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Guerilla-Aktivisten Und Action!

Guerilla-Aktivisten stellen die Mächtigen der Welt mit kreativen Protesten bloß. Übers Internet erreichen sie ein Millionenpublikum. Aber ändern sie auch etwas? Ein Beitrag aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm".

Es ist ein Mittwochabend, kurz vor halb zehn, als der Mann aus der Pressestelle des Ölkonzerns Shell spürt, dass ihm die Kontrolle entglitten ist. Dass er hinters Licht geführt wurde, dass sich diese Veranstaltung in eine völlig andere Richtung entwickelt, als von ihm geplant. Als er das merkt, sitzt er einen Moment da, den Kopf in die Hände gestützt. Dann springt er auf und läuft zum Tontechniker: Er solle doch bitte endlich den Ton abdrehen.

Kurz zuvor stand auf der Bühne beim Shell Science Slam, einem Wettbewerb, bei dem Jungwissenschaftler ihre Ideen für eine bessere Welt präsentieren sollten, eine unscheinbare metallene Maschine. Die könne, so ihre Erfinder, das CO2 aus Autoabgasen filtern. Doch anstatt etwas zu reinigen, erweist sich das Ding als Dreckschleuder - und ergießt an die 60 Liter einer dunkelbraunen, ölartigen Flüssigkeit in den Saal. Eine inszenierte Ölkatastrophe. Einer der Aktivisten platscht durch die Pfützen auf dem Boden und ruft zu zivilem Ungehorsam gegen den Erdölkonzern auf. Das Publikum johlt, der Sicherheitsdienst macht große Augen. In einem offiziellen Statement wird später Shell-Pressesprecherin Cornelia Wolber sagen, dass die Veranstaltung komplett unterwandert worden sei.

Das PR-Problem im schicken Berliner Tempodrom haben Shell die etwa 30 Aktivisten des Kollektivs Peng! bereitet, Polit-Guerilleros mit einem Faible für überraschende Auftritte. Sie sind bei Weitem nicht die einzigen, die Unternehmenskritik mit solchen Aktionen in die Öffentlichkeit tragen. In den letzten Jahren haben sich immer mehr Gruppen darauf spezialisiert, den Mächtigen in Politik und Wirtschaft kreativ auf die Nerven zu gehen. Eine neue Protestkultur?

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"Zumindest hat sie lange historische Wurzeln", sagt Dieter Rucht, emeritierter Professor für Soziologie, der am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung lehrte und ein Experte auf dem Gebiet sozialer Bewegungen ist. Bereits im Mittelalter, erklärt Rucht, seien Menschen mit Musikinstrumenten vor die Türen der Mächtigen gezogen, um sie mit absichtlich falsch und laut gespielten Liedern zu ärgern: der sogenannten Katzenmusik. Ein paar Hundert Jahre später waren es Menschen wie der Aktivist und Kommunarde Fritz Teufel, der sich auf das Veralbern des politischen Gegners spezialisierte. Er ließ zum Beispiel Mao-Bibeln von einem Kirchturm auf die Berliner Bevölkerung herabregnen und plante, Puddingbomben auf den damaligen US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey zu werfen.

"Der Grad an Professionalität ist mittlerweile hoch"

Was also ist neu an den heutigen Formen des Guerilla-Protests? "Es ist vor allem das technische Know-how, das die Protestler besitzen und einsetzen", sagt Soziologe Rucht. "Der Grad an Professionalität ist mittlerweile hoch. Das gab es in der Vergangenheit so noch nicht."

Zur Professionalität gehört auch die richtige Tarnung. Bleiben die Aktivisten lange genug unentdeckt, passiert das, was die Organisatoren der Shell-Veranstaltung im Tempodrom erlebten. Shell suchte Wissenschaftler mit "Ideen für die Zukunft der Energie" - aber auch eine Gelegenheit, sich als Unternehmen zu präsentieren, das an Fragen des Umweltschutzes interessiert ist. "Greenwashing" nennen Kritiker diese Methode.

Unter dem Namen Paul von Ribbeck hatte sich der Peng!-Kollektivist Jean Peters beim Shell-Slam beworben. Sein eigentliches Ziel: Protest gegen die Bohrpläne des Konzerns in der Arktis und gegen die Menschenrechtsverletzungen in Nigeria, wo Öl aus lecken Pipelines die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört haben soll. Weil Peters damit aber kaum zu einer offiziellen Veranstaltung des Unternehmens eingeladen worden wäre, entwickelten er und seine Mitstreiter eine Art trojanische Wundermaschine - den CO2-Umwandler.

Ein Ingenieur hatte den metallenen Kasten entworfen, Webdesigner die entsprechende Internetseite gebaut. Und Shell tappte in die Falle. Als sich die braune Flüssigkeit unter lauten "Oh, oh!"-Rufen von Peters im Raum verteilte, filmten eingeschleuste Kameraleute das PR-Debakel, ein Cutter schnitt noch in der Nacht das Video. Wenige Stunden nach der Aktion war der Film im Internet, schon zwei Tage später hatten über 100.000 Menschen den gut zwei Minuten langen Beitrag gesehen und sich gut amüsiert. "Lachen ist eine Waffe", sagt Peters. "Mächtige, über die gelacht wird, sind nackt."

Lachen konnte SPD-Nachwuchspolitiker Fabian Verch aus Bruchsal in Baden-Württemberg nicht, als bei ihm Anfang Dezember das Telefon klingelte. Ein Anruf aus Berlin, genauer: aus dem Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale. Der Anrufer stellte sich als Mitarbeiter der damaligen SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles vor. Die Mitgliederbefragung der SPD über die Zustimmung zur Großen Koalition lief zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige Tage - und Verch hatte sich gerade im Fernsehen skeptisch gezeigt. Ob ihm denn klar sei, dass ein Nein empfindliche Karrierenachteile für ihn bedeuten würde, fragte der Anrufer.

Die Verhältnisse zuspitzen und stark übertreiben

"Für mich war das absolut glaubwürdig", sagt Verch heute. Er telefoniere gelegentlich mit den Mitarbeitern anderer Abgeordneter, "und der Anrufer hatte den dort üblichen Tonfall perfekt drauf", sagt er. Tatsächlich war es Aktivisten eines "Kommando Gerhard Schröder" gelungen, die Telefonanlage der Parteizentrale zu hacken. Verch musste denken, der Anruf käme tatsächlich aus der SPD-Chefetage und war entsprechend enttäuscht von seiner Partei. Später bekannte sich das Kommando im Internet zu dem Telefonanschlag, Nahles erstattete Anzeige. Das BKA ermittelt noch.

Mehr als hundert Sozialdemokraten wollen die Aktivisten angerufen haben, um sie auf Kurs zu bringen. Ihr eigentliches Motiv: Protest gegen die angebliche Vorgabe der Parteiführung, im Vorfeld der Abstimmung ausschließlich Befürworter der Großen Koalition zu Wort kommen zu lassen. "Wir haben das Vorgehen des Vorstandes nur konsequent zu Ende gedacht", heißt es seitens der Aktivisten. Das gewünschte Echo bekam die Aktion. "Zeit", "Süddeutsche Zeitung" und der Fernsehsender N24 berichteten.

Die Verhältnisse zuspitzen und so stark übertreiben, dass die unterstellten Motive sichtbar werden - darum geht es den Polit-Guerilleros. Sie sind international vernetzt, tauschen sich mit Gruppen in anderen Ländern aus. Die Aktion des Berliner Peng!-Kollektivs zum Beispiel erinnert stark an die Arbeitsweise der New Yorker Gruppe The Yes Men. Die Aktivisten gelten als die Popstars des humorvollen Protests, ihre Filme im Internet kratzen regelmäßig an der 500.000-Zugriffe-Grenze. Ihr wohl spektakulärster Auftritt fand vor einigen Jahren in einer Sendung der BBC statt. Als Jude Finisterra trat einer von ihnen auf, gab sich als Sprecher der Chemiefirma Dow Chemical aus und behauptete, der Konzern würde die Opfer des Chemieunglücks im indischen Bhopal entschädigen - zwanzig Jahre danach.

Natürlich dementierte der Konzern diese Meldung so schnell wie möglich, doch binnen einer guten halben Stunde sank sein Börsenwert dramatisch. Und die Botschaft des Ganzen? In diesem Fall ist es eher eine Frage, die sich aufdrängt: Was ist das eigentlich für ein Wirtschaftssystem, in dem eine humane Unternehmenspolitik zu fallenden Börsenkursen führt?

Eines haben all diese Aktionen gemeinsam: Ihr eigentlicher Adressat ist nicht mehr das Unternehmen selbst, sondern die Öffentlichkeit. "In den letzten Jahren hat sich ein Protestmilieu entwickelt, das primär Aktionen für die Medien macht", sagt Soziologe Rucht. Wer die Öffentlichkeit über die Hinhaltetaktik eines Chemieriesen informieren will, ist unter diesen Umständen in einer Fernsehsendung womöglich gar nicht so schlecht aufgehoben. Aber was bringt das?

"Der Erfolg ist nicht eindeutig zu messen", sagt Rucht. "Solche Aktionen werden wohl eher eine Art Girlande im Protestspektrum bleiben." Wenn nach Aktionen wie der inszenierten kleinen Ölkatastrophe über die Endlichkeit fossiler Energien diskutiert werde und das die Verbraucher zum Nachdenken bringe, "sind das schon Teilerfolge". So dreht sich allmählich die Perspektive: weg vom kritisierten Unternehmen, hin zum Konsumenten. Das Ziel ist dasselbe geblieben, aber der Weg dahin verändert sich.

Dabei steigt allerdings auch der Druck auf die Aktivisten, sich immer neue Formen des Protests zu überlegen. "Sonst sinkt das Interesse der Medien auch recht schnell", sagt Dieter Rucht.

Eine Kampagne gegen Firmen-Anteilseigner

Diesen Innovationsdruck spürt auch André Leipold deutlich. Der 35-jährige Musiker ist Sprecher des Berliner Zentrums für politische Schönheit, eines Zusammenschlusses von Menschenrechtsaktivisten und Künstlern. Im Sommer 2012 führten sie eine Art Theaterstück auf, "ein inszenierter Dialog von Aktivisten mit einem Unternehmen vor Publikum", sagt Leipold. Das Unternehmen war die Rüstungsfirma Krauss-Maffei Wegmann, seit Jahren an negative Kampagnen gewöhnt. Was sie bei Krauss-Maffei Wegmann noch nicht kannten, war eine Kampagne gegen ihre Anteilseigner.

Um die Lieferung deutscher "Leopard"-Panzer in das absolutistisch regierte Saudi-Arabien zu sabotieren, riefen die Aktivisten in dem Stück zu Hinweisen aus der Bevölkerung auf. Egal ob wegen Steuerhinterziehung oder schwarz beschäftigter Haushaltshilfen - sie wollten die Eigentümer des Unternehmens hinter Gitter bringen, da der Handel mit Waffen selbst nicht strafbar ist. Für den entscheidenden Tipp lobte das Zentrum für politische Schönheit 25.000 Euro aus.

"Die Aktion war hart an der Grenze", sagt Andre Leipold heute. "Es ging uns darum, die Verantwortlichen aufzuwühlen und zu verunsichern. Humorvoll oder satirisch wollten wir gar nicht sein." In Berlin hingen großflächige Fahndungsplakate im Wild-West-Stil an den Straßen. Auf einer Internetseite notierten die Aktivisten alles, was über die Anteilseigner von Krauss-Maffei Wegmann zu erfahren war. In ihr Visier rückte dabei eine Familie aus dem Badischen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis diese eine Unterlassungsklage gegen die Aktivisten anstrengte. Die Bilder der Familie verschwanden von der Seite.

Doch bis heute kann jeder nachlesen, wer an Krauss-Maffei Wegmann beteiligt ist. Darunter sind Menschen, die Reiseführer schreiben oder über den griechischen Dichter Homer forschen. Sogar ein ehemaliger Aktiver aus der Studentenbewegung war dabei sowie ein Vorstandsmitglied der Bürgerrechtsbewegung Humanistische Union. Und so passierte, was die Aktivisten beabsichtigt hatten: Das Publikum fragte sich, warum ein Mitglied der Humanistischen Aktion Anteile an Unternehmen hält, das Waffen herstellt und liefert. Und ob das nicht zumindest sehr widersprüchlich ist.

Ein Jahr später meldeten Zeitungen, dass der Panzer-Deal geplatzt sei. Sogar einer der Anteilseigner hatte sich dagegen ausgesprochen. "Ich denke, dass auch wir dazu ein bisschen beigetragen haben", sagt André Leipold. Verhindert haben sie den Waffenhandel nicht. Den Zuschlag soll eine andere Firma bekommen haben.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"