedler).

Die Preisbrecher fahren laut Siedler »per Hovercraft mit Kleinlaster am Freitag nach England, am Samstag mit vier Maschinen zurück. Am Sonntag werden rote Blinklichter und Meilentacho ausgetauscht, am Montag geht's zum TÜV, und am Dienstag wird verkauft« -- zum Vorteil der gesamten Motorradfahrergilde: Unter Hinweis auf die Billigangebote setzen viele Käufer über die verkündeten Preissenkungen hinaus ansehnlichen Nachlaß durch.

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