Aktienkauf auf Pump "Gier in die Augen geschrieben"

Alle wollen Aktien kaufen - selbst die Unglücklichen, die in Zeiten des Börsenbooms nur wenig Kapital haben. Kreditanfragen bei vielen Banken steigen. Experten warnen vor dem Platzen der auf Pump finanzierten Blase. Doch das deutsche Sicherheitsdenken könnte die Verschuldung des Volkes verhindern.

Hamburg - "Sie glauben ja gar nicht, wie groß der soziale Druck ist", sagt Hans Schmid, Pressesprecher des Sparkassenverbandes Bayern. "Wenn Ihnen jemand am Stammtisch erzählt, er habe 20.000 Mark mit Aktien verdient, dann stehen Sie blöd da, wenn Sie keine haben".

Die Deutschen sind berauscht von Börsenkursen, und um ihren Einsatz beim riskanten Spiel erhöhen zu können, fragen viele nach so genannten Wertpapierkrediten. Den bekommt fast jeder: Oft reicht schon der Besitz eines Aktiendepots. Je nach Bank kann der Kunde dann einen Anteil des Depots beleihen - meistens fünfzig Prozent. Eine weitergehende Bonitätsprüfung findet in vielen Fällen nicht statt. Die Direkt Anlage Bank beispielweise garantiert jedem Spekulanten die fünfzig Prozent zusätzliches Kapital - Depotvolumen und sonstiger finanzieller Hintergrund des Kunden spielen keine Rolle.

Die Nachfrage nach Wertpapierkrediten habe eindeutig zugenommen, sagt Schmid. "So einen Trend gibt es immer, wenn den Anlegern die Gier in die Augen geschrieben ist", sagt auch Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Konkrete Zahlen jedoch können sie nicht nennen.

Schmid schätzt die Hälfte der Bittsteller als börsenerfahren ein, die andere Hälfte sei neu auf dem Parkett. Insbesondere Letztere wiesen die Sparkassen nach einer Bonitätsprüfung oft ab, sagt Schmid. Auch könnten für den Wertpapierkauf nur Wertpapiere, nicht jedoch Häuser, Lebensversicherungen oder Grundstücke beliehen werden: "Wir tun den Leuten damit einen Gefallen." Mathias Hajek, Pressesprecher der Comdirect Bank, stimmt zu: "Wir müssen die Leute vor sich selbst schützen." Bei der Comdirect-Bank sind nur die Kunden kreditwürdig, deren Depot mindestens 10.000 Euro wert ist. Probleme mit bankrotten Spekulanten habe es noch nicht gegeben, sagt Hajek. Kredite dienten der kurzfristigen Spekulation und würden meist nach zwei, drei Tagen wieder ausgeglichen.

Während der Aktienkauf auf Pump den Boom anheizt - in manchen Augen eine verderbliche Entwicklung -, sind die Chancen gering, dass Habenichtse sich auf der Jagd nach dem großen Geld bis über beide Ohren verschulden. Dazu sind die Sicherheitsvorkehrungen der deutschen Banken zu gut. "Unsere Schutzvorkehrungen sind international vorbildlich", sagt Hocker. Nach dem Börsen-Crash von 1987 seien zusätzliche Regeln eingeführt worden - unter anderem die Beratungspflicht: So müssen Banken die Spekulanten auf die besonderen Risiken des Aktienhandels hinweisen, in Einzelfällen auch abraten. "Natürlich gibt es immer wieder schwarze Schafe", räumt Hocker ein. Doch die großen Banken und Wertpapierhäuser sorgten zuverlässig dafür, dass das Spielen mit geliehenem Geld nicht außer Kontrolle gerät.

Das deutsche Sicherheitsdenken, sowohl bei Banken als auch bei Anlegern, sei das beste Bollwerk gegen das Schuldenmachen, hofft auch Reinhild Keitel, Vorstand bei der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Doch was genau passiert, wenn die Kurse fallen, weiß niemand. Erst dann würde das ganze Ausmaß der Volksverschuldung zum Vorschein kommen und die vom Börsenhimmel Gestürzten der DSW die Türen einrennen - wie damals 1987.

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