Aktionäre mit Herz Wie Kapitalisten den Völkermord im Sudan stoppen wollen

Tausende sterben im Bürgerkrieg in Darfur. Es ist kein Geheimnis, dass die sudanesische Regierung die Kämpfe finanziert - und wer ihr dabei hilft. Eine Initiative aus Boston sagt beteiligten Firmen jetzt den Kampf an: ganz legal, mit Hilfe des Großkapitals.
Von Henryk M. Broder

Mary Haskell hat als Familienanwältin gearbeitet, gut verdient und genug gespart, um sich mit 60 zur Ruhe zu setzen. Ihr Mann, Arzt und Kettenraucher, ist schon tot, ihre Söhne sind aus dem Haus. "Da musste ich einfach etwas tun." Sie fand Anschluss an einen Literaturzirkel, dessen Mitglieder seit Jahren Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen und über das Werk diskutieren. "Aber das war mir nicht genug."

Eine Freundin nahm sie vor zwei Jahren zu einem Vortrag über die Situation in Darfur mit. "Ich wusste aus den Zeitungen, was dort passiert, aber an diesem Abend wurde mir klar, dass ich nichts wusste."

Jetzt meldet sie sich zu Wort, greift nach dem drahtlosen Mikrofon und stellt eine Frage. "Warum darf Exxon, eine amerikanische Firma, keine Geschäfte im Sudan machen, und warum darf Fidelity in Fonds investieren, die ihrerseits Anteile an Firmen haben, die mit der Regierung im Sudan verbandelt sind, wie zum Beispiel Petrochina?"

Mary Haskell hat das Problem auf den Punkt gebracht. "Sie müssen sich die Sache wie eine Puppe in der Puppe vorstellen." Fidelity ist ein Investment Trust, der ein Milliardenvermögen verwaltet, Geld von Firmen, Institutionen und privaten Anlegern wie Mary Haskell und ihrem verstorbenen Mann. Dieses Geld legt Fidelity in Fonds an, die ihr Vermögen in Unternehmen überall in der Welt investiert haben. Auf diese Weise ist Mary Haskell auch an Petrochina beteiligt, einer chinesischen Firma, die das sudanesische Erdöl vermarktet. "Die Einnahmen aus diesem Geschäft dienen der sudanesischen Regierung dazu, den Völkermord in Darfur zu finanzieren", sagt sie.

Damit das Blutbad aufhört, hat sich Mary Haskell zu einem "Shareholder-Meeting" des Fidelity Trust angemeldet. Es findet in einem Konferenzraum der Konzernzentrale in einem vollverglasten Hochhaus in Boston statt, direkt neben dem Bahnhof Boston South Station. Es könnte, theoretisch, auch im Coffee-Shop nebenan stattfinden, denn außer Mary und ihren sieben Freunden aus der Initiative "Investors Against Genocide" sind keine weiteren Anleger erschienen.

Dennoch wird die überschaubare Gruppe sehr ernst genommen. Der fensterlose Konferenzraum ist gesichert, Besucher müssen wie beim Security Check am Flughafen eine Metallschleuse passieren, Kameras und Kassettenrecorder am Eingang abgegeben werden. Drinnen bekommen die Anleger nicht einmal Mineralwasser angeboten - eine Geste, die man nicht missverstehen kann.

Die Sitzung soll nur 30 Minuten dauern

Den "Investors Against Genocide", die sich im Saal verteilen, sitzen auf einem Podium fünf Repräsentanten der Firma gegenüber, darunter auch ein "Independent Trustee" und der "Chief Legal Officer of the Fidelity Funds", der offiziell nicht Fidelity, sondern die Fonds vertritt, die von Fidelity gemanagt werden.

Um Punkt 8.36 eröffnet der Sprecher des "Board" die Sitzung und kündigt gleich an, dass er sie nach 30 Minuten beenden wird. Auf der Tagesordnung steht nur ein Punkt: "Genocide-free investing".

Nachdem ein paar Fragen zum Procedere geklärt wurden, übergibt der Chairman das Wort an Eric Cohen, den Gründer der "Investors Against Genocide". Cohen, sichtlich nervös, liest sein Statement vom Blatt ab. Wer hätte es für möglich gehalten, dass 64 Jahre nach dem Ende des Holocaust und 15 Jahre nach dem Genozid in Ruanda eine Firma, die auf ihr Ansehen wert legt, Profit mit "einer Verbindung zum Völkermord" machen könnte? "Würde jemand in ein Unternehmen investieren wollen, das Zyklon-B an die Nazis oder Macheten nach Ruanda lieferte?"

Sechs Jahre nach dem Beginn des Blutvergießens in Darfur und fünf Jahre, nachdem es vom amerikanischen Kongress als "Völkermord" anerkannt wurde, sei das "weder ein theoretisches noch ein historisches Problem".

Eine Kirche hat 140 Millionen Dollar investiert

Eric Cohen teilt sich seine Redezeit von zehn Minuten mit Tim Brennan, Finanzchef der "Unitarian Universalists", einer der ältesten Kirchen der USA, deren Gründer mit den Pilgrim Fathers ins Land gekommen sind. Brennan hat etwa 140 Millionen Dollar bei Fidelity angelegt und ist, ebenso wie Cohen, der Meinung, dass Fidelity einen weiten Bogen um Fonds und Firmen machen sollte, die direkt oder indirekt am Völkermord verdienen.

"Sie sollten zwei Dinge wissen", sagt er in Richtung der Vorstände, "als Religionsgemeinschaft sind wir gehalten, uns Gedanken über die moralischen Folgen unserer geschäftlichen Entscheidungen zu machen. Das gilt auch für unsere Investitionen". Und zweitens: "Wir sind nicht naiv. Wir wissen, dass Fidelity keine Kirchengemeinde ist. Wir wissen aber auch, dass wir es hier nicht mit einem sozialen oder ökologischen Problem zu tun haben. Es ist Völkermord."

Die Repräsentanten von Fidelity beziehungsweise der von Fidelity gemanagten Fonds, vier Herren und eine Dame, hören höflich und geduldig zu. Wenn sie Gedanken lesen könnten, wären Eric Cohen, Tim Brennan und deren Freunde schon weiter. Denn das Shareholder-Meeting im Hause der Fidelity ist reine Formsache. Am Ende wird der "Chief Legal Officer" das Ergebnis der Abstimmung bekanntgeben, die bereits stattgefunden hat: per E-Mail, Briefwahl oder Telefon. Über drei Viertel der Shareholder haben gegen den Ausstieg aus Fonds gestimmt, die an Firmen wie Petrochina oder Sinopec beteiligt sind.

Vorher aber erklärt der "Independent Trustee", wie er die Sache sieht. "Es gibt so vieles, das uns Sorgen macht. Die Behandlung der Frauen in Afrika und im Nahen Osten. Wir halten uns an die Vorgaben der Regierung. Die entscheidet, wie weit wir gehen können." Er beschließt sein Statement mit dem Satz: "Mehr Menschen kommen durch Rauchen ums Leben als durch den Völkermord in Darfur."

Die Investoren wollen wissen, was mit ihrem Geld passiert

Um 9.24 Uhr wird die Sitzung beendet. Sie hat immerhin 18 Minuten länger als vorgesehen gedauert, was Eric Cohen vor allem auf die Anwesenheit einiger Journalisten im Saal zurückführt. "Die Fidelity-Leute wollten zeigen, dass sie unser Anliegen ernst nehmen." Und ganz vergeblich war die Mühe nicht: "Über 20 Prozent der Shareholder stehen auf unserer Seite." Bei etwa 25 Millionen Anteilseignern sind das immerhin fünf Millionen Investoren, denen es nicht egal ist, wie sie ihr Geld anlegen.

Eric Cohen selbst hat keine Fidelity-Anteile, dafür aber eine Vollmacht von Freunden, um als "Proxy Shareholder" auftreten zu können. Nach einem abgebrochenen Studium in Harvard, etlichen "odd jobs" und über 20 Jahren im IT-Geschäft hat er sich Ende 2003, mit nur 51 Jahren, zur Ruhe gesetzt, drei Jahre lang seiner Frau bei der Hausarbeit geholfen und Ende 2006 mit zwei Freunden die "Investors Against Genocide" gegründet.

Rückblickend findet er es seltsam, dass er es nicht schon früher gemacht hat. "Ich war mit anderen Dingen zu sehr beschäftigt." Irgendwann zwischen zwei Terminen wurde ihm klar, dass er nur deswegen im Wohlstand lebt, weil seine Großeltern, sowohl mütterlicher- wie väterlicherseits, rechtzeitig in die USA ausgewandert waren. Deren Angehörige, die in Litauen, der Bukowina und der Ukraine blieben, haben den Holocaust nicht überlebt. "Ich nehme das, was in Darfur passiert, sehr persönlich."

Und nun hat er wieder einen full-time-job, den er aus seinem Arbeitszimmer erledigt. Agieren, agitieren, Mitstreiter motivieren und vernetzen, das hat er in der IT-Branche gelernt. Der elektronische Newsletter der "Investors Against Genocide" geht inzwischen an 10.000 Abonnenten, bei Kampagnen kommen bis zu 250.000 Unterschriften zusammen. Und im Juli gab es das erste greifbare Ergebnis. Der Vorstand des Pensionsfonds TIAA-CRAF, zu dessen Kunden vor allem Ärzte, Erzieher und Uni-Professoren gehören, verpflichtete sich, bis Ende des Jahres aus allen Firmen auszusteigen, die ihre Sudan-Verbindung nicht aufgeben.

Eric Cohen weiß, dass dies den Völkermord in Darfur nicht beenden wird. Aber es könnte ein paar Menschen das Leben retten. Und einige Investoren zur Nachahmung anregen.