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Banken Alles tolle Kerle

Die deutschen Geldhäuser gehen ins Internet. Ganz wohl ist ihnen nicht dabei.
aus DER SPIEGEL 35/1996

D ie Cafébar ist gut besucht. Banker sitzen auf hohen Hockern, sie spielen mit der Maus: Hier im Technikzentrum der Deutschen Bank können sie nach Herzenslust durchs Internet surfen.

Daß die Recherche der Bankprofis nicht immer den aktuellen Aktienkursen oder der neuesten Finanzsoftware gilt, kümmert Peter Gerard, Bereichsvorstand der Deutschen Bank, wenig. Das Internetcafé in der Deutschen-Bank-Zentrale war seine Idee: Die Mitarbeiter sollen sich an die neue Technik gewöhnen, die das Bankgewerbe revolutionieren könnte.

Das größte deutsche Kreditinstitut bereitet den massiven Einstieg in das weltumspannende Netz der Netze vor. Zwar sind schon viele deutsche Banken im World Wide Web und können von Millionen Computernutzern angeklickt werden. Doch bisher waren das reine Werbe-, bestenfalls Informationsveranstaltungen.

Das wird sich nun ändern. Am 1. Oktober schickt die Deutsche Bank ihre Direktbanktochter Bank 24 vor: Überweisungen oder die Abfrage des Kontostandes, später im Jahr auch der Wertpapierkauf, sollen über das Internet möglich sein. Schon wenige Wochen später will dann die Deutsche Bank selbst jedem interessierten Kunden den Zahlungsverkehr im Cyberspace ermöglichen.

Ursprünglich sollte es bereits im August losgehen. Doch der Vorstand der Deutschen Bank zuckte zurück, obwohl zwei renommierte Prüfungsgesellschaften die Sicherheit des Systems testiert haben. »Es gibt unheimlich viele Ängste in der Führungsspitze«, hat Axel Glanz von der Unternehmensberatung Diebold beobachtet.

Weniger Bedenken haben offensichtlich die Hamburger Sparda Bank sowie die Münchner Direkt Anlage Bank (DAB). Beide wollen diese Woche als erste deutsche Finanzinstitute wirkliche Bankgeschäfte im Internet anbieten. Die DAB lockt Online-Kunden mit Preisnachlässen von über 50 Prozent.

Bei der Sparda Bank haben sich bereits 1800 Kunden gemeldet, die von Anfang an dabei sein wollen. »Wir hatten sogar Anfragen aus Kanada und Mexiko«, sagt Marketingleiter Dieter Miloschik. Er hofft, im ersten Internet-Jahr 7000 Computerfreaks, darunter 3000 Neukunden, zu gewinnen.

Banker Gerard glaubt an einen völlig neuen, explosiv wachsenden Markt für Bankgeschäfte. Wer über die besten Techniker verfüge, meint der frühere IBM-Manager, habe dabei die Nase vorn.

Rund tausend Softwareingenieure hat die Deutsche Bank deshalb seit 1989 neu eingestellt, »alles engagierte tolle Kerle«, sagt Gerard. Die sollen die Bank für die Datenautobahnen der Zukunft fit machen.

Das Geld - seit den Zeiten des Tauschhandels ein immer abstrakteres Gut - wandert in die Netze. Geldgeschäfte können direkt mit dem Geschäftspartner erledigt werden. Werden Banken da nicht überflüssig? »Sie verkommen zu monetären Mausoleen«, prophezeit William Randle, Vizepräsident der amerikanischen Regionalbank Huntington Bancshares.

Schon drängen Softwarefirmen wie Microsoft in das Geschäft mit dem elektronischen Cash. »Unser Kerngeschäft wird bedroht von Wettbewerbern, die wir nie zuvor gekannt haben«, sorgt sich Bankchef Hilmar Kopper.

Die Technik setzt die neuen Standards. Bald kann der Kontostand am Display des Mobiltelefons abgefragt werden und die Anlageberatung über das interaktive Fernsehen erfolgen.

Langfristig werden viele Filialen mangels Kundschaft schließen müssen. Die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen geht davon aus, daß in den nächsten vier Jahren 100 000 der 700 000 Stellen im Kreditgewerbe wegfallen werden.

Die größte Bedrohung kommt für die Kreditinstitute aus dem Internet. »Eine Internetbank aus dem Boden zu stampfen, kostet etwa eine Million Dollar«, haben die Unternehmensberater von Booz-Allen & Hamilton ermittelt. Für »die europäischen Bankdinosaurier« sei es allerdings wesentlich teurer, weil sie ihre gesamte Software neu ausrichten müßten.

Das eröffnet Chancen für kapitalschwächere Neulinge. In den USA sorgt die bis vor kurzem völlig unbekannte Trade Securities aus dem kalifornischen Palo Alto für Furore. Sie wickelt Börsenaufträge in Sekundenschnelle und zu einem Zehntel der Kosten ab, die etablierte amerikanische Discountbroker wie Fidelity oder Schwab berechnen.

Horst Müller, im Vorstand der Dresdner Bank für Konzernplanung zuständig, bezweifelt, daß »der Vertriebsweg Internet für die etablierten Banken mittelfristig rentabel sein wird«. Es sei kaum möglich, sich mit einem höherwertigen Angebot von der Konkurrenz abzusetzen. Allein der Preis entscheide.

Bisher verhinderten Sicherheitsprobleme, daß sich wirkliches Internetbanking in Deutschland ausbreitet. Doch die seien nun gelöst, versichern die Banken. »Wir sind absolut sicher, daß nichts passiert«, sagt Gerard.

Seit über einem halben Jahr versuchen Hacker, im Auftrag der Deutschen Bank die Sicherheitscodes zu knacken. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und die Dienstleistungstochter von Daimler Debis mußten testieren, daß die sogenannte Firewall hält, die den Zentralcomputer der Bank vor dem Megagau eines eingedrungenen Computervirus schützt.

»Ein Restrisiko bleibt«, hält Andreas Müller-Maguhn dagegen. Der Sprecher des Chaos Computer Clubs fordert, daß die Banken die Haftung übernehmen sollten, wenn für den Kunden doch mal etwas schiefgehe.

Die größte Unsicherheit für die Internetbanken besteht allerdings darin, wie schnell die Kunden der neuen Technik ihre Finanzgeschäfte anvertrauen.

Ganz in der Nähe des Internetcafés der Deutschen Bank gibt es eine Filiale für die 3000 Mitarbeiter des Eschborner Technikzentrums. Selbst die erledigen ihre Geschäfte meist am traditionellen Bankschalter.

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