Einzelhandel vs. Agrarindustrie Aldi und Co. – Gemeinsam gegen Gentechnik

Discounter und Bioketten wollen gemeinsam verhindern, dass die EU-Kommission neue Gentechnikverfahren liberalisiert. Sie fürchten den Einfluss von Lobbygruppen.
»Ohne Gentechnik«-Siegel

»Ohne Gentechnik«-Siegel

Foto: Gregor Fischer/ picture alliance/dpa

Es muss schon um einiges gehen, wenn die Biokette Dennree, Aldi und Lidl gemeinsame Sache machen. Bei den Verfahren der Neuen Gentechnik proben die Konkurrenten nun allerdings zusammen den Widerstand. In einer Resolution mit anderen Lebensmitteleinzelhändlern wie Tegut, der österreichischen Rewe oder der luxemburgischen Biokette Naturata fordern sie von Brüssel, die Neue Gentechnik weiterhin genauso zu regulieren wie herkömmliche gentechnische Verfahren. Nur so, heißt es in der Resolution, werde man den »wesentlichen Eckpfeilern der EU-Gentechnikgesetzgebung« gerecht – dem Vorsorgeprinzip, der Risikobewertung und den Transparenzanforderungen.

Der Grund für die hektische Betriebsamkeit im Handel ist die Besorgnis, die EU-Kommission könne der Biotech- und Saatgut-Lobby nachgeben und die neuen Verfahren deregulieren. Diese werden unter dem Begriff Genome Editing subsumiert. Anders als bei früheren gentechnisch veränderten Organismen (GVO) soll beim Genome Editing nur gezielt am Erbgut der Pflanze herumgeschnitten werden. Der Vorteil: Die Entwicklung neuer Pflanzen dauert nur halb so lange wie bei herkömmlichen GVOs. Konzerne wie Bayer trauen der Technik eine milliardenschwere »Biorevolution« mit klimaresistenten Pflanzen zu, die bisher aber weitgehend auf sich warten lassen. Und es gibt noch eine Schwierigkeit: Erst im Juli 2018 entschied der Europäische Gerichtshof, dass die neuen Techniken wegen ihrer Risiken den GVOs gleichzusetzen sind: Sie unterliegen deshalb einer aufwendigen Risikoabschätzung und die so entstehenden Nahrungsmittel müssten gekennzeichnet werden – zum Ärger der Agrarindustrie, die mit vielfältigen PR-Strategien dagegen vorgeht. (Lesen Sie hier  mehr zum Thema)

Greenpeace-Aktivisten nehmen Proben auf einem Versuchs-Maisfeld von Monsanto

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Foto: DB Heiko Meyer/ picture-alliance/ dpa

Für den Einzelhandel dagegen steht seine »Glaubwürdigkeit auf dem Spiel«, wie es in der Resolution heißt. Gelangten die neuen Gentech-Nahrungsmittel weitgehend ungetestet und ohne Kennzeichnung in den Handel, würde das einen Markt mit zweistelligen Milliardenumsätzen »beschädigen oder zerstören« – und zwar den wachsenden Markt der klar gekennzeichneten Bio-Produkte sowie den der konventionellen Waren mit »Ohne Gentechnik«-Label. Mit einer Deregulierung würde Brüssel zwei Grundprinzipien der EU, das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit untergraben, sagt Heike Moldenhauer, Generalsekretärin der Europäischen Non-GMO-Assoziation ENGA, Mitinitiatorin der Resolution. »Die EU-Kommission ermöglicht es dann quasi, dass den Verbrauchern Gentechnik-Produkte untergejubelt werden, ohne dass sie diese erkennen können.«

Eine Vorentscheidung in der Frage könnte bereits in dieser Woche fallen: Mit der Regulierung der Neuen Gentechnik befasst sich heute der EU-Agarministerrat.

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