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TANKSTELLEN Allenfalls eine Dose

Die Lobby des Einzelhandels macht Ernst: Abends und an Wochenenden sollen Tankstellen fast nur noch Benzin verkaufen.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Der Kunde legte 2,35 Mark auf den Tisch, steckte das Fläschchen »Wittenkamper Papenkorn« ein und verschwand.

Das Handelsgeschäft -- an einem Sonntagnachmittag in einer Hamburger Tankstelle -- war unauffällig, der Kunde schien harmlos. Doch weit gefehlt: Der Mann kam als Späher.

Der Hamburger »Verein für lauteren Wettbewerb« nämlich, ein Lobby-Trupp S.74 von meist hanseatischen Einzelhändlern, hatte ihn ausgeschickt, um ein Beweisstück für einen Musterprozeß herbeizuschaffen. In Tankstellen, so möchte der Einzelhandel vor Gericht durchsetzen, soll es künftig weder die Kiste Bier nach Feierabend noch Butter und Brot am Wochenende zu kaufen geben.

Gestützt auf das Kornfläschchen, ermahnte der Verein zunächst den Tankstellenpächter, derlei Geschäfte nach Ladenschluß und an Wochenenden künftig zu unterlassen.

Zwei Wochen später schickten die selbsternannten Wettbewerbs-Schützer erneut einen Testkäufer sonntags in die Tankstelle. Zum Preis von 15,60 Mark erstand der arglistige Kunde eine halbe Flasche Rum, ein Liter Cola und eine Packung Zigaretten.

Derartige Geschäfte in Tankstellen, befand das Landgericht Hamburg, dienten »offensichtlich nicht dem Zweck, auf die Fahrtüchtigkeit des Autofahrers Einfluß zu nehmen«. Die Richter untersagten den Handel zu später Stunde und an Wochenenden.

Nur Waren, die Auto oder Fahrer in Schwung halten, so sieht es das Ladenschlußgesetz vor, dürfen in Tankstellen später als abends halb sieben, sonnabendmittags nach zwei oder an Sonntagen verkauft werden.

Das rigide Gesetz, das die westdeutschen Werktätigen Abend für Abend zu hastigen Einkäufen treibt, wurde bislang an den Tankstellen ständig unterlaufen. Die Pächter statteten das Warenangebot in ihren Verkaufsräumen immer üppiger aus.

Die Mineralöl-Gesellschaften entdeckten dabei einen neuen Erwerbszweig und lieferten neben dem Sprit auch gleich noch Filmkameras, Alkoholika und Elektronikgeräte. In den Mini-Märkten der Aral findet der Kunde eine Kaminuhr aus Nußbaum für 498 Mark ebenso wie das 15teilige Teeservice oder die formschöne Hockerleuchte für 598 Mark.

Auf eine Milliarde Mark bundesweit schätzt Wolfgang Linnekogel, Geschäftsführer des Hamburger Wettbewerbs-Vereins, die jährlichen Umsätze des Tankstellengewerbes -- abgesehen vom Sprit. »Und da hört es«, findet Linnekogel, »irgendwann auf.«

Hamburgs Tankstellenpächter freilich sehen das ganz anders. Berdrängt von den Ölmultis, die ihre Vertriebspartner äußerst kurz halten (siehe SPIEGEL 27/1980), haben viele sich die flotten Einkaufsshops gerade erst eingerichtet, um besser über die Runden zu kommen.

Der Verbotsspruch der Landrichter trifft die Pächter nun doppelt: Der Geschäftsgang lahmt, die Kosten für das Verkaufspersonal bleiben.

Auf einer hitzigen Versammlung im Hamburger Hotel am Holstenwall einigten sich rund 250 Pächter auf eine simple Abhilfe: Abends nach halb sieben läuft in fast allen Hamburger Tankstellen nichts mehr, weder Benzin noch Bier; die ersten Tankwarte wurden entlassen. Lediglich an Ausfallstraßen und Autobahnzufahrten, wo mit dem Sprit ein Geschäft zu machen ist, blieben die Zapfhähne in Betrieb.

So schlicht freilich ist der westdeutschen Rechtspflege kaum beizukommen. Hamburgs Kartellbehörde ließ die Pächter wissen, daß derlei massenhafte Verweigerung nicht Rechtens sei. Denn mit dem Recht, abends und am Wochenende Sprit zu verkaufen, haben die Tankstellen die Pflicht, es auch ausreichend zu tun.

Das soll nun in Hamburg künftig nach dem Vorbild der Apotheken geschehen. Auch in entlegenen Gebieten, so sind sich Kartellbehörde, Einzelhandel und Pächter einig, wird jeweils eine Tankstelle Benzin verkaufen. Wo der Zapfhahn geschlossen bleibt, wird ein Schild zur nächsten Spritstation weisen.

Kaminuhren, Schnaps und griechische Teppiche wird der abendliche Kunde überhaupt nicht mehr kaufen können. Nach einem Katalog des Wettbewerbsvereins dürfen Hamburgs Autofahrer neben dem nötigsten Autozubehör künftig allenfalls noch eine Cola-Dose oder eine Schachtel Zigaretten mitnehmen. Ein Spielzeug für den quäkenden Säugling gibt's nur noch »im Wert bis DM 8«.

An das schmalere Sortiment in den Tankstellen werden sich nicht nur die Hamburger gewöhnen müssen: Auch in Hannover, Würzburg und Freiburg waren die Späher des Hamburger Wettbewerbs-Vereins bereits unterwegs, um Beweisstücke für neue Prozesse zu beschaffen.

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