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27. März 2006, 10:01 Uhr

Alcatel-Lucent-Fusion

Tanz der Dinosaurier

Von , New York

Es wäre eine Gigantenhochzeit: Die Telekomausrüster Alcatel und Lucent verhandeln über eine Verschmelzung. Doch so groß der Deal auch wäre: Er könnte nur der Auftakt zu einem wahren Fusionsreigen in der Branche sein. Denn dort ist der Konsolidierungsbedarf gewaltig.

New York - Patricia Russo hat es schon immer an die Spitze gedrängt. Bereits in der High School war sie nicht nur die Chefin der Cheerleader, sondern auch die des gesamten Basketballteams. Bei ihrem ersten Arbeitgeber IBM sicherte sie sich einen Manager-Posten, der bisher Männern vorbehalten war. Bei AT&T verwandelte sie Milliardenverluste in Gewinne. Den AT&T-Spin-off Lucent Technologies rettete sie schließlich als CEO vor dem nahen Konkurs.

Lucent-Chefin Russo: "Resultate sind wichtig"
AP

Lucent-Chefin Russo: "Resultate sind wichtig"

"Ich habe festgestellt, dass Resultate wichtig sind", sagte Russo einmal. "Leute, die Resultate produzieren, steigen auf." Dieses Mantra trifft dieser Tage auf sie selbst wohl am besten zu. Der US-Telekomausrüster Lucent überlegt, mit seinem stärkeren französischen Rivalen Alcatel zum größten IT-Giganten der Welt zu fusionieren. Details des Mega-Deals, der vor fünf Jahren schon einmal angedacht war, sollen zwar erst im Lauf der Woche bekanntgegeben werden. Als CEO des kombinierten Unternehmens ist aber bereits ein Name im Gespräch, nämlich der von Pat Russo.

Ihr Aufstieg - für das Money-Magazin "Forbes" ist Russo schon lange eine der mächtigsten Wirtschaftsfrauen der Welt - ist nur eine von vielen Folgen, die dieser Zusammenschluss nach sich ziehen würde. Wenn Lucent in einem Gemeinschaftskonzern mit Alcatel aufgeht, wäre dies das Ende einer amerikanischen Einrichtung, die auf Alexander Graham Bell zurückgeht, den Miterfinder des Telefons. Die Fusion würde außerdem einen neuen, transkontinentalen Konzern bilden, mit Hauptsitz in Paris und einer kombinierten Börsenkapitalisierung von fast 34 Milliarden Dollar. Und sie würde wohl eine weitere Konsolidierungswelle in der globalen Telekommunikationsindustrie anstoßen.

Steuer herumgerissen

Zwar nennen beide Seiten ihre Pläne in einer gemeinsamen Presseerklärung eine "Fusion unter Gleichen". Doch Analysten bezweifeln das. Sicher, Simon Leopold von Morgan Keegan hat wohl Recht, wenn er von "zwei tanzenden Dinosauriern" spricht. Doch handelt es sich hier eher um einen Tyrannosaurus rex und einen Archaeopterix: Alcatel (Umsatz 2005: 16,3 Milliarden Dollar) ist viel größer und stärker als Lucent (Umsatz 2005: 9,4 Milliarden Dollar) und hat fast doppelt so viele Mitarbeiter.

Für Lucent wäre ein Abschluss das Ende einer langen, abenteuerlichen Odyssee. Das Unternehmen entstand einst aus dem Ausrüstungsarm der American Telephone and Telegraph Company (AT&T) und deren legendärer Forschungs- und Entwicklungsabteilung, den Bell Laboratories. 1996 gliederte AT&T die Sparte via Börsengang aus. Zwei Jahre später überrundete Lucent sein altes Mutterhaus im Marktwert, doch der Tech-Crash Ende der neunziger Jahre bremste den Aufstieg und stürzten das Unternehmen in eine tiefe Krise.

Erst Russo, 2002 zum CEO ernannt, riss das Steuer herum, indem sie unter anderem Tausende Stellen strich und die milliardenschwere Schuldenlast reduzierte. Die Fusion mit Alcatel wäre nun der logische, nächste Schritt: Nur so, das haben Marktbeobachter schon lange prophezeit, lasse sich der Konzern langfristig sichern.

Fusionswelle im Ausrüstergeschäft?

Für Alcatel wiederum böte der Zusammengang auch noch ganz andere Vorteile als in der Telekom-Branche den eigenen Bestand durch schiere Größe abzusichern. Alcatel-CEO Serge Tchuruk steht kurz vor dem Ruhestand; einen Nachfolger hat er in den eigenen Reihen aber bisher nicht finden können. Russo wäre zumindest eine denkbare Übergangslösung, heißt es in Analystenkreisen. Wobei in einem kombinierten Konzern der Ton sicher vom größeren Partner Alcatel angegeben würde.

Alcatel-Standort: Auftakt zur Konsolidierungswelle
AFP

Alcatel-Standort: Auftakt zur Konsolidierungswelle

Fest steht allerdings, dass es auch der neue Firmenriese nicht leicht haben dürfte. Die Konsolidierung in der regionalen US-Telekombranche, für die der Zusammenschluss von AT&T und Bell South nur das jüngste Beispiel war, nagt am Kundenstamm der Ausrüster. Eine vergleichbare Übernahmewelle bei den Zulieferern ist für viele Beobachter nur noch eine Frage der Zeit. Schon bisher galten Lucent und der kanadische Nortel-Konzern als Top-Übernahmekandidaten.

Sechs Millionen Dollar Abfindung

"Wir glauben, dass diese mögliche Fusion den Beginn einer neuen Runde dringend nötiger Konsolidierung unter den Telekomausrüstern sein könnte", sagt Dave Fore von SurTerre Research/Soleil Securities Group. Prudential-Analyst Inder Singh spricht von einem zu erwartenden "Domino-Effekt" und nennt als die nächsten Akteure im Übernahmereigen Konzerne wie Nortel, Motorola, Ericsson, Siemens, Cisco Systems und Nokia.

Pat Russo darf sich jedenfalls freuen - selbst wenn sie den neuen CEO-Posten nicht kriegt und aus dem Unternehmen ausscheidet. Aufgrund ihrer Vertragslage stünde ihr eine Abfindung von rund sechs Millionen Dollar zu.

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