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TELEKOMMUNIKATION Alle Möglichkeiten offenhalten

Die Stromriesen Veba und RWE haben sich beim Aufbau ihrer Telefontochter Otelo übernommen, sie kann die Erwartungen noch nicht erfüllen.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Zweifel ließ Ulrich Hartmann erst gar nicht aufkommen: »Wer im Januar nächsten Jahres von der Telekom zu unserer Telefontochter Otelo wechseln will«, verkündete der Veba-Chef noch vor wenigen Monaten, »braucht nur bei uns anzurufen.« Vom Start weg, so Hartmann, werde Otelo zur »Nummer 1« der privaten Telekom-Konkurrenten aufsteigen.

Sein Versprechen wird der Veba-Chef kaum noch halten können. Konkurrent Mannesmann Arcor liegt - auch dank einer internationalen Kooperation - deutlich besser im Plan. Der Start in den freien Telefonmarkt am 1. Januar droht für Otelo zum Fehlstart zu werden.

Das Düsseldorfer Gemeinschaftsunternehmen der beiden milliardenschweren Stromkonzerne Veba und RWE hat massive Probleme. Eine störungsfrei arbeitende Technik steht noch nicht zur Verfügung, und das Abrechnungssystem funktioniert noch nicht.

Schon im August auf der Internationalen Funkausstellung hatte Otelo-Chef Ulf Bohla vorsichtig durchblicken lassen, daß seine Mannschaft nicht in der Lage sei, die hochgesteckten Erwartungen der Mutterkonzerne in vollem Umfang umzusetzen. »Schritt für Schritt«, so hatte der sonst eher forsche Manager in Berlin angekündigt, werde man den Wettbewerb gegen die Telekom aufnehmen.

Hinter den zarten Andeutungen des ehemaligen IBM-Manns verbirgt sich eine Serie von Rückschlägen. So wird Otelo am 1. Januar des kommenden Jahres voraussichtlich noch nicht über eine technische Plattform verfügen, die es erlaubt, Millionen von Telefonaten störungsfrei abzuwickeln.

Erst sprang der britische Partner Cable & Wireless ab, dann spielte die Technik nicht mit. Immer wieder fallen die von Ericsson gelieferten Vermittlungsstellen im Sprachverkehr aus, und auch im Datennetz gibt es massive Beschwerden der Geschäftskunden. Schon jetzt drohen Otelo wegen nicht eingehaltener Leistungszusagen wie etwa bei der Verfügbarkeit des Netzes Strafen in Millionenhöhe.

Solche Strafen, beruhigt Bohla, könne kein Unternehmen ausschließen. Man setze alles daran, das Netz durch umfangreiche Tests in den Griff zu bekommen.

Die Behebung der Fehler und der Aufbau der Anlagen kommen nur schleppend voran. Zu schleppend, fürchten die Manager, um im Januar mit der gesamten Angebotspalette auf dem Markt zu sein.

Hauptkonkurrent Mannesmann Arcor ist besser dran, die Firma konnte schon beim Aufbau des D2-Handy-Netzes wertvolle Erfahrungen im Telefongeschäft sammeln. Außerdem steht mit dem Partner AT&T, dem zweitgrößten Telefonkonzern der Welt, ein erfahrener Helfer zur Seite.

Bohla dagegen ist Neuling in diesem Geschäft. Viele Fragen stellten sich ihm und seiner Manschaft zum erstenmal. Das Entscheiden fiel den Managern schwer.

Mal wollte Otelo die Priorität auf Geschäftskunden legen, dann wieder auf Privatkunden. Mal sollte der Anschluß der Haushalte über TV-Kabel-Netze erfolgen, dann wieder über Telekom-Leitungen oder Funk. Bis zum Schluß wollte sich Bohla »alle Möglichkeiten offenhalten«.

Deshalb wurden immer neue technische Konzepte diskutiert und erprobt. Selbst hochsensible ATM-Richtfunkstrecken, High-Tech, die bisher nicht einmal bei amerikanischen Telefonfirmen verwendet wird, sollte zum Einsatz kommen. Die über zehn Millionen Mark teuren Systeme sind jetzt nur schwer zu integrieren.

Auch das TV-Kabelnetz, für das Bohla mehr als eine Milliarde Mark ausgab, hat an strategischer Bedeutung verloren. Seit Postminister Wolfgang Bötsch die Preise für Ortsmietleitungen der Telekom auf weniger als zwei Pfennig festsetzte, ist ein Umbau für den Telefonverkehr kaum noch lohnend. Selbst der Verkauf der Netze ist nun denkbar.

Wesentliche Ausrüstung für das eigentliche Telefongeschäft wurde dagegen erst spät installiert. Der jüngste Rückschlag: Das Abrechnungssystem, ein komplexes Gebilde aus Hochgeschwindigkeitsrechnern und Software, das die Millionen von Telefonaten erfassen und auf Rechnungen drucken soll, wird voraussichtlich erst einige Wochen später mit voller Leistung zur Verfügung stehen.

Nun ist auch bei Otelo von einem fulminanten Start nicht mehr die Rede. »Wir wollen«, so Bohla, »lieber grundsolide Leistungen anbieten, anstatt am 1. Januar Tausende Kunden anzuschließen, die später unzufrieden sind.« Die Maschine werde langsam hochgefahren.

Im Januar sollen nach derzeitiger Planung dennoch die ersten Kunden probeweise an das Otelo-Netz angeschlossen werden. Kleinere Systeme werden die nicht funktionierende Abrechnungsmaschine fürs erste ersetzen.

Schmerzhaft müssen Hartmann und sein RWE-Kollege Dietmar Kuhnt erfahren, daß prall gefüllte Kassen aus dem Strommonopol in der Telekommunikationsindustrie allein nicht ausreichen. Die Kritik konzentriert sich jetzt auf den Mann, der das ehrgeizige Projekt zum Laufen bringen sollte, auf Bohla. Mit einer großen Werbekampagne will Otelo trotz aller Probleme für sich werben. Einer der Slogans lautet: »Darauf können Sie sich verlassen.«

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