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MANAGER Alles zu Tage

Zwei Vorstandsmitglieder mußten schlechte Geschäfte der Westdeutschen Landesbank mit ihrem Job bezahlen. Fraglich ist, ob die Verluste gestoppt sind. *
aus DER SPIEGEL 4/1984

In den letzten Tagen des alten Jahres genoß Vinzenz Grothgar, zweiter Mann der Westdeutschen Landesbank (WestLB), noch die Freuden eines Spitzenbankiers: In New York durfte er am alljährlichen »Christmas Brunch« des Bankiers David Rockefeller teilnehmen.

Doch mit dem Jahreswechsel war die Stimmung hin. Kaum war Grothgar, nach einem Abstecher zur Washingtoner Weltbank, wieder in Düsseldorf gelandet, da drängten die WestLB-Eigentümer auf ein Ende seiner Karriere.

Die Besitzer der Bank - die Düsseldorfer Landesregierung (WestLB-Anteil: 43,2 Prozent), die nordrhein-westfälischen Sparkassen (33,4 Prozent) und die Landschaftsverbände der Kommunen (23,4 Prozent) - wollten Grothgar so rasch wie möglich loswerden. Eine »Auflösungsvereinbarung«, die der Bankier mit seinem Vorgesetzten, dem WestLB-Chef Friedel Neuber, ausgehandelt hatte, wischten sie vom Tisch. Danach wäre Grothgar »im gegenseitigen Einverständnis« ausgeschieden.

Die sechs Mitglieder des Präsidialausschusses suchten statt dessen nach einem Vorwand für einen fristlosen Rausschmiß, um die Abfindung zu sparen. Doch das gelang nicht. Schließlich verabschiedeten sie Anfang letzter Woche den 49jährigen Auslandsmanager der Bank ebenso wie den 56jährigen WestLB-Kreditchef Heinrich Viefers mit dem Hinweis auf ein »gestörtes Vertrauensverhältnis«.

Grothgar und Viefers bekommen nun ihre jeweils noch dreieinhalb Jahre laufenden Verträge voll ausbezahlt.

Die Kontrolleure der drittgrößten deutschen Bankengruppe (Bilanzsumme: 133 Milliarden Mark) hatten ihr Vertrauen in die Bankmanager verloren, nachdem Neuber auf der Verwaltungsratssitzung Ende November letzten Jahres eine böse Überraschung angekündigt hatte.

In einem vorläufigen Überblick über das Geschäftsjahr 1983 hatte Neuber zwar ein fulminantes Betriebsergebnis von rund 1,1 Milliarden Mark in Aussicht gestellt. Doch der klotzige Konzerngewinn, so schockte Neuber seine Aufpasser, werde voll von Verlusten und Wertberichtigungen aufgezehrt. Firmenpleiten und Kreditausfälle hatten sich derart gehäuft, daß die Landesbanker noch nicht einmal Rückstellungen und Risikopolster für ihre überdimensionierten Stahlkredite bilden konnten.

An die Sparkassenoberen und Landesminister, die in den letzten zweieinhalb Jahren über 1,6 Milliarden Mark neues Kapital in die Bank einschießen mußten, wird die WestLB deshalb zum drittenmal hintereinander keine Dividende ausschütten können. Dabei hatte Neuber nach knapp zweijähriger Sanierungsarbeit im Mai letzten Jahres die Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen angekündigt. »So einen Fehler mache ich nicht noch einmal«, entschuldigte sich Neuber für die voreilige Prognose bei den beiden Landesministern Diether Posser (Finanzen) und Reimut Jochimsen (Wirtschaft).

Doch die Verwaltungsräte aus dem Sparkassenlager gaben sich mit solchen Erklärungen nicht zufrieden. Als erste forderten die Sparkassenpräsidenten aus dem Rheinland, Johannes Fröhlings, und aus Westfalen, Helmut Keßler, personelle Konsequenzen.

Mit ihrer harten Gangart traten die zwei Spitzenvertreter der Kreis- und Stadtsparkassen die Flucht nach vorn an. Das Duo führt den Vorsitz in den beiden Kreditausschüssen des WestLB-Verwaltungsrates. Bevor aber Fragen nach der eigenen Verantwortlichkeit laut werden konnten, war es gut, zwei Schuldige präsentieren zu können.

Die Verluste der Düsseldorfer Staatsbank, die in den siebziger Jahren unter Ludwig Poullain als Anführer der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute noch den frechen Herausforderer des Branchenführers Deutsche Bank spielte, erinnern an das inzwischen legendäre Debakel der Hessischen Landesbank. Für die letzten drei Jahre kommen fast 2,5 Milliarden Mark WestLB-Verluste zusammen.

Das ganze Ausmaß der Misere trat erst zutage, als WestLB-Chef Neuber den Bankriesen neu ordnete und die Großkunden erstmals von einem zentralen Kreditbüro durchleuchten ließ.

Was die 40 Kreditspezialisten dann im Herbst herausfanden, war erschreckend. Zuerst errechneten sie einen 60-Millionen-Mark-Ausfall bei dem Immobilienprojekt »Rheincenter Neuß«. Dann stießen die Kreditprüfer auf ein Millionengrab bei dem Bochumer Ölhändler Herbert Schnapka.

An die Schnapka-Firmen Bomin, Frisia und Mönninghoff hatten die Landesbankiers 280 Millionen Mark ausgeliehen, bevor die Gruppe Mitte letzten Jahres zusammenbrach. Als dann der einzige Kaufinteressent, die Hamburger Marimpex, absprang, addierten sich die Schnapka-Ausfälle auf 198 Millionen Mark.

Schmerzliche Erfahrungen machten die WestLB-Manager bei einem Ausflug in die ferne, große Bankenwelt. In der britischen Kronkolonie Hongkong kostet allein die Liquidation des Immobilien-Großkunden Carrian voraussichtlich 115 Millionen Mark. Hinzu kommen

Abschreibungen und Wertpapierschieflagen von insgesamt 35 Millionen, die bei der Auflösung der Hongkong-Tochter WestLB Asia sichtbar wurden.

Am schlimmsten trifft die Düsseldorfer das Desaster bei Europas größter Leasing-Gesellschaft, der Deutschen Anlagen-Leasing (DAL). Mit einem Kapitalanteil von 30 Prozent ist die WestLB größter DAL-Gesellschafter und stellt mit Heinrich Viefers auch den Aufsichtsrats-Chef.

Vergeblich mühte sich Viefers mit den gleichfalls beteiligten Kollegen der Landesbanken in Rheinland-Pfalz, Hessen und Bayern um eine schrittweise Kurskorrektur bei der Leasing-Firma, die Industrieprojekte im Wert von über zwölf Milliarden Mark finanziert hat.

Die Leasing-Firma war selten vor Risiken zurückgeschreckt. Pleitefirmen wie die Baumaschinenfirma IBH oder Wienerwald und Bauknecht gehörten zu den Großkunden von DAL.

Als erster hatte offenbar WestLB-Chef Neuber die Tücken des Geschäfts erkannt. Als er vor zweieinhalb Jahren das Amt des WestLB-Chefs antrat, lehnte er es ab, gleichzeitig auch den Vorsitz im DAL-Aufsichtsrat zu übernehmen. Neuber verzichtete auf die 150 000 Mark Aufsichtsrats-Tantiemen seines Amtsvorgängers Johannes Völling und überließ Kredit-Chef Viefers den DAL-Posten.

Viefers kam auch prompt ins Schleudern, als die Hessische Landesbank (Helaba) aus Furcht vor steigenden Ausfällen und Wertberichtigungen die WestLB zu härteren Korrekturen bei der Leasing-Firma drängte. Zuerst verweigerten die Helaba-Aufsichtsräte bei der DAL ihre Zustimmung zu neuen Projektfinanzierungen, dann ging der Helaba-Chef Heinz Sippel auf Konfrontationskurs zur WestLB: Er drohte Mitte Dezember schriftlich an, den DAL-Gesellschaftervertrag zu kündigen und seine zwei AR-Mitglieder abzuziehen.

Wie prekär die Lage war, wurde deutlich, als der von der WestLB entsandte DAL-Sanierer Hans Wielens nach der Helaba-Drohung von seinen Gesellschaftern 300 Millionen Mark verlangte. Andernfalls müsse er Vergleich anmelden. Die Drohung half. Zwei Tage vor Weihnachten formulierten die DAL-Teilhaber eine schriftliche Garantie-Erklärung über 250 Millionen Mark. Die Helaba-Rebellen stellten ihren Ausstieg erst einmal bis Mitte 1984 zurück.

Ob das DAL-Opfer reicht, scheint mehr als fraglich. Am Freitag vergangener Woche avisierte WestLB-Chef Neuber dem Kreditausschuß und Verwaltungsrat seiner Bank in Münster einen Wertberichtigungsbedarf von voraussichtlich 400 Millionen Mark für die DAL. Der neue DAL-Chef Wielens geht sogar noch weiter: Er hält eine Risikovorsorge bis zu 680 Millionen Mark für nötig: »Wir müssen alles zutage fördern, was vorher vertuscht worden ist.«

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