Aktienrechtler zur Insider-Affäre "Kopper hat sich nicht strafbar gemacht"

Daimler-Aufsichtsratschef Hilmar Kopper soll Informationen über den Schrempp-Rücktritt vorzeitig an die Deutsche Bank weitergegeben haben. Im Interview erklärt der Aktienrechtler Michael Adams, warum ihm dennoch keine strafrechtlichen Folgen drohen.


manager-magazin.de:

Herr Professor Adams, hat sich Hilmar Kopper mit der Weitergabe von Insiderwissen an die Deutsche Bank aktienrechtlich strafbar gemacht?

Wirtschaftsrechtler Adams: "Zur Verschwiegenheit verpflichtet"

Wirtschaftsrechtler Adams: "Zur Verschwiegenheit verpflichtet"

Adams: Herr Kopper hat - nachdem was wir wissen - eine vertrauliche Information weitergegeben. Er ist Mitglied des DaimlerChrysler-Aufsichtsrats und damit zur Verschwiegenheit verpflichtet. Aber: Nicht alle Tatsachen, die man weitergibt, sind Insidertatsachen. Hierfür muss das Wissen geeignet sein, einen Kursausschlag von erheblicher Höhe zu verursachen.

mm.de: Den hat es nach der Schrempp-Demission ja wahrlich gegeben.

Adams: Es ist wohl eine einzigartige Tatsache, dass der Rücktritt eines Vorstandsvorsitzenden die Kurse um fast zehn Prozent in die Höhe schnellen lässt. Üblicherweise sind Rücktritte mit Kursverlusten verbunden. Strafbar ist es nur, wenn man vorab weiß, dass es zu einem solchen Kursausschlag bei den Wertpapieren kommt. Meiner Meinung nach hat dies keiner vorhergesehen.

mm.de: Was ist denn nach Auffassung der Juristen eine "erhebliche Kursbewegung"?

Adams: Die Literatur sagt, dass dies zwischen fünf und zehn Prozent sein müssen. Bei Schrempp waren es etwa zehn Prozent. Und deshalb ist dies in der Rückschau eine Insidertatsache. Juristisch relevant ist allerdings nicht, was man nachher weiß. Denn bekanntlich ist man immer klüger, wenn man vom Rathaus kommt. Juristisch relevant ist nur, was ein vernünftiger Mensch bei Kenntnis der Tatsache als Kursausschlag erwarten durfte.

mm.de: Kopper musste aber seit langem bekannt sein, dass die Kapitalmärkte Schrempp als CEO nicht gerade als Idealbesetzung feierten.

Adams: Richtig, es gab immer viel Kritik an Schrempp. Das aber gehört zum Alltag der Börse und der Journalisten. Dass ein freiwilliger Rücktritt ohne besonderen Anlass einen Wertzuwachs von nahezu zehn Prozent verursacht, ist bei einem Weltkonzern ein schon sehr extremer Vorgang. Meiner Überzeugung nach konnte Kopper das bei vernünftiger Betrachtung nicht wissen. Die Börse hätte wegen der Auseinandersetzungen um die Nachfolge der Führungspositionen auch mit einem Kursverlust reagieren können, so dass ein großer Kursausschlag in eine Richtung nicht zu erwarten war. Damit ist Kopper nicht der Weitergabe einer Insidertatsache schuldig und hat sich auch nicht strafbar gemacht.

mm.de: Es besteht Medienberichten zufolge der Verdacht, Kopper habe den damaligen Großaktionär vorab informiert und damit der Deutschen Bank einen erheblichen Wissensvorsprung gegenüber dem Markt gegeben. Das wäre doch eine ungleiche Behandlung?

Adams: Ja, aber die Deutsche Bank hat sich korrekt verhalten. Es gab meines Wissens keinen Handel bevor die Ad-hoc-Mitteilung veröffentlicht wurde. Ihr Verhalten ist damit legal. Ob die Deutsche Bank Vorbereitungen brauchte, um ihr großes Aktienpaket zu verkaufen, weiß ich nicht. Ich würde eher sagen: Nein. Denn es gab ja einen Grundsatzbeschluss, das Paket ab einem Kurs von 38,50 Euro zu verkaufen.

mm.de: Herr Ackermann wurde angeblich durch das Insiderwissen "infiziert". Er hat dies nicht dem Markt bekannt gemacht. Ist das strafbar?

Daimler-Chefkontrolleur Kopper (l.), Deutsche-Bank-Lenker Ackermann: "Ein schon sehr extremer Vorgang"
DPA

Daimler-Chefkontrolleur Kopper (l.), Deutsche-Bank-Lenker Ackermann: "Ein schon sehr extremer Vorgang"

Adams: Nein, als Sekundärinsider dürfen sie auf dieses Wissen nicht handeln. Das Insidergesetz verbietet ja nicht Wissen, sondern das Nutzen von Insiderwissen und damit die Schädigung der Marktgegenseite. Das Wertpapierhandelsgesetz will die Märkte vor der Verseuchung durch Insider schützen. Die Verseuchung tritt aber erst dann ein, wenn jemand handelt. Das reine Wissen ist völlig unproblematisch, und schließlich kann Herr Ackermann sich nicht dagegen wehren, wenn ihm jemand so etwas erzählt. Hätte er weghören sollen?

mm.de: Nach Breuer (Kirch), Ackermann (Mannesmann) nun Kopper in Sachen DaimlerChrysler. Die prominenten Deutschbanker haben immer wieder Ärger mit der Justiz.

Adams: Richtig, da schauen viele genau hin. Auf der anderen Seite macht eine Großbank ununterbrochen Geschäfte, die nicht einfach sind. Da können immer wieder Zweifelsfälle auftreten, wie weit die Gesetze jeweils reichen. Ich sehe aber nicht, dass die Wahrung der Gesetzestreue der Deutschen Bank große Probleme bereitet.

mm.de: Mit welchen Urteilen rechnen Sie denn bei diesen drei aktuellen Fällen?

Adams: Bei Ackermann kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand, dem das oberste Gericht ausdrücklich persönliche Integrität bescheinigt hat, sich als Straftäter wieder findet. Alles andere als ein Freispruch für Ackermann würde mich somit sehr erstaunen. In Sachen Breuer/Kirch ist die Sache unübersichtlich. Da hatte Breuer im Interview vielleicht doch einen Aussetzer, und so könnte es zu einer zivilrechtlichen Verurteilung kommen - aber eben nicht strafrechtlich. Und zu Kopper habe ich meine Auffassung bereits geäußert.

mm.de: Also strafrechtlich 3:0 für die Deutsche Bank?

Adams: Genau das ist meine Erwartung, ohne dass ich in alle Details der Verfahren Einblick hätte.

Das Interview führte Andreas Nölting, manager magazin Online

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Seite 1
Rainer Dressler, 13.04.2005
1.
---Zitat von admin--- Mehr Gewinn, weniger Jobs: Die Deutsche Bank kann es keinem wirklich recht machen. Gewerkschaften werfen dem Unternehmen Gier und mangelndes soziales Bewusstsein vor, für Investoren könnte die Bank im internationalen Vergleich noch viel profitabler sein. Ein misslicher Mittelweg, eine misslungene Strategie des Managements? Oder ein schmerzhafter, aber richtiger Schritt zur Konkurrenzfähigkeit eines deutschen Top-Unternehmens? Wie sehen Sie derzeit die Deutsche Bank? ---Zitatende--- Ich sehe das relativ gelassen. Der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken... Mit den besten Grüssen aus dem Schwarzwald. Rainer Dressler
KlausD, 13.04.2005
2. Wenn...
...es möglich wäre würde ich jedlichen bankverkehr mit der DEUTSCHEN bank unterlassen was mir jedoch aus gewerblichen gründen nicht möglich ist. Bei privat und geschäft gesprächen höre ich immer öfter eine negative einstellung zu solchem gebaren und sicherlich schädigen sich solche unternehmern selber siehe telekom. Mag sein das da kurzfristig geld gemacht wird aber auf lange sicht haben sie verloren ist meine meinung und das habe ich auch in meiner ausbildung so gelernt das kunden sich negative dinge merken und das es den unternehmen schadet. Danke
Pinarello, 14.04.2005
3.
---Zitat von admin--- Mehr Gewinn, weniger Jobs: Die Deutsche Bank kann es keinem wirklich recht machen. Gewerkschaften werfen dem Unternehmen Gier und mangelndes soziales Bewusstsein vor, für Investoren könnte die Bank im internationalen Vergleich noch viel profitabler sein. Ein misslicher Mittelweg, eine misslungene Strategie des Managements? Oder ein schmerzhafter, aber richtiger Schritt zur Konkurrenzfähigkeit eines deutschen Top-Unternehmens? Wie sehen Sie derzeit die Deutsche Bank? ---Zitatende--- Also, ich habe einen Kollegen, der ein paar Aktien der Deutschen Bank hat, der war von der Ankündigung ganz begeistert, er würde am liebsten mindestens doppelt soviele Mitarbeiter feuern, denn das wichtigste ist, daß der Aktienkurs steigt, alles andere interessiert diese Leute eh nicht mehr. Traurig, aber wahr.
Rainer Dressler, 14.04.2005
4.
---Zitat von Pinarello--- Also, ich habe einen Kollegen, der ein paar Aktien der Deutschen Bank hat, der war von der Ankündigung ganz begeistert, er würde am liebsten mindestens doppelt soviele Mitarbeiter feuern, denn das wichtigste ist, daß der Aktienkurs steigt, alles andere interessiert diese Leute eh nicht mehr. Traurig, aber wahr. ---Zitatende--- Shareholdervalue... Komischerweise interessiert es diese Leute nur genau so weit, wie es sie selbst nicht betrifft, bzw. wie sie ihre maximale Dividente bekommen. Offenbar haben die auch keinen Spiegel (im übertragenen Sinne) zu Hause. Denn mit Spiegel fällt manches nicht so leicht als ohne. Mit den besten Grüssen aus dem Schwarzwald. Rainer Dressler
Rainer Daeschler, 15.04.2005
5.
---Zitat von Pinarello--- Also, ich habe einen Kollegen, der ein paar Aktien der Deutschen Bank hat, der war von der Ankündigung ganz begeistert, er würde am liebsten mindestens doppelt soviele Mitarbeiter feuern, denn das wichtigste ist, daß der Aktienkurs steigt ---Zitatende--- Das Problem der Aktie ist, dass sie zum Gewinnlos verkommen ist, anstatt Beleg einer Miteigentümerschaft zu sein. Als Unternehmensbesitzer möchte ich selbstverständlich Gewinne daraus erzielen, muss mit aber auch Gedanken darüber machen, wie ich diese Einnahmequelle erhalte. Der Begriff des Shareholdervalues ist in eine Vorstellung umgebogen worden, die mit der eines Ladeninhabers vergleichbar ist, der glaubt alles was er abends in der Ladenkasse findet, das gehört ihm. Natürlich kann man es so sehen, muss aber dann bald feststellen, dass man sich selber den Ast absägt auf dem man sitzt. Bald wird man feststellen, dass man von dem Geld neue Ware hätte kaufen und Werbung bezahlen müssen. Eine Firmenpolitik die nur Kurs- und Dividendensteigerung im Auge hat, aber es mit Qualitätsverlusten erkauft, verwandelt das Unternehmen in eine Zeitbombe. Von einer Wahrung des Aktionärsbesitzes kann hier nicht die Rede sein. Bis der merkt, das die Erfolge seines Papiers eigentlich teuer erkauft wurden und nicht von Dauer sind, haben die Verursacher ihre Abfindung kassiert, beziehen weiter Pensionszahlungen und sind auf und davon.
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