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STAHL Allein leben

Die Stahlfirmen Krupp und Klöckner konnten nicht zueinander finden - schlechte Aussichten vor allem für Klöckner. *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Daß in der Sache nichts mehr zu bewegen war, wußten Jörg A. Henle vom Klöckner-Konzern und Wilhelm Scheider von Krupp. Dennoch reisten die beiden Ruhr-Industriellen am vorletzten Donnerstag zu Kanzler Helmut Kohl nach Bonn. Schließlich wollte man sich keine Formfehler vorhalten lassen.

Höflich bescheinigte Kohl den beiden dann, daß der geplante Zusammenschluß der Stahlwerke von Krupp und Klöckner wirtschaftlich sinnvoll sei. Ob Bonn die gewünschten Gelder zahlen werde, ließ der Kanzler aber offen.

Die Antwort auf diese Fragen reichte Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble am Montag voriger Woche telephonisch nach. Das Projekt der beiden Konzerne könne Bonn nicht unterstützen, erfuhren Henle und Scheider; auch dann nicht, wenn die Fusion dadurch verhindert würde.

Henle und Scheider reagierten so, wie es seit Monaten erwartet wurde: Sie erklärten den Stahlpakt, den sie zusammen mit dem australischen Rohstoffkonzern Conzinc Rio Tinto (CRA) schließen wollten, endgültig für gescheitert.

Das Aus für den Stahl-Deal war unvermeidlich, weil die Partner den Bund von der Schließung der Klöckner-eigenen Georgsmarienhütte bei Osnabrück abhängig gemacht hatten. Die Hälfte der Kosten für die Stillegung der Hütte in Höhe von rund 350 Millionen Mark sollten die Landesregierung in Hannover und der Bund aufbringen.

Da aber konnte Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht nicht mitmachen. Albrecht und nicht zuletzt auch Kohl wollten sich nicht so knapp vor der Niedersachsen-Wahl im März 1986 dem Vorwurf aussetzen, den Abbau von rund 2000 Arbeitsplätzen mit Steuergeldern finanziert zu haben.

Deutschlands Stahlindustrie hat nach dem Scheitern des letzten großen Konzentrationsvorhabens kaum noch Spielraum für neue Partnerschaften. Krupp hat mit Klöckner bereits den dritten Versuch hinter sich. Zuvor hatten die Bochumer mit Hoesch und danach mit Thyssen verhandelt. Hoesch war schon mal mit der bundeseigenen Salzgitter AG im Gespräch, die selbst vor Jahren bei Klöckner sondiert hatte.

Gescheitert sind die Fusionsvorhaben vor allem an den Firmenchefs - die mal vom Staat nicht genug kriegen konnten, mal sich gegenseitig auszutricksen versuchten, mal den Verbleib auf dem Chefstuhl zum obersten Verhandlungsziel machten.

Von 1986 an wird den Hüttenkonzernen die Solo-Existenz schwerfallen. Dann dürfen nach einem EG-Dekret keine Subventionen mehr gezahlt werden. Ohne Steuerhilfen könnten in Deutschland allenfalls die Konzerne Thyssen und Hoesch existieren.

Die Arbed Saarstahl GmbH, das Schlußlicht der Branche, könnte allein keinen Tag überstehen. Die erstaunliche Summe von rund drei Milliarden Mark haben Bund und Land bislang in die marode Firma gepumpt. Nach fast jedem Quartal braucht Arbed vom Staat zweistellige Millionenbeträge.

Auch für die Klöckner-Werke wird es eng. Wie sehr sie in der Klemme stecken, belegt der Prüfbericht über den Jahresabschluß des letzten Geschäftsjahres. Die Duisburger Wirtschaftsprüfer Grünewälder und Partner genehmigten das Zahlenwerk nur mit einem besonderen Hinweis.

»Der Bestand des Unternehmens«, so die Prüfer, sei »gefährdet«, sofern es nicht gelinge, »im Stahlbereich die geplanten Strukturmaßnahmen erfolgreich weiterzuführen«.

Fachleute indessen bezweifeln, ob die nun nach dem Scheitern des Fusionsvorhabens angekündigten Maßnahmen reichen werden.

Um die Existenz der Georgsmarienhütte abzusichern, will der Staat den Bau einer modernen Strangguß-Anlage finanzieren. Bereits zugesagte 75 Millionen Mark an Steuergeldern reichen nicht; mit einem Eigenbeitrag aber tut sich der Konzern schwer. Die Albrecht-Regierung muß daher zusätzlich einspringen. Sie will für die fehlenden 25 Millionen Mark von Klöckner Grundstücke kaufen.

Damit sind Henle und sein oberster Stahlmanager Herbert Gienow ihre Sorgen aber längst nicht los. Den Konzern drücken schwere Hypotheken aus der Vergangenheit: Die Klöckner-Werke zählen zu den am höchsten verschuldeten Unternehmen in der Bundesrepublik. Die Zahlen sehen so schlecht aus, daß sich die Hausbank vor kurzem zu einem Hilfsbeitrag genötigt sah.

Der Vorstand der Deutschen Bank war zusammen mit anderen Kreditgebern bereit, die Fusion durch einen gemeinsamen Forderungsverzicht bei Klöckner in Höhe von 500 Millionen Mark zu unterstützen. Auch eine direkte Beteiligung an dem neuen Unternehmen war im Gespräch.

Etwas besser als Klöckner ist Krupp für das Leben allein gerüstet. Die Verbindlichkeiten sind nicht ganz so hoch. Seit Wochen durchforstet überdies die Unternehmensberatungsfirma McKinsey den Konzern nach Rationalisierungsmöglichkeiten. Auch neue Verbindungen sind angeknüpft. Mit dem österreichischen Staatskonzern Voest-Alpine verhandelt Krupp-Stahl über eine Zusammenarbeit im Edelstahlbereich.

Freude über das Ende der Stahlallianz von der Ruhr herrscht bei den Managern von Arbed Saarstahl. Sie hatten in den letzten Wochen erleben müssen, daß der Machtwechsel an der Saar bittere Konsequenzen für ihre Firma hat: Überwies Bonn früher, als noch die CDU an der Saar regierte, wie selbstverständlich die Arbed-Subventionen, so stockte nun der Geldnachschub.

Das werde, so kalkulieren die Saarländer jetzt, so nicht bleiben. Die Bundesregierung könne sich nicht für den Erhalt der Georgsmarienhütte im CDUregierten Niedersachsen stark machen und gleichzeitig dem Konzern im nunmehr roten Saarland jede Hilfe verweigern.

Die Chancen, den größten privaten Arbeitgeber im Saarland vor dem Kollaps bewahren zu können, stehen ohnedies nicht mehr ganz so schlecht: Die Arbed-Manager und SPD-Ministerpräsident Oskar Lafontaine verhandeln derzeit mit dem Branchenführer Thyssen über eine Kooperation. Die Gespräche über gemeinsame Verkaufsgesellschaften für einzelne Produkte sind weit gediehen.

Unterschrieben wird aber nur, wenn Bonn weiter für Arbed zahlt.

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