Aktienpsychologie Überleben an der Crash-Börse

Mehr als 50 Prozent Verlust im Dax in 13 Monaten, extreme Kursschwankungen: Aktienbesitzer und Fondssparer brauchen starke Nerven - und neue Ideen, denn der Markt hat sich verändert. Acht wichtige Lehren der Börsenkrise.

Die alten Regeln gelten nicht mehr: Alles, was Anlegern in den vergangenen Jahren Halt und Orientierung gegeben hat, scheint außer Kraft gesetzt. Zum Beispiel das Mantra, dass man Schwankungen am besten aussitzt und sich am Ende über eine schöne Langfristrendite freut. Dass die US-Notenbank uns rettet, wenn es mal brenzlig wird. Dass diejenigen die höchsten Renditen erzielen, die Mut zeigen, wenn andere sich fürchten. All das ist Geschichte.

Börsianer in Frankfurt: "Man verliert das Gefühl für Summen"

Börsianer in Frankfurt: "Man verliert das Gefühl für Summen"

Foto: DDP

Das Vertrauen, Grundvoraussetzung für funktionierende Finanzmärkte, ist weg. Ohne Vertrauen keine Geschäfte, ohne Geschäfte keine Erholung. "An der Börse regiert die Unsicherheit", sagt Joachim Goldberg, geschäftsführender Gesellschafter von Cognitrend und Fachmann für Finanzmarktpsychologie. "Es gibt nichts, was Anleger so sehr hassen wie Unsicherheit."

In diesem von Unsicherheit und Angst beherrschten Markt sind alte Gewissheiten zum Teil auf den Kopf gestellt. Neue Erkenntnisse können helfen in der Crash-Börse zu bestehen.

Erste Erkenntnis: Der Absturz ist ohne Beispiel

Die erste Einsicht inmitten der Psychobörse lautet: Dieser Crash ist anders. "In dieser Krise fehlen historische Vergleiche - Bezüge zum Dotcom-Crash oder zur Großen Depression helfen nicht weiter", sagt Goldberg. Doch Menschen brauchen Muster, um etwas einordnen und bewältigen zu können.

Niemand kann derzeit seriös abschätzen, wann es wieder bergauf geht. Fed-Chef Ben Bernanke schürte in dieser Woche vor dem US-Kongress die Hoffnung, bereits 2010 könne ein "Jahr der Erholung sein" - aber auch nur dann, wenn die Rettungsmaßnahmen greifen.

Skeptiker gehen dagegen von drei Jahren Rezession aus, die den Dax   noch weiter drücken dürfte: "Wir haben es schließlich mit einer Kredit-, Immobilien- und Aktienkrise zu tun", sagt Analyst Michael Stenger von CIS Asset Management. Wer sich zu früh vorwagt, kann viel Geld verlieren: Börsianer sehen derzeit nur einen großen, schwarzen Raum.

Zweite Erkenntnis - Milliardenhilfen ohne Wirkung

Derzeit wird so viel Geld zur Stabilisierung der Wirtschaft ausgegeben, dass es beängstigend und nicht beruhigend ist. 50 Milliarden Euro etwa für das deutsche Konjunkturpaket II, 800 Milliarden Dollar von der US-Administration.

Doch was bedeutet das, wenn allein die Hypo Real Estate bereits rund hundert Milliarden Euro braucht, um nicht sofort zu kollabieren? Wenn General Motors in drei Monaten zehn Milliarden Dollar Verlust erwirtschaftet? Wenn der Verfall der Häuserpreise die US-Konsumenten insgesamt bis zu acht Billionen Dollar kosten könnte?

"Anleger beschleicht das Gefühl, dass es ein schwarzes Loch gibt, in dem alles zu verschwinden droht", sagt Goldberg. Besonders die Finanzinstitute haben in den vergangenen Monaten das Bild eines Fasses ohne Boden vermittelt. "So lange die Ausmaße des Schadens nicht abzuschätzen sind, schaffen die Milliardenhilfen von Regierungen und Notenbanken kein Vertrauen", folgert der Börsenpsychologe.

Jérôme Kerviel, der berüchtigte Börsenhändler, der die Société Générale   an den Rand des Ruins spekulierte, hat es bereits treffend beschrieben: "Man verliert das Gefühl für Summen".

Dritte Erkenntnis - Schwankungen auszusitzen ist teuer

Dass Milliardenhilfen zu versickern drohen und der historische Bezugsrahmen fehlt, ist beunruhigend genug. Vollends pulverisiert wird die Gelassenheit der Investoren aber dadurch, dass auch die Langfristrenditen inzwischen erbärmlich ausfallen.

Wer seit zehn Jahren regelmäßig Geld in deutsche oder europäische Aktienfonds anlegt, hat Geld verloren. Bei europäischen Aktienfonds bleibt selbst nach 20 Jahren inflationsbereinigt kaum noch etwas übrig.

Der Glaubenssatz der Fondsbranche, dass man Schwankungen am Aktienmarkt gelassen aussitzen könne, weil Aktien in Verbindung mit Zeit eine bessere Rendite bringen als Omas Sparbuch, ist schwer beschädigt.

Auf Zehnjahressicht triumphiert bereits Omas Sparbuch. Viele Anleger verlieren deshalb die Geduld, verkaufen - auch jetzt noch - mit Verlusten. Lieber Minizinsen als noch mehr Stress. Das Prinzip "Kaufen und Halten" hat ausgedient.

Vierte Erkenntnis - antizyklische Strategien bringen wenig

Wenn die Herde verängstigter Investoren erst einmal flieht, dann nutzt es wenig, sich ihr entgegenzustellen. "Sei gierig, wenn andere sich fürchten", sagt Investorenlegende Warren Buffett: Doch diese Gier muss man sich leisten können, muss viel Geld zum Nachkaufen und notfalls auch viel Zeit bis zur Trendwende haben. "Man sollte nicht in die sprichwörtlichen fallenden Messer greifen - erst recht nicht, wenn an der Börse die Angst regiert", sagt Goldberg.

Staatsfonds aus Singapur und den Ölstaaten, die bereits Ende 2007 bedrängten US-Banken mit Kapital aushalfen, haben bislang viel Geld verbrannt. Christopher Flowers wurde im April 2008 als mutiger antizyklischer Investor gefeiert, als er bei seinem Einstieg bei der Hypo Real Estate 22,50 Euro pro Aktie zahlte. Inzwischen pokert Flowers mit der Bundesregierung um einen Preis zwischen zwei und drei Euro pro Aktie  .

Oder der Kursabsturz der Commerzbank  : Im September durchschlug die Aktie die Marke von 15 Euro. Anfang Oktober kostete sie zehn, Anfang Januar fünf. Heute kostet sie weniger als drei Euro. Schlimmer geht immer.

Fünfte Erkenntnis - günstige Aktien sind nicht günstig

Im Abwärtssog verlieren auch Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ihre Bedeutung. Ein scheinbar günstiges KGV wird unattraktiv, wenn wie derzeit die Gewinne der Unternehmen noch rascher einbrechen als die Kurse.

Selbst Aktien, die wie der Autobauer BMW   derzeit unter ihrem Buchwert notieren, locken derzeit nur wenige Investoren an: Dabei beziffert der Buchwert sämtliche Vermögenswerte, sprich die Substanz des Unternehmens.

Doch selbst dieser Wert verliert als Kaufsignal an Glanz, wenn große Unsicherheit herrscht. "Wenn man nicht weiß, ob ein Unternehmen die Krise überstehen oder möglicherweise mit einem Konkurrenten verschmolzen wird, hält man sich mit solchen Berechnungen besser zurück", sagt Goldberg. "In einem Umfeld, in dem vieles immer noch nicht als bewertbar erscheint, greifen viele klassische Kennziffern nicht."

Sechste Erkenntnis - Anleihen taugen nicht als Ausgleich

In den alten Zeiten sorgte die Streuung der Anlagen für Sicherheit. Wenn Aktienkurse fielen, legten Anleihen gewöhnlich zu. Doch wenn nicht nur eine steigende Zahl von Unternehmen, sondern inzwischen selbst einige Staaten von der Pleite bedroht sind, bieten Unternehmens- oder Staatsanleihen keinen Anker.

Die Kurse der Zinspapiere schwanken stark: Der IWF hat den Staatsbankrott von Island vorerst verhindert, die Ratingagentur Standard & Poor's hat den Euro-Ländern Spanien, Portugal und Griechenland schlechte Bonitätsnoten verpasst. In Osteuropa drohen einzelne Staaten unter hohen Schulden zusammenzubrechen.

Auch Öl- und Rohstoffpreise stürzen derzeit parallel mit Aktien. Früher verhielten sich diese Anlageklassen oft gegensätzlich und konnten als ausgleichendes Instrument dienen. Vorbei. Lediglich Gold   ist derzeit als klassische Krisenwährung gefragt: Doch auf einem Niveau von knapp tausend Dollar je Unze ist es ein höchst spekulatives Investment. "Je höher die Euphorie an einem Markt, desto vorsichtiger sollte man sein", sagt Goldberg.

Siebte Erkenntnis - niedrige Zinsen sind keine Stärkung

Bleibt die US-Notenbank, der über Jahrzehnte stärkste Verbündete der Wall Street. Jahrelang wurden die Zinssenkungsorgien Alan Greenspans von der Börse gefeiert. Jetzt ist die Hypotheken- und Schuldenblase, die daraus entstand, geplatzt, und Greenspans Nachfolger Ben Bernanke steht mit dem Rücken zur Wand. Der Leitzins ist faktisch bei null angekommen, das Instrument ist ausgereizt.

Nun kann die Fed "neue Wege beschreiten" und etwa US-Staatsanleihen aufkaufen, wie Bernanke angedeutet hat. Dies wäre die Finanzierung eines ausufernden US-Defizits per Notenpresse: Das Defizit für das laufende Haushaltsjahr soll bei 1,7 Billionen Dollar liegen, wie diese Woche bekannt wurde. Sollte sich kein Kreditgeber für Amerika mehr finden, könnte die Fed einspringen und Geld drucken. Damit droht langfristig Geldentwertung, die zwar die Schulden der USA, aber auch die Ersparnisse der Bürger weginflationieren könnte. Beruhigend ist das nicht.

Achte Erkenntnis - kaufen, wenn Aktien wieder teurer sind

Nicht nur Banken, sondern auch Anleger halten derzeit ihr Geld im Trockenen - sofern sie noch welches haben. Keiner kauft, weil alle darauf warten, dass die Preise noch weiter fallen. "Dies kann schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden", sagt Goldberg. "Weil alle abwarten, dreht sich die Abwärtsspirale weiter."

Zentralbanken versuchen seit Monaten mit immer neuen Geldspritzen, diese abwartende Haltung zu durchbrechen. Eingefrorene Kreditmärkte müssen aufgetaut werden, um den Geldkreislauf wieder in Schwung zu bringen.

Es gehe nicht so sehr um die Frage, wie viel Geld die Notenbanken insgesamt investieren müssen, sagt der Experte von Cognitrend. "Entscheidend ist, wann sie dadurch einen psychologischen Effekt erzielen und Investoren wieder dazu bringen, in den Markt zurückzukehren."

Untergangspropheten machen Hoffnung

Paradoxerweise ist es schon ein Hoffnungsschimmer, wenn sich wie derzeit Untergangspropheten mit ihren düsteren Prognosen überbieten. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, spurtete in diesem Wettlauf Anfang der Woche weit nach vorne: Von zwei Prozent weniger Wachstum in Deutschland in diesem Jahr auszugehen, ist offenbar schon sträflich optimistisch: Fünf Prozent weniger Wachstum, so Walter, sollten es schon sein.

"Wenn der Pessimismus extrem ansteigt, und die Wahrnehmung der Mehrheit nur noch auf negative Nachrichten fokussiert ist, tritt ein Gewöhnungseffekt ein", sagt Goldberg. Peu à peu reagierten Menschen gelassener auf die erwarteten schlechten Nachrichten, und die Zeit rücke näher, dass irgendwann wieder die Perspektive wechselt und neue, positive Nachrichten wieder Kraft entfalten. "Voraussetzung ist, dass diese Nachrichten auch irgendwann mal kommen", sagt Goldberg.

Riskante Suche nach dem Tiefpunkt

Daraus folgt: Es ist hochriskant, jetzt einen Tiefpunkt auszuspähen. "Nach einer Zeit extremer Unsicherheit wollen Anleger Belege dafür sehen, dass sich die Lage langsam, aber auf sicherem Fundament bessert", meint Goldberg.

Das bedeutet: Nicht auf den Tagesgewinn von zehn Prozent inmitten der Psychobörse spekulieren, sondern abwarten, bis sich die Lage über zwei, drei Monate stabilisiert.

"Es ist in dieser unsicheren Zeit kein Drama, wenn man die ersten 15 oder 20 Prozent einer Markterholung verpasst und erst dann wieder einsteigt, wenn wir uns in einer stabileren Phase befinden", meint der Cognitrend-Experte. Also kaufen, wenn Aktien wieder deutlich teurer, gemessen an den erwarteten Gewinnen aber vielleicht sogar günstiger sind als heute. Ein perfektes Markettiming funktioniert ohnehin nie: Anleger sollten wachsam, aber geduldig sein. Vertrauen ist schnell verloren - es zurückzugewinnen, dauert länger.

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