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»Alles Quatsch, was Banken empfehlen«

aus DER SPIEGEL 5/1979

In der ersten Kaffeepause drängelt sich ein muskulöser Jünger heran: »Herr Kostolany, wie ist es eigentlich mit Gold nach Indien?« Etwas indigniert schaut der kleine Mann auf, zieht die gewaltige Unterlippe noch tiefer und rät ab: Der Transport sei illegal, man kriege das Gold schwer rein und das Geld schwer raus.

Der junge Mann will schon abdrehen, da ergreift den Ratgeber Mitleid. Wenn schon Goldgeschäfte, dann mit dem Ostblock. Da ändern die Staatsbanken nur alle halbe Jahr den Preis. »Ach«, staunt der Frager. Dann fällt der Groschen. Für flexible Jungs, heißt das, muß da was zu machen sein.

Während der Muskelmann noch nachdenkt, ist sein Gesprächspartner behende in den »Salon Brahms« des Hamburger Interconti-Hotels zurückgeeilt und ruft die Gemeinde zur Fortsetzung des Seminars zusammen.

Mehr als solch direkte Fragen schätzt Kostolany Erörterungen des Großen und Ganzen. Und das vor allem, wenn er selbst erzählen darf.

Das Thema ist dann eigentlich egal. Diesmal heißt es, zwei Tage lang, »Leitfaden für Börsenprognosen«. Dargeboten von André Kostolany, geboren in Ungarn, wohnhaft in Paris mit amerikanischem Paß, Liebhaber von Wiener Kaffeehäusern und -- dank unermüdlichem PR-Gequirle -- manchen Menschen als Börsenspekulant bekannt.

Zunächst wird für die begriffliche Grundlegung gesorgt: »Ich sage lieber das alte Wort Kapitalismus, nicht das modische Marktwirtschaft.« Die dreißig Zuhörer blicken zustimmend. Nichts ist für einen Spekulanten gefährlicher als eine falsche Analyse.

»Analiese und Psiechologie«, doziert der Meister in seinem k. u. kDialekt, »sind das Wichtigste an der Börse.« Bei solchen Grundsätzen liegen die sonst ständig gestikulierenden Hände auf dem Rücken, das Kinn ruht auf der Fliege, der Blick kommt von unten.

Das Show-Talent des kleinen Ungarn ist beachtlich. Wenn er von damals im Wiener Kaffeehaus ("Mein alter Freund, der Bankier, der ist jetzt auch schon tot") erzählt, vergessen die Teilnehmer des zweitägigen Seminars für eine Weile, daß sie -- incl. Mehrwertsteuer -- 560 Mark bezahlt haben, um heiße Börsentips zu kriegen.

Aber sie sind dem Guru der Spekulanten wenigstens nahe, und vielleicht kommt auch so etwas rüber. Immerhin hat Kostolany über 50 Jahre Aktien, Gold, Sojabohnen, Weizen, Schweinehälften und andere Wertgegenstände an den Börsen angekauft und verkauft. Von den Preisunterschieden lebt er, sagt man.

»Sollte man es nicht wie Paul Getty machen?« fragt ein bedächtiger alter Herr. Nu ja, der amerikanische Ölmilliardär habe wohl eine gute Methode gehabt, räumt der Profi ein. Doch dann drängt er die Gemeinde eiligst von fremden Göttern ab: »Traut niemandem, man muß hartgesotten, nicht zittrig sein.«

Und gleich wird die Gelegenheit genutzt, um die Gilde der Makler und Anlageberater herunterzuputzen. Die müßten ja ihre Provisionen verdienen und würden daher ständig zu Kauf oder Verkauf raten. Und überhaupt, manchmal wollten die einfach ihre »Nonvaleurs« loswerden. »Jawoll«, stellt ein schnauzbärtiger Mittdreißiger klar, »wenn die Bankmenschen gute Tips hätten, wären sie keine Bankmenschen mehr.«

Ein Herr mit Weste, Bankmensch aus Itzehoe, meldet Widerspruch: »Die Beratung ist solide.« Das bringt den Schnauzbart erst richtig in Rage: »Alles Quatsch, wenn Banken was empfehlen, geh« ich sofort short.« Er haut mit der Hand auf den Tisch, daß die Dreiergruppe aus Cola, Apfelsaft und Sprudel klirrt.

Vergnügt betrachtet Kostolany den selbstbewußten Auftritt. Für ihn hat »die Menge immer unrecht«. Wer"s noch nicht weiß: Das große Geld wird gegen den Strom gemacht, »grosso modo« jedenfalls. Und da gilt es. feinste Signale aufzufangen.

»Was kann man bloß gegen die Steuern machen«, klagt ein Zuhörer über den Rand seiner halbhohen Brille. Der Meister hebt die Arme. Dann ist es wieder Zeit für den Kaffee.

Der nächste Herr möchte statt eines Tips ein Lob. Schon zwei Schnell-Lesekurse habe er absolviert, um den Wust an Börsenberichten bewältigen zu können. Kostolany wendet all seinen Charme auf, um den Kandidaten zu erläutern, daß Nachdenken beinahe noch wichtiger sei als Lesen.

Verdrossen hockt die Runde über den Schreibblöcken. Der spielerische Funke will nicht recht überspringen. Schließlich ist Spekulieren Arbeit, zumal in Norddeutschland. Der erste Seminartag ist fast vorbei, und sichere Tips stehen noch aus.

Kostolany-Assistent Gottfried Heller erfaßt die Stimmung. Für Kursusteilnehmer sei der Hotelpreis von 165 Mark auf 110 (Einzelzimmer) und 210 Mark auf 150 (Doppelzimmer) heruntergehandelt. Es kommt noch besser. Die grobe Richtung für das Geld? Go west, Amerika, aber darüber werde man morgen noch reden. Erleichtert packt die Schülerrunde Papier und Bleistifte in die Mappen.

Am zweiten Tag geht es zur Sache. Bevor »mein Freund Heller« die US-Lage erläutert, verweist der müder gewordene Chef auf Südafrika. »Dreißig Jahre machen die noch, da haben Sie ihr Geld ein paarmal wieder raus.« Papier raschelt, man sucht ein Schreibgerät: Bis 30 Prozent im Jahr sollen die Goldminen-Aktien bringen. Bei aller krausen Politik, ein bißchen wird es da doch noch halten.

Später, im Fahrstuhl, sagt eine ältere Dame: »Irgendwie wird man doch sicherer, meinen Sie nicht?«

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